Süße Kinder sind immer gut: Der vierjährige Liam Leufgen kam in die zweite Runde der diesjährigen Staffel von "DSDS". © RTL

Hau die Zehe ab! Aschenputtels böse Stiefmutter befahl ihren Töchtern, sich die Füße zu kürzen, damit sie eine Chance auf gesellschaftlichen Aufstieg hätten. Bis ins 19. Jahrhundert verstümmelten arme Familien ihre Söhne in der Hoffnung, die Heranwachsenden könnten als Kastratensänger die ganze Sippe ernähren.

Falsch verstandenen Elternstolz und Überehrgeiz hat es immer gegeben. Heute muss meist kein Blut mehr fließen, wenn Eislaufmütter oder Tigermoms ihrer Leidenschaft nachgehen. Stattdessen fließen Tränen. Kindheit ist längst ein Unique Selling Point, und manch ein Tonleiterzwerg wird schnell zum Popriesen hochtrainiert.

Auf die karrierebewussten Erziehungsberechtigten ist Verlass, nur fehlte es Deutschland bisher an einschlägigen Vermarktungsplattformen für kindliche Business Cases. Wer, wenn nicht RTL , sollte diese Nische schließen: Die Castingshow Deutschland sucht den Superstar wird es künftig auch als Stupsnasenversion namens DSDS Kids für die 4- bis 14-Jährigen geben.

"Jetzt gehen auch die Träume der ganz jungen DSDS -Fans in Erfüllung", teilt RTL mit. Und der Chefjuror Dieter Bohlen erklärt, die Kinder hätten ihn in den vergangenen Jahren bedrängt und eine eigene Sendung gefordert. Aber Kinder wollen im Winter auch ohne Jacke draußen spielen.

Dass es RTL nicht um Kinder- sondern um Controllerträume geht, liegt wohl auf der Hand. Die Quoten der DSDS -Hauptsendung sind stark rückläufig. Außerdem ist das Format vielen älteren Bewerbern zu albern geworden: Musikalisch ist es nicht der Rede wert , optisch erinnert es an die Miniplaybackshow , und die besonders zielgruppenrelevanten Kandidaten müssen um 22 Uhr die Showbühne verlassen, weil sie erst 16 sind. Wer nicht im Bild ist, bringt keine Zuschaueranrufe und kann auch kein Klingeltonstar werden.

Fernsehshow mit Schni-Schna-Schnappi-Potenzial

Aus betriebswirtschaftlicher Sicht war es höchste Zeit für eine große Fernsehshow mit Schni-Schna-Schnappi-Potenzial. Eine, die spielerische und pädagogisch-sanfte Formate wie Kinderquatsch mit Michael oder Dein Song auf dem öffentlich-rechtlichen Kinderkanal mit einem gewaltigen Pyrotechnikgewitter wegfegt.

Sowas kann nur RTL. Nur der Kölner Privatsender wagt es, die perversesten Ausformungen des Neoliberalismus in alle Winkel der Gesellschaft zu blasen und hat sich damit ein publizistisches Monopol in Deutschland gesichert. Jeder Mensch ist ein Produkt, das es zu positionieren gilt. Die zahlreichen Reality-Soaps , Coaching-Sendungen oder Kuppel-Shows verschlingen so viele Statisten, dass bald das ganze Land durchgecastet sein muss. Jetzt also auf die Kleinen.

Zirkuskinder sind faszinierend, YouTube lebt von diesem Effekt und auch die Zuschauer der DSDS -Schwestershow Das Supertalent quietschen, raunen und heulen zuverlässig, wenn irgendein Knirps den Moonwalk nachstolpert. Kinder wollen es, Eltern wollen es und das Publikum will es auch. Alle schalten ein, alle lieben ihren Sender. Da sagt dann Dieter Bohlen zur kleinen runden Yasmina: "Tut mir leid, aber dein Package stimmt noch nicht." Die Mutter empfängt das heulende Kind hinter der Bühne: "Bis zur nächsten Staffel haben wir abgespeckt."

Frei nach Cree McWarhol: Erst wenn alle Kinder gecastet sind, werdet ihr feststellen, dass 15 Minuten Ruhm so gesund sind wie ein Happy Meal.