Sie kamen nachts und sagten, es gebe Benzin, erinnert sich der alte Mann in Kundus. Dabei hätten sie überhaupt keines gebraucht. "Aber sie zwangen die Jungen mitzugehen", sagt er. Um 2 Uhr hörten sie dann den Knall. Später weinten sie um die unschuldigen Opfer, um Kinder, Geschwister, Eltern. Es war der 3. September 2009 – der Tag, an dem ein deutscher Offizier in der nordafghanischen Stadt die Bombardierung zweier von den Taliban gestohlener Tanklaster befahl.

Auch diese Geschichte erzählt die Dokumentation Generation Kunduz – Der Krieg der Anderen des Journalisten und Regisseurs Martin Gerner: Zehn Jahre nach Beginn der militärischen Intervention zeigt zum ersten Mal ein unabhängiger Kinofilm den Kriegsalltag fernab von dem, was die Schlagzeilen antreibt.

Wie kein anderes Ereignis hat der Angriff am Kundus-Fluss den Blick der Öffentlichkeit noch einmal auf den Bundeswehreinsatz in Afghanistan gelenkt. Im Zentrum stehen dabei oft die Soldaten, das ist verständlich, und diese Aufmerksamkeit ist gut. Was dieser Krieg aber für die Menschen in Afghanistan bedeutet, darüber wissen wir wenig. Gerners Film versucht, diesen blinden Fleck mit Leben zu füllen und kommt seinen Protagonisten dabei ganz nah.

Das gelingt sicherlich auch, weil der Filmemacher nicht erst für den Dreh das Land bereist hat. Viele Jahre war er als Reporter in Afghanistan unterwegs, bildete dort angehende afghanische Journalisten aus und brachte den Aufbau unabhängiger Medien voran. Aus dieser Erfahrung und dem Umstand, dass Gerner mit der Sprache vertraut ist, die meisten Interviews auf Dari selbst geführt hat, gewinnt das Projekt seine eigentliche Kraft: Man spürt förmlich, dass die Menschen dem Regisseur und seinem Team vertrauen, sich den Fremden öffnen.

"Wir wollen zeigen, was in uns steckt"

Mehrere Monate hat Gerner junge Afghanen in Kundus begleitet. Er lässt sie im Film mit ihren Sorgen und Träumen das Bild einer Generation im Krieg zeichnen, das in all dem Chaos auch Hoffnung macht. Da ist eine Gruppe, die einen Spielfilm dreht: "Wir wollen zeigen, was in uns steckt", sagt der 19-jährige Regisseur Ghulam. Da sind Polizistinnen, die von ihren Einsätzen ohne Waffe berichten. Die 18-jährige Radiomoderatorin Nazanin arbeitet bei einem Sender für Frauen, erfüllt Musikwünsche, will aber auch Aufklärungsarbeit leisten und kämpft für Gleichberechtigung.

Oder der kleine Mirwais, der später gern Arzt oder Ingenieur werden möchte, als Zehnjähriger aber als Schuhputzer durch die Straßen ziehen muss. Der Student Hasib ist 24 und engagiert sich freiwillig als Beobachter bei den Wahlen, die während der Dreharbeiten vorbereitet werden.

Was Generation Kunduz aus dem Leben dieser Menschen berichtet, ist authentisch, berührend und unprätentiös eingefangen. Nichts wird dramatisiert, nichts wirkt so, als müsse es eine vorbestimmte Haltung belegen, alles spricht für sich. Dabei bleibt der Zuschauer – und das ist keine Schwäche – mit mehr neuen Fragen zurück, als er Antworten erhält. So etwas ist selten, allein deshalb ist es ein wichtiger Film.

Die Menschen sind der Film

Die "schmerzhafte Erkenntnis, wie einseitig es um unser Afghanistan-Bild bestellt ist", hat Gerner angetrieben, die Dokumentation zu drehen. Für ihn bedeutet das auch, den Menschen ihre Würde zurückzugeben. Das ist ihm gelungen, weil dieser Film nicht von ästhetisierten Bildern, künstlerischen Schnitten und emotionalisierender Musik lebt: Die Menschen sind der Film, und das ist genug.

Als Gerner den Film plante, hatte sich der verheerende Luftangriff noch nicht ereignet. Er spielt auch nur eine kleine Rolle zwischen all den Geschichten über das eigentliche Leben in Kundus. Überhaupt bleiben die Soldaten im Land am Rande des Geschehens. Der Film blendet sie nicht bewusst aus, nein, ihre Präsenz bleibt genau wie die der Extremisten allgegenwärtig. "Die Flugzeuge", erklärt der kleine Mirwais, "töten Taliban, indem sie Bomben auf sie werfen." Und ein Talib? "Das ist jemand, der Menschen etwas antut."

So nah, wie dieser Film den Menschen in Kundus kommt, können die fremden Soldaten gar nicht vordringen in den Alltag derjenigen, die ihr Einsatz doch am meisten betrifft. Der Krieg, das ist eben der Krieg der Anderen.