Man traut seinen Augen kaum: Da klettert Ende der achtziger Jahre ein Jugendlicher auf das Seitendach des Pavillons am Fuß des Fernsehturms in Ost-Berlin . Er steigt auf sein Skateboard, rollt die Schräge hinab, greift die beiden kurzen Seiten seines Bretts, drückt sich in den Handstand und fährt in aller Seelenruhe eine Runde über den Platz . Vorbei an den staunenden Passanten, im Hintergrund die Marienkirche, die Markthalle und die Karl-Liebknecht-Straße, kurz: das Zentrum der DDR. So viel Lässigkeit, Spaß und Aufmüpfigkeit hätte man in der Deutschen Demokratischen Republik, diesem stets grauen, straff organisierten und freudlos dargestellten Staat, gar nicht vermutet.

Es gibt viele solche verblüffender, anrührender Momente in This Ain’t California , Marten Persiels Dokumentarfilm, aus dem diese Szene stammt und der diese Woche auf der Berlinale Premiere feierte. Tatsächlich ist er ein Film über eine Subkultur, die es eigentlich gar nicht hätte geben dürfen. Immerhin war das Rollbrettfahren, wie das in der offiziellen DDR-Sprachregelung genannt wurde, unter den SED-Oberen als westlich, individualistisch, dekadent und disziplinlos verpönt.

Der Film erzählt eine im Kern wahre, aber verfremdete Geschichte. Sie beginnt Mitte der Achtziger in einer Plattenbausiedlung in der DDR-Provinz. Die Schulfreunde Dirk und Nico probieren vor einer Garagenreihe in Magdeburg-Olvenstedt gerade ein Skateboard aus, das sie aus dem Westen bekommen haben, als Denis, ein Nachbarskind, mitspielen will.

 
Einen Sommer lang basteln die drei Jungs bedingt brauchbare Skateboards, heizen durch die für die Bretter wie geschaffene Wohnsiedlung und probieren sich an Sprüngen und Tricks. Von dort folgte der Film Nico, Dirk und Denis durch ihre Pubertät, auf dem Weg aus dem Plattenbau in eine schmuddelige Jungs-WG in Ost-Berlin, von der Straße vor den Garagen erst auf den Alexanderplatz, dann zur Euroskate 88 in Prag, dem ersten internationalen Skateboard-Wettbewerb hinter dem Eisernen Vorhang. Er endet mit einem deutsch-deutschen Skate-Wettbewerb in Ost-Berlin, kurz vor dem Fall der Mauer, bei dem schließlich die Stasi eingreift. Es kommt zu einer Handgreiflichkeit und Denis, mittlerweile der Rädelsführer der DDR-Skater, wird zu einer Haftstrafe im Stasi-Gefängnis in Bautzen verurteilt.

Für Denis ist das Skateboard nicht bloß ein Hobby, sondern längst ein Symbol der Freiheit: Eigentlich ist er dazu bestimmt DDR-Wettkampfschwimmer zu werden. Die Wunden und Kratzer, die das Skaten mit sich bringt, sieht der ehrgeizige und strenge Vater nicht gerne. Doch all seine Versuche, Denis das Skaten zu verbieten, sind ebenso erfolglos wie die späteren Einschüchterungen von Stasi und DDR-Jugendfunktionären. Im Gegenteil: Je mehr Vater und Staat Druck ausüben, desto vehementer wehrt sich Denis, der bald den Spitznamen "Panik" trägt, weil er regelmäßig eben solche verursacht.