Film "This Ain’t California"Große Freiheit auf kleinen Rollen

Die Dokumentation "This Ain’t California" zeigt, wie jugendliche Skater der maroden DDR ein Stückchen Freiheit abtrotzen. Äußerst rührend und humorvoll. von 

Eine Szene aus Marten Persiels Film "This Ain't California"

Eine Szene aus Marten Persiels Film "This Ain't California"  |  © Harald Schmitt

Man traut seinen Augen kaum: Da klettert Ende der achtziger Jahre ein Jugendlicher auf das Seitendach des Pavillons am Fuß des Fernsehturms in Ost-Berlin . Er steigt auf sein Skateboard, rollt die Schräge hinab, greift die beiden kurzen Seiten seines Bretts, drückt sich in den Handstand und fährt in aller Seelenruhe eine Runde über den Platz . Vorbei an den staunenden Passanten, im Hintergrund die Marienkirche, die Markthalle und die Karl-Liebknecht-Straße, kurz: das Zentrum der DDR. So viel Lässigkeit, Spaß und Aufmüpfigkeit hätte man in der Deutschen Demokratischen Republik, diesem stets grauen, straff organisierten und freudlos dargestellten Staat, gar nicht vermutet.

Es gibt viele solche verblüffender, anrührender Momente in This Ain’t California , Marten Persiels Dokumentarfilm, aus dem diese Szene stammt und der diese Woche auf der Berlinale Premiere feierte. Tatsächlich ist er ein Film über eine Subkultur, die es eigentlich gar nicht hätte geben dürfen. Immerhin war das Rollbrettfahren, wie das in der offiziellen DDR-Sprachregelung genannt wurde, unter den SED-Oberen als westlich, individualistisch, dekadent und disziplinlos verpönt.

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Der Film erzählt eine im Kern wahre, aber verfremdete Geschichte. Sie beginnt Mitte der Achtziger in einer Plattenbausiedlung in der DDR-Provinz. Die Schulfreunde Dirk und Nico probieren vor einer Garagenreihe in Magdeburg-Olvenstedt gerade ein Skateboard aus, das sie aus dem Westen bekommen haben, als Denis, ein Nachbarskind, mitspielen will.

 
Einen Sommer lang basteln die drei Jungs bedingt brauchbare Skateboards, heizen durch die für die Bretter wie geschaffene Wohnsiedlung und probieren sich an Sprüngen und Tricks. Von dort folgte der Film Nico, Dirk und Denis durch ihre Pubertät, auf dem Weg aus dem Plattenbau in eine schmuddelige Jungs-WG in Ost-Berlin, von der Straße vor den Garagen erst auf den Alexanderplatz, dann zur Euroskate 88 in Prag, dem ersten internationalen Skateboard-Wettbewerb hinter dem Eisernen Vorhang. Er endet mit einem deutsch-deutschen Skate-Wettbewerb in Ost-Berlin, kurz vor dem Fall der Mauer, bei dem schließlich die Stasi eingreift. Es kommt zu einer Handgreiflichkeit und Denis, mittlerweile der Rädelsführer der DDR-Skater, wird zu einer Haftstrafe im Stasi-Gefängnis in Bautzen verurteilt.

Für Denis ist das Skateboard nicht bloß ein Hobby, sondern längst ein Symbol der Freiheit: Eigentlich ist er dazu bestimmt DDR-Wettkampfschwimmer zu werden. Die Wunden und Kratzer, die das Skaten mit sich bringt, sieht der ehrgeizige und strenge Vater nicht gerne. Doch all seine Versuche, Denis das Skaten zu verbieten, sind ebenso erfolglos wie die späteren Einschüchterungen von Stasi und DDR-Jugendfunktionären. Im Gegenteil: Je mehr Vater und Staat Druck ausüben, desto vehementer wehrt sich Denis, der bald den Spitznamen "Panik" trägt, weil er regelmäßig eben solche verursacht. 

Leserkommentare
    • GregP
    • 13. Februar 2012 22:34 Uhr

    Nach dieser Kritik würde ich nicht in den Film gehen, den ich heute bei der Berlinale gesehen habe. Bei Ihnen entsteht der Eindruck, "It Ain't California" wäre eine brave Doku, bei der man wegen der Längen und Dopplungen vielleicht sogar einschläft. Das Gegenteil ist der Fall. Der Film hat Tempo, rasende Bildwechsel, die durch perfekte Musik begleitet werden. Im Grunde ein Spielfilm, der als Doku getarnt ist. Einer der besten Filme für mich in 9 Jahren Berlinale.

    Eine Leserempfehlung
    • ananam
    • 29. Februar 2012 13:08 Uhr
    2. super

    superfilm! kann ich nur jedem empfehlen. nicht zuletzt der sympathischen skater wegen!

  1. Tja, Dennis hat es leider nie gegeben - so wie ein Großteil des gezeigten Materials nicht echt ist. Ich bin etwa so alt, wie die angeblichen Skater und in Ost-Berlin aufgewachsen. Daher hab ich den Vorteil, Fehler in den nachgestellten Szenen wenigstens erkennen zu können. Ich kenne auch einen der Akteure des Films und weiß, dass er da nicht über sich selbst spricht sondern eine Rolle spielt. Jemand ohne Hintergrundwissen und ohne die Info, dass da nachgestelltes Material verarbeitet worden ist, hält das ganze Werk ziemlich sicher für echt. Für mich ist das der reinste Etikettenschwindel. Außerdem können weder Regisseur noch Produzent mit Kritik an der Art und Weise, wie mit den erfundenen und nachgedrehten Teilen der Geschichte gearbeitet wurde, umgehen. Der Regisseur gibt erst auf der Berlinale nach einer kritischen Journalistenfrage überhaupt zu, dass Teile der Films nicht "echt" sind. Und als der SPIEGEL beim Produzenten genaueres wissen will, kommt per Email ne Antwort nach dem Motto "Das geht euch gar nichts an." Kritische Zuschauerkommentare sind ebenfalls auf der Facebook-Seite unerwünscht und werden binnen weniger Minuten gelöscht. Das hat doch ein ziemliches "Geschmäckle".

    • Benjos
    • 22. Mai 2013 13:11 Uhr

    Ich kann nur sagen, dass mir der Film sehr gut gefallen hat und ich ihn gerne und oft weiterempfehle. Ich wurde mitgerissen von der Geschichte, der Musik, dem Gefühl und sehe durchaus die Wahrheit in diesem Film. So schön, so bittersüß, so aufregend war und ist die Jugend. Wen's interessiert: https://itunes.apple.com/..., denn Spaß macht der Film allemal.

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  • Schlagworte Berlinale | Film | DDR | Stasi | Afghanistan | Kalifornien
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