FilmDie dritte Dimension wartet auf ihre Eroberung

Ein neues Kino muss her! Vor 50 Jahren forderte die Oberhausener Gruppe die Erneuerung der Filmkunst. Ein Aufruf an alle Filmschaffenden zu mehr Wagnis – auch heute. von 

Ein neues Kino muss her! Vor genau fünfzig Jahren machten sich ein paar junge, später sehr namhafte Filmschaffende auf, den deutschen Film zu revolutionieren. Die Kritik der Oberhausener Gruppe: Filme verkommen zur Ware und verlieren dabei ihren Wert als Kunst und Kulturgut. Immer öfter lenken sie nur von den Nöten des Lebens ab und suggerieren eine falsche Geborgenheit.

Wer in der Sonntagnacht die diesjährige Oscar-Verleihung verfolgt hat – professionell, aber beklemmend nostalgisch – bekommt den Eindruck: Der Aufruf ist aktuell wie nie. Prämiert wurden Filme, die inhaltlich wie technisch gängige Sehgewohnheiten bedienten. Wobei man dem großen Abräumer The Artist lassen muss, dass er das paradoxerweise als Stummfilm schaffte, was immerhin originell ist. Dem Zuschauer hat er dennoch wenig Neues abverlangt.

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Statt sich nach Vergangenem zurückzusehnen, sollten wieder neuartige Filme gewagt und gezeigt werden. Die Filmschaffenden, die sich einst dem Oberhausener Manifest verpflichtet fühlten, erzielten später große Erfolge mit ihren Arbeiten: Edgar Reitz , Alexander Kluge , Peter Schamoni, Werner Herzog , Volker Schlöndorff . Im Übrigen haben sie den deutschen Film auf Jahre beeinflusst, um nicht zu sagen revolutioniert. Aufbruch lohnt sich.

Werner Herzog hat im vergangenen Jahr den Dokumentarfilm Die Höhle der vergessenen Träume gedreht. Er nutzte dafür eine 3-D-Kamera, mit deren Hilfe er die jahrtausendealten Reliefs in der steinzeitlichen Chauvet-Höhle lebendig werden ließ. Die Technik ist ein schönes, weil anschauliches Beispiel für nicht genutzte Möglichkeiten. Mit ihr stünde Filmschaffenden derzeit ein Instrument zur Verfügung, welches das Kinoerlebnis komplett erneuern könnte. Tatsächlich schöpfen aber nur wenige Regisseure wie Herzog in seinem Höhlentraum die Technik aus, und falls sie sie doch nutzen, verkommt sie zum Effekt. Warum nur will kaum einer den Raum erobern?

Der Professor für Digitale Medien Francois Garnier, der auch Wim Wenders für dessen 3-D-Werk Pina beriet, beschäftigt sich damit, wie wir dreidimensionale Bilder verarbeiten. Seine These: ganz anders als flache Bilder. 3-D spreche uns unmittelbarer, weniger rational an. Solche Filme könnten das Publikum anders berühren. Sie fordern allerdings von den Regisseuren und Kameraleuten auch einen neuen Umgang mit der Technik. Neue Blickwinkel müssen ausprobiert werden, neue Erzähltechniken gefunden.

Man möchte meinen, das sollte kreative Filmschaffende zum Ausprobieren reizen.

Neben Werner Herzog haben das Wim Wenders in Pina und Martin Scorsese in Hugo Cabret getan. Sehr sehenswert. Beide wurden während der Oscar-Vergaben allerdings gar nicht oder zu wenig bedacht: Pina unterlag Undefeated , Hugo Cabret in der Kategorie Beste Regie The Artist . Beide Sieger hatten übrigens im Vorfeld die massive Unterstützung des Großverleihers und -produzenten Harvey Weinstein, für den sich Film auf Geld reduziert – ein Problem, das auch die Oberhausener erkannten. Opas Kino, so scheint es, ist noch lebendig.

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Leserkommentare
    • Keef
    • 28. Februar 2012 16:39 Uhr

    Den Appell, welchen Sie an die Filmschaffenden richten, ist recht nachvollziehbar. Allerdings kann ich Ihre Meinung, Film verkomme zum Verkaufsprodukt,nicht zur Gänze teilen. Das Phänomen, auf dass Sie wahrscheinlich abzielten, ist die zunehmende Kommerzialisierung der Kunst im digitalen Zeitalter. Doch dies ist,denke ich, eine natürliche Entwicklung unserer Zeit. Durch die stark gewachsenen technischen Möglichkeiten in der kreativen Branche und ihre ebenso stark angestiegen Nutzung durch die Medienindustrie, ist es möglich geworden, neue Kunst,in diesem Fall den Film,wie am Fließband zu produzieren. Die Lösung dieses Problems liegt allerdings durchaus in einer Rückbesinnung auf die alten Filme, wie es zum Beispiel Werke von Godard oder Fellini sind. Das heißt, Filme technisch schlichter zu entwerfen (weniger Spezialeffekte, Kameratechniken, etc.) Die Menschen der heutigen Zeit sind an Technik in ihrem Leben gewöhnt - und zwar im Überfluss. Sie erfüllen ihren Alltag mit schierer Schnelllebigkeit und Überreizung der Sinne. Der Film sollte sich, meiner Meinung nach, zurückbesinnen auf sein Anfänge, und mir Ihr Beispiel von 'The Artist' sehr gelegen. Anstelle von neuer Technik,neuen Effekten und anderen Erzählweisen sollte mehr Inhalt in die Filme zurückkehren; Inhalte, die vom Menschen erzählen,von seinem Leben und Streben, von seinen Erfahrungen, von seinen Erolgen, Misserfolgen und Träumen. Das macht Film aus-dass er Menschen berührt,indem er ihnen zeigt wie sie sind-ohne 3D.

    3 Leserempfehlungen
  1. ... machen noch lange keinen sehenswerten Film aus. Natürlich sind 3D-Effekte spannend, sofern sie sogleich mit einer 3D-Kamera festgehalten wurden und nicht nachträglich digital eingearbeitet sind. Leider dunkeln die gewöhnlichen 3D-Brillen mit Polarisationsfilter, die man aus dem Kino kennt, sehr stark ab. Farbfilterbrillen sind auch keine Alternative und Schnee von gestern. Soll heißen, für die wenigen Szenen mit herausragenden 3D-Effekten (z.B. beim Durchstreifen des Dschungels wie in Avatar) schmälert man das Sehvergnügen und die Konzentration auf die Handlung selbst. Die große Errungenschaft 3D lenkt doch nur von der Einfallslosigkeit der Kinobranche ab, siehe z.B. die zahlreichen Historienstreifen seit Jahr und Tag

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    • _bla_
    • 29. Februar 2012 9:31 Uhr

    Die 3D Verfahren führen prinzipbedingt alle zu einem starken Lichtverlust. Nur so ca. zwischen 10 bis 20% des Lichts der Lampe kommen wirklich noch durch die Brille am Auge an.

    Dabei ist gerade für 3D Film eine hohe Helligkeit wichtig, weil sich bei dunklen Bildern die Pupillen besonders stark öffnen, was wiederum zu einer geringen Tiefschärfe führt, womit der Unterschied zwischen Fokusebene auf der Leinwand und scheinbarer Position der Bilder hinter der Leinwand besonders unangenehm wird.

    Eine hohe Helligkeit auch bei 3D ist technisch möglich, aber sehr teuer, so das kaum ein Kino das Geld investiert. Für große Kinos ist eine hohe Helligkeit oft nur mit 2 Projektoren zu erreichen, bei kleinen Kinos stellt sich das Problem, das ein großer Projektor der bei 3D hell genug ist, sich meistens nicht so stark runter dimmen lässt, das die Helligkeit bei 2D nicht unangenehm hell wird.
    Es werden also sehr häufig 2 Projektoren benötigt und zusätzlich höhere Kosten für Strom und Lampen. Das die Kinos diesen sehr hohen Aufwand scheuen ist leider verständlich.

  2. Die derzeitigen 3D-Systeme sind doch alles andere als ausgereift.
    Zwar schaffen es die wirklich in 3D gedrehten Filme (weniger als 10% der "3D-Filme") anders als die am Computer nachbearbeiteten, mitunter mehr als 3 flache Ebenen ("Vordergrund, Hauptbild, Hintergrund") darzustellen, zwischen denen wahlweise eine scharf gestellt wird, während die anderen beiden unscharf werden.

    Aber nichtsdestotrotz ist eine Filmvorführung in IMAX-Qualität (beispielsweise bei "The Dark Knight") was die Bildqualität angeht noch ungeschlagen.

    3D-Filme sind durch die Filterbrillen eigentlich immer dunkler als 2D-Filme und strengen durch den erzwungenen Fokus die Augen stärker an. Außerdem funktionieren die Effekte nur dann besonders gut, wenn man in der Saalmitte sitzt.
    Doch das Hauptproblem ist, dass mit der derzeitigen Technik eben noch keine wirkliche "Tiefenschärfe" bei den Bildern erzeugt werden kann und selbst in 3D gedrehte Filme abseits der jeweiligen "Hauptebene" schnell unscharf werden.

    Dass über die Hälfte der 3D-Filme die beste Anwendung der Technik darin sieht Dinge nach dem Zuschauer zu werfen, was spätestens ab dem 2. Film langweilig ist, lassen wir hier mal komplett unberücksichtigt.

    Für schlechtere Filmqualität also ~50% Aufpreis zu zahlen, sehe ich als regelmäßiger Kinogänger nicht ein.

  3. Das fängt bei 24 Bildern in der Sekunde an, und zieht sich gestalterisch von der Wahl einer begrenzten Farbpalette, über die Bildgestaltung bis hin zum Schnitt. Dramaturgisch hat 3D bislang wenig bis nichts zu bieten - daran hat weder AVATAR noch PINA etwas geändert. Das dieses Jahr HUGO keinen Oscar bekommen hat, könnte man also auch so interpretieren, dass man in Hollywood begriffen hat, dass der Scheitelpunkt der aktuellen 3D Welle überschritten ist.

    Das Kino hat eine Rückbesinnung auf das Wesentliche in der Tat bitter nötig, dass ist allerdings eher eine dramaturgische, als eine technische Aufgabe. Insofern ist es richtig auf das Oberhausener Manifest zu verweisen, dieses sollte aber nach 50 Jahren dringend aktualisiert werden. Ein neuerlicher Ruf aus der Provinz ist bislang ungehört verklungen, das "Vilshofener Manifest". Aber das kann man ja mal vorsichtshalber im Auge behalten.

  4. Was is'n mit der Zeit los? Flucht in die Zukunft, oder wie?

    Bin ich der einzige dem es so vorkommt als würden hier ständig Artikel über das Leben im Jahr 2048 oder später online gestellt?

    Und jetzt auch noch Kino in 3D, was ja nichts neues ist (Avatar, blablabla).

    Nicht die Technik macht großes Kino, sondern Talente und gute Regisseure (Kinski, Bud Spencer und Charles Bronson waren in 2D auch gut). Und alte Schwarz-Weiß Hitchcock oder Fritz Lang Filme stehen heute immer noch super da.

    Auch zu empfehlen: Zurück in die Zukunft mit Michael J. Fox ;), wenns schon die Zukunft, dann bitte richtig!!

    Eine Leserempfehlung
    • _bla_
    • 29. Februar 2012 9:31 Uhr

    Die 3D Verfahren führen prinzipbedingt alle zu einem starken Lichtverlust. Nur so ca. zwischen 10 bis 20% des Lichts der Lampe kommen wirklich noch durch die Brille am Auge an.

    Dabei ist gerade für 3D Film eine hohe Helligkeit wichtig, weil sich bei dunklen Bildern die Pupillen besonders stark öffnen, was wiederum zu einer geringen Tiefschärfe führt, womit der Unterschied zwischen Fokusebene auf der Leinwand und scheinbarer Position der Bilder hinter der Leinwand besonders unangenehm wird.

    Eine hohe Helligkeit auch bei 3D ist technisch möglich, aber sehr teuer, so das kaum ein Kino das Geld investiert. Für große Kinos ist eine hohe Helligkeit oft nur mit 2 Projektoren zu erreichen, bei kleinen Kinos stellt sich das Problem, das ein großer Projektor der bei 3D hell genug ist, sich meistens nicht so stark runter dimmen lässt, das die Helligkeit bei 2D nicht unangenehm hell wird.
    Es werden also sehr häufig 2 Projektoren benötigt und zusätzlich höhere Kosten für Strom und Lampen. Das die Kinos diesen sehr hohen Aufwand scheuen ist leider verständlich.

  5. finde ich den ständigen Ruf nach "Neuem", der genauso überflüssig ist wie der Ruf nach "besser, weiter, höher, schneller". Es gibt ohnehin nichts Neues unterm Mond und Entwicklung passiert automatisch...es ist so viel da und ich kann es nur begrüßen, dass es den einen oder anderen gibt, der das sieht und zu nutzen weiß...und mir ist dabei völlig egal, ob dabei etwas Neues herauskommt....und mir gehts dabei überhaupt nicht um (schwärmende) Nostalgie sondern ums Erfassen und Verstehen und Staunen und Freude (wenn das als Nostalgie missverstanden wird, dann sehe ich das als: "Thema verfehlt")

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Werner Herzog | Alexander Kluge | Film | Martin Scorsese | Volker Schlöndorff | Dokumentarfilm
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