Volker SchlöndorffDie Hand am Rad der Geschichte

In seinem NS-Kriegsdrama "Das Meer am Morgen" erzählt der Regisseur Volker Schlöndorff die Geschichte von vier Männern: von Jünger, Böll, Môquet – und seine eigene. von Christian Schröder

Jean-Pierre Darroussin und Léo Paul Salmain in "Das Meer am Morgen"

Jean-Pierre Darroussin und Léo Paul Salmain in "Das Meer am Morgen"  |  © Volker Schlöndorff

Die erste Einstellung zeigt ein Sehnsuchtsbild. Majestätisch brandet der Atlantik gegen die Küste der Bretagne . Aber von unten ragen Stacheldraht und Armierungen in die Postkarten-Ansicht. Herbst 1941, die Wehrmacht hat sich am westlichen Rand des von ihr zusammeneroberten Imperiums eingebunkert. Mit Stahl und Beton soll die alliierte Invasion abgewehrt werden, die von dort, vom Meer, kommen muss. Größenwahn mischt sich mit Angst, eine Gefühlslage, die keine Rücksicht auf Zivilisten lässt. Das Meer am Morgen , der neue, dreißigste Film von Volker Schlöndorff spielt in einer Idylle, die zum Schauplatz des Grauens wird.

Zum ersten Mal mit dem Stoff konfrontiert wurde Schlöndorff , heute 72, vor mehr als einem halben Jahrhundert. Da war er als Austauschschüler aus dem Taunus in einem jesuitischen Internat in der Bretagne gelandet, "dreißig Kilometer vom Ort des Geschehens entfernt". Es wurde von einer "schrecklichen Hinrichtung" gemunkelt. Die Details erfuhr er erst später. Dass in Nantes ein deutscher Oberstleutnant von kommunistischen Widerstandkämpfern erschossen worden war. Und dass daraufhin die Besatzer auf Drängen Hitlers, der ursprünglich 150 Tote gefordert hatte, "zur Abschreckung" 50 Geiseln hinrichten ließen. Das jüngste Opfer hieß Guy Môquet, ein Pariser Arbeitersohn, der inhaftiert worden war, weil er in einem Kino Flugblätter vom Rang geworfen hatte. Er starb mit 17, in einem anrührenden Abschiedsbrief schrieb er an seine Familie: "Ich küsse Euch von meinem ganzen Kinderherzen".

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Môquet stieg nach dem Krieg in Frankreich zu einer Nationalikone auf, einer "Sophie-Scholl-Figur", so Schlöndorff. Eine Pariser Métro-Station ist nach ihm benannt, Staatspräsident Sarkozy begann seine Amtszeit mit der Aufforderung, künftig an jedem 22. Oktober, dem Todestag des Jungen, dessen Brief in den Schulen verlesen zu lassen . Am Anfang des Wunsches, einen Film über Môquet zu drehen, stand für Schlöndorff aber eine schlichte biografische Parallele: "Ich dachte: 17 Jahre – so alt warst du selber, als du nach Frankreich kamst." Der Regisseur fühlt sich als "halber Franzose", er hat sein Abitur in Paris gemacht, dort Jura studiert und seine Kino-Laufbahn als Assistent von Louis Malle begonnen.

Mit seinem Historiendrama will Schlöndorff "auch zeigen, was vor gar nicht allzu langer Zeit in Europa möglich war. Wenn jemand heute Zweifel an Europa hat, dann möge er sich das anschauen". Das sei sozusagen der "Überich-Grund" für den Film gewesen, erzählt er. Und der "Ich-Grund": die persönliche Verbundenheit mit der Landschaft der Bretagne, der Wunsch, "das lyrische Element zu zeigen, vor dem dieser Horror stattfindet". Nachdem er mit dem Fernsehsender Arte einen Produktionspartner gefunden hatte, konnte er das eigene Drehbuch zur Low-Budget-Summe von rund 1,8 Millionen Euro im letzten Sommer verfilmen, größtenteils an den französischen Originalschauplätzen.

Das Meer am Morgen , der im Panorama der Berlinale seine Deutschland-Premiere feiert, erzählt mit beinahe dokumentarischer Präzision von diesen drei Tagen im Oktober 1941. Das Grauen ist nicht monströs, es entwickelt sich mit der Zwangsläufigkeit eines ablaufenden Uhrwerks aus bürokratischen Vorgängen, angefangen mit dem Attentat in Nantes und einem Ultimatum, das die deutschen Besatzer den Attentätern stellen, sich selber auszuliefern. Ein französischer Landrat weigert sich zunächst, im Auftrag der Militäradministration die Geiseln auszusuchen, dann diktiert er seiner Sekretärin die Namen von Gefangenen, die "keine gute Franzosen" und "keine Kameraden" seien – Kommunisten und Proletarier. Einige von ihnen sollen jung sein, so verlange es "Paris", " Berlin " oder "der Führer", denn auch die Attentäter seien jung gewesen. Individuelle Schuld muss keiner der Schreibtischtäter empfinden, er kann sie bequem auf die nächsthöhere Instanz wegdelegieren.

Drei Hauptfiguren hat diese Tragödie, drei Biografien, die sich zufällig kreuzen. Da ist Guy Môquet (Léo Paul Salmain), ein sportbegeisterter Jugendlicher, der einen Wettlauf der Gefangenen gewinnt und am Zaun des Internierungslagers mit seiner Freundin flirtet. Im Hotel Majestic, dem deutschen Militärhauptquartier in Paris, wird Hauptmann Ernst Jünger ( Ulrich Matthes ) von seinem Chef, General Otto von Stülpnagel, beauftragt, "etwas Literarisches" über die Geiselaffäre zu schreiben. Der Schriftsteller, der sich dünkelhaft in der Rolle des unbeteiligten Beobachters gefällt, lehnt die Hinrichtung als "barbarisch" ab, schwärmt aber später vom "mannhaften Mut", mit dem die Gefangenen in den Tod gegangen seien. Und in der Bretagne trifft ein junger deutscher Soldat mit großer Hornbrille ein, Heinrich Böll (Jacob Matschenz), der gleich zum Übungsschießen mit dem Karabiner verdonnert wird. Was er noch nicht weiß: Er wird auf Menschen anlegen müssen.

"Ich kann fast jeden Moment in dem Film belegen", sagt Schlöndorff. "Das heißt aber nicht, dass er gänzlich authentisch wäre. Ich musste verdichten und dazuerfinden." So war Böll zwar am Atlantikwall stationiert, aber nicht Teil des Erschießungskommandos. Als Vorbild für seine Figur dienten die Erzählungen Das Vermächtnis und Der Zug war pünktlich sowie Teile aus dem Briefwechsel des späteren Literatur-Nobelpreisträgers mit seiner Braut. Bei seinen Recherchen für das Drehbuch war Schlöndorff außerdem auf Jüngers Denkschrift Zur Geiselfrage gestoßen, die nun, versehen mit einem Vorwort des Regisseurs, zum ersten Mal in Buchform publiziert wurde.

Leserkommentare
    • yurina
    • 15. Februar 2012 11:29 Uhr

    oder wie haben Sie das gemeint? Ich kapiere nicht, was Sie Schlöndoff vorwerfen.

    Antwort auf
    • ulpl
    • 15. Februar 2012 12:34 Uhr

    Welches Filmprojekt verfolgt Schlöndorff nun wirklich zukünftig? Ein Film über den Berliner Kongress (1878) und die Neuordnung des Balkans - oder ein Film über die Berliner Konferenz bzw. Kongokonferenz von 1884/85 zur Aufteilung Afrikas unter den europäischen Kolonialmächten?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Historienfilm geht vielleicht im Ausland, aber in
    Deutschland muß schon gerne alles irgendwie mit der NS-Zeit oder der DDR zu tun haben. Hauptsache politisch. Und zwischendurch MUSS ein männlicher Schauspieler in mindestens einer Szene seine nackte Banane in die Kamara halten.

    Alles wie gehabt: Das Ausland produziert die schönsten Filme zu den mannigfachsten Sujets, nur die Deutschen müssen die Welt immer noch mit ihren im Hirn herum rotierenden NS-Phantasien behelligen. Wieder und wieder. Und dann wundert man sich über die Krise des deutschen Films...

    Die NS-Zeit mag das internationale Kinopublikum vor Jahren mal fasziniert haben, gerade auch die deutsche Perspektive. Aber wir dürfen nicht vergessen: Das Ausland liegt nicht auf der Couch, so wie wir, die haben auch noch Platz für andere Aspekte des Lebens in ihrem Kopf. Wir mögen "das Erinnern" oder das "Bewältigen" für wichtig halten, aber dem Ausland hängt es zum Halse raus bzw. man gibt anderen Filmen den Vorzug, wenn man die Wahl hat.

    Sebastian Hafner hatte es schon ganz richtig beobachtet: Kein Privatleben, die Deutschen...

  1. Historienfilm geht vielleicht im Ausland, aber in
    Deutschland muß schon gerne alles irgendwie mit der NS-Zeit oder der DDR zu tun haben. Hauptsache politisch. Und zwischendurch MUSS ein männlicher Schauspieler in mindestens einer Szene seine nackte Banane in die Kamara halten.

    Alles wie gehabt: Das Ausland produziert die schönsten Filme zu den mannigfachsten Sujets, nur die Deutschen müssen die Welt immer noch mit ihren im Hirn herum rotierenden NS-Phantasien behelligen. Wieder und wieder. Und dann wundert man sich über die Krise des deutschen Films...

    Die NS-Zeit mag das internationale Kinopublikum vor Jahren mal fasziniert haben, gerade auch die deutsche Perspektive. Aber wir dürfen nicht vergessen: Das Ausland liegt nicht auf der Couch, so wie wir, die haben auch noch Platz für andere Aspekte des Lebens in ihrem Kopf. Wir mögen "das Erinnern" oder das "Bewältigen" für wichtig halten, aber dem Ausland hängt es zum Halse raus bzw. man gibt anderen Filmen den Vorzug, wenn man die Wahl hat.

    Sebastian Hafner hatte es schon ganz richtig beobachtet: Kein Privatleben, die Deutschen...

  2. Ein Hinweis auf das Schicksal von Ernst Jüngers Sohn Ernst.
    Dieser Sohn starb im November 1944, etwa im Alter Guy Moquets auf „Frontbewährung“ - in Folge seiner Äußerungen über Adolf Hitler, den er „hängen sehen wollte“.
    Er starb in den Marmorsteinbrüchen von Carrara.
    Ernst Jünger, der Vater, war den Rest seines Lebens im Zweifel, ob es sich beim Tod seines Sohnes nicht um einen Racheakt für das Buch „Auf den Marmorklippen“ gehandelt hat.

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