Film "Iron Sky"Kryptofaschistischer Weltraumschrott

Auf kaum einen Film hatten so viele hingefiebert wie auf "Iron Sky". Doch die Nazi-Weltraum-Klamotte ist langweilig, platt und mutlos.

Eine Szene aus "Iron Sky"

Eine Szene aus "Iron Sky"

Wir schreiben das Jahr 2018. Während einer Mondmission entdecken amerikanische Astronauten, woran bisher nur Verschwörungstheoretiker mit Hang zu rechtsradikalen Phantasien geglaubt hatten: eine kilometergroße Nazisiedlung auf dem Mond, samt Ufo-Flotte und Führerstaat. Das zumindest ist die Geschichte von Iron Sky, einem auf der Berlinale vorgestellten und mit finanzieller wie inhaltlicher Unterstützung aus dem Internet entstandener Film.

Dessen Grundzüge sind kein Einfall des Regisseurs Timo Vuorensola oder den Fans von Iron Sky, sondern in jedem Forum für Verschwörungstheoretiker zu finden: Mit Hilfe von sogenannten Reichsflugscheiben aus den Laboren von Wernher von Braun sind die Nazis 1945 gen Mond geflüchtet, um dort an einer Wunderwaffe zu arbeiten, mit denen die Weltherrschaft doch noch erkämpft werden soll.

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Blöd nur, dass die Mondmission der Amerikaner die vor sich hin werkelnden Nazis aufschreckt. Mit Hilfe eines gefundenen Smartphones soll das Riesenraumkampfschiff Götterdämmerung nach 60 Jahren flugfähig gemacht werden – um endlich, endlich die Erde zu erobern. Was hätte man in diesen irren Mythen an absurden Szenen entwickeln können: Ein Nazi-Imperium auf dem Mond, zwischen Größenwahn und Unfähigkeit! Weltraumnazis, die sich für die Größten halten, aber noch nie ein Smartphone gesehen haben und in verfallendem Weltraumschrott auf ihre Chance warten.

Weil aber der Film die Mondnazis als existenzielle Bedrohung später noch für eine Weltraumschlacht braucht, dürfen sie sich eben nicht ihrer offensichtlichen Lächerlichkeit Preis geben oder nach Strich und Faden vermöbelt werden. Anders als in Quentin Tarantinos Inglourious Basterds, in dem eine explizit antifaschistische Fantasie verfilmt wurde, und auch anders als alle Filme in der Tradition von Mel Brooks’ The Producers, in denen die Nazis durchweg lächerlich gemacht wurden.

In Iron Sky ist auch über 60 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges die Kommandostruktur der Nazis intakt, die Siedlung auf dem Mond ist zwar etwas antiquiert, funktioniert aber einwandfrei und die Reichsflugscheiben fliegen innerhalb von Augenblicken vom Mond zur Erde. So wirkt der Film bisweilen wie der Traum eines jeden startrekbegeisterten Neonazis und strickt, sicher ungewollt, an kryptofaschistischen Legenden. Und dass diese Weltraumnazis von vorvorgestern den Amerikanern aus dem Jahr 2018 das Wasser reichen können, ist selbst im Rahmen der hanebüchenen Story von Iron Sky ärgerlicher Unfug.

Die Versuche in Sachen Handlung machen den Film nicht erträglicher. Statt eine auch nur in Ansätzen interessante, spannende oder wenigstens in Herrgottsnamen alberne Geschichte zu entwickeln, reiht Iron Sky verunglückten Schenkelklopfer an verunglückten Schenkelklopfer und mutlosen Gagversuch an mutlosen Gagversuch, bis endlich die Schlacht um die Erde auf die Leinwand darf.

Leserkommentare
  1. dieser Kritik, Daniel Erk a.k.a. "unser Hitler-Experte", ist nicht unbedingt für seinen guten Filmgeschmack bekannt. (Siehe zum Beispiel seinen Verriss vom "Planet der Affen"-Prequel.) Schön, dass er, der sich mit einem Buch über die Allgegenwärtigkeit von all things Adolf profiliert hat, hier mal wieder seine Meinung zum nächsten Nazi-Film kundtun darf.

    Leider glaube ich auch, dass der Film nicht besonders gut geworden ist - auch nicht in dem, was er sein woll. Zumindest die Sarah-Palin-Gags im Trailer haben mich abgeschreckt, in was für eine Richtung es geht. Julia Dietze ist aber definitiv ein Sweetheart.

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  2. machbar, da gebe ich Ihnen vollumfänglich recht.

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    Antwort auf
  3. Nazis Kunst gebrauchen?

    Mal davon abgesehen, dass dies hier kaum der Fall sein dürfte.

    Mit der Stringenz der Logik, der Film sei unnötig, weil er von Nazis missbraucht werden kann, kann man eine ganze Menge - ich überspitze mal künstlerisch - missbrauchen und eine Endlösung finden.

    Der Blödsinn funktioniert doch in beliebige Richtungen.

    Und niemand ist 100% Nazi.

    Das ist wie mit Jesus bei den Nazis, der war ja auch Jesus & Zimmermann. ;-)

    Antwort auf
  4. langsam genug gewütet hier, oder?

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  5. Werter Herr Erk!
    Ich saß mit 4 "Gleichgesinnten" am denkwürdigem Abend im Auditorium und muß Ihnen leider sagen...Ihre Kritik negiert die Empfindungen und Reaktionen des Publikums auf das Entschiedenste!
    Die Masse der Zuschauer war sich bewußt eine Komödie anzuschauen...Sie offenbar nicht!
    Ich versichere Ihnen...wir waren ab der 1.Minute nicht mehr aus dem Lachen rausgekommen....die Seitenhiebe auf die Amis und die UNO haben unser Bauchfell überstrapaziert!!!!

    Eine geniale Komödie die es verdient, in unseren Kino's gespielt zu werden!

    Haben Sie, wenn überhaupt dabeigewesen, registriert, wie das Auditorium reagiert hat nach der Aufführung??? Beim Showdown des "Machers", seines Teams und der Hauptdarsteller??? Ich glaube , eher nicht!

    Ich gebe allen die Empfehlung, sich dieses "schlechte Machwerk" zu gönnen!

    tomcat01

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  6. Schon mal was vom Film „Die Mondverschwörung“ gehört? Eine irrsinnige Expedition in die Welt der Mondgläubigen und UFO-Fanatiker – allerdings mit einem gruseligen Nachteil: diese Leute gibt es wirklich!
    http://www.youtube.com/wa...

  7. 87. Schade!

    Hatte auf Irrsinn a la "Inglourious basterds" gehofft, doch dem ist wohl nicht so. Werde mir den Film dennoch ansehen, um mir ein eigenes Bild zu machen.

  8. Ich habe diese Kritik in einem Forum verlinkt und ich zitiere aus einem Beitrag dazu: "Statt uns moralisch zu bevormunden sollte Die Zeit sich lieber darum bemühen, ein paar Leser diesseits der 80 zu gewinnen." Die meisten Posts dort tendieren in diese Richtung. Jetzt fremdschäme ich mich so langsam für den Verfasser dieser Kritik.

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