Oscar-Verleihung 2012Sehnsucht nach den goldenen Tagen des Kinos

Solides Handwerk, wenig Neues: Die Oscar-Verleihung 2012 war eine Verbeugung vor Hollywoods alten Meistern – in Zeiten der Kino-Krise. von 

Jean Dujardin gewann den Oscar als Bester Hauptdarsteller.

Jean Dujardin gewann den Oscar als Bester Hauptdarsteller.  |  © Kevork Djansezian/Getty Images

Der große Gewinner der 84. Oscar-Nacht ist ein überaus charmanter Stummfilm in Schwarz-Weiß , der den großen Umbruch Hollywoods zum Tonfilm zeigt. Das hat den meisten der über 6.000 stimmberechtigten Mitglieder der amerikanischen Acadamy of Motion Picture gefallen. The Artist erhielt die drei wichtigsten Oscars für die beste Regie (Michel Hazanavicius), den besten Hauptdarsteller (Jean Dujardin) und als bester Film. Der französische Überraschungserfolg ist ganz sicher ein guter Film. Und er wärmt das Herz der Filmschaffenden.

Die Academy Awards, wie sie offiziell heißen, gelten als wichtigste Filmpreise weltweit und in der Nacht von Sonntag auf Montag wurden sie zum 84. Mal verliehen, um die besten filmkünstlerischen Leistungen zu prämieren. Doch was können diese sein in Zeiten, in denen das Kino in einer Krise steckt und die Gewinne allenfalls dank der Zuschläge für 3-D-Blockbuster wieder ein wenig steigen? Computerspiele machen längst mehr Umsatz, das DVD-Geschäft zieht die Filme rasch von der Kinoleinwand auf die heimischen Flatscreens. Gleichzeitig kosten die Produktionen unerschwinglich viel Geld, und es wird immer noch schwieriger, einen Produzenten für eine andersartige Idee zu begeistern.

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Das ist nicht wirklich neu, aber der Einsatz steigt und mithin das Risiko zu scheitern. Selbst das Kodak Theatre, in dem die Verleihung seit 2002 stattfindet, heißt jetzt nur noch Hollywood & Highland Center, weil das sponsernde Unternehmen für fotografische Ausrüstungen Kodak im Januar Insolvenz anmeldete. Man kann verstehen, dass sich die Branche nach ein wenig Wärme sehnt.

Auch die Show selbst steckt in einer Krise. Ihr Publikum wird immer älter. Im vergangenen Jahr hatte man mit der Moderation ein jüngeres Duo beauftragt, doch Anne Hathaway und James Franco machten keine wirklich gute Figur und mehr jüngere Zuschauer lockten sie auch nicht vor die Bildschirme. Dann sprang für die diesjährige Verleihung kurzfristig Eddy Murphy als Moderator ab und der Job ging an Billy Crystal – zum neunten Mal.

Mit dem 63-jährigen Entertainer wollte man auf Nummer sicher gehen. Er beherrscht die Kunst des lockeren Moderierens, ist witzig, ohne je derb zu sein, souverän ohne zu langweilen und kann singen und tanzen. Man weiß, was man an ihm hat, und er hat seinen Auftrag auch in diesem Jahr wieder zuverlässig erfüllt. Dankenswerterweise mit einer gehörigen Portion Selbstironie. So trat er in dem Clip, der traditionell zu Beginn der Show gezeigt wird und eine Art launiger Zusammenschnitt der nominierten Beiträge ist, als Koma-Patient auf, der von George Clooney erst wachgeküsst werden muss.

Doch selbst er, der sich des Problems des Überalterns offensichtlich bewusst ist, kündigte als Unterhaltungseinlagen zwischen den einzelnen Preisübergaben verflixt viel Historisches an. So sah man beispielsweise eine Zirkusnummer der Artisten vom Cirque du Soleil, bei der im Hintergrund Cary Grant und andere Schwarz-Weiß-Größen auf eine Leinwand gebeamt wurden. Mit Meryl Streep wurde eine überaus verdiente und wunderbare Hauptdarstellerin geehrt, die in The Iron Lady zeigte, was Können auf allerhöchstem Niveau bedeutet . Jede jüngere Schauspielerin kann von Streep lernen, wie diese Kunst immer schon funktionierte. Mit Christopher Plummer als bester Nebendarsteller in The Beginners wurde gar der älteste Oscargewinner aller Zeiten gekrönt. Er ist 82 Jahre alt (und hielt die professionellste Dankesrede).

Leserkommentare
    • ismus
    • 27. Februar 2012 11:07 Uhr

    der h.-filme der letzten 2 jahre ist weitestgehend unterdurchschnittlich; die konzentration der studios auf mega-blockbuster-vielteiler (fluch der karibik) ein problem.

    • J.S.
    • 27. Februar 2012 11:31 Uhr

    Also etwas mutigeres als einen Stummfilm in der heutigen Zeit zu nominieren und prämieren, fällt mir kaum noch ein. Dieses Kinojahr war mit Abstand das schlimmste seit was weiß ich wann. Außerdem wäre es doch schön, wenn das Kino wieder etwas zurückrudert und die Schnitte wieder etwas langsamer werden, sodass der Zuschauer auch noch geistig mitkommt.

    "Drive" hat absolut gefehlt. Sicherlich einer der besten, wenn nicht der beste Film des Jahres 2011!

  1. Was ist schon kurzer Ruhm. Alles ist Windhauch, so lieben wir Menschen es und trotzdem würde ich mich darüber freuen. Es ist der Brennstoff für die Lust zum Leben.

  2. schade, daß einige Filme leider überhaupt nicht zur Geltung gekommen sind. Vor allen Dingen die Nominiertenlisten sind sehr konservativ und vorhersagbar. alles ist sagen wir mal etwas unzeitgemäß, man hat nicht viel Lust Neues oder Spannendes zu wagen.
    Deshalb blickt man auch mal gerne zurück. Leider ist dies aber eben nicht auch nicht nur gut. Da paßt The artist dann halt auch gut in dieses Konzept. Ein Film der niemanden weh tut, ganz hübsch aber weit davon entfernt Neues anzustreben. Ein kleiner Blick nach vorn, mehr Unkonventionenelles hätten dem Ganzen sicherlich (sehr) gut getan.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • J.S.
    • 27. Februar 2012 13:00 Uhr

    Ich weiß nun wirklich nicht, was an einem Stummfilm im Jahr 2012 konventionell sein soll.

    • DerDude
    • 27. Februar 2012 12:41 Uhr

    Immerhin gabs noch einen Schulterklopfer für die Berlinale: Der Oscar für den besten ausländischen Film ging an den Vorjahresgewinner des goldenen Bären, Nader und Simin.

    Wenn man denn wollte, könnte man daraus auch ein politisches Statement ableiten.

    • J.S.
    • 27. Februar 2012 13:00 Uhr

    Ich weiß nun wirklich nicht, was an einem Stummfilm im Jahr 2012 konventionell sein soll.

    Antwort auf "es ist eigentlich"
  3. "the Artist" nicht als überraschend neuartig empfindet, bei dem muss man sich fragen, was er als neu empfindet...wie neu darfs denn bitte schön sein?...

    wenn ich mir all die neuen und schnell produzierten Filme anschaue, dann verzichte ich gern auf neu und bevorzuge die alten Filme...

    außerdem, wie hieß es nochmal? Leben kann man das Leben nur Vorwärts, aber um es zu verstehen, sollte man die vergangenheit verstehen...daher mein großes Dankeschön an die Macher von "the Artist" und an Martin Scorsese

  4. man natürlich sagen muß, daß eigentlich "Hugo" gewinnen hätte müssen. Nichts gegen The Artist, aber Scorsese ist dem Film einfach um einige Klassen überlegen gewesen (technisch sowie natürlich künstlerisch).
    Es wäre sicherlich ein äußerst würdiger Gewinner auch für die Kategorien Bester Film und Bester Regisseur gewesen.

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