Fantasy-Film "Spieglein, Spieglein"Schneewittchen als raffiniertes Punk-Märchen

Tarsem Singh hat "Schneewittchen" verfilmt und etwas Wunderbares aus dem klassischen Stoff kreiert: eine ironisch-verspielte Märchen-Caprice. von Nathalie Mispagel

Es war einmal ein liebliches, kleines Königreich voller glücklicher Untertanen. Eines Tages jedoch verschwand der gütige König spurlos, ließ sein reizendes Töchterlein Snow White und dessen böse Stiefmutter zurück, die sofort die Macht an sich riss. Schnee senkte sich wie Trauer über das ganze Land. Als Snow White aber alt genug ist, rebelliert sie gegen das unbarmherzige Regime der Königin. Ein schneidiger Prinz und sieben Zwerge unterstützen sie in diesem Kampf. Und doch bildet die Schneewittchen-Geschichte in Spieglein, Spieglein nur den erzählerischen Rahmen für eine cineastische Paraphrase. Die vertrauten Märchengestalten sind versammelt, die Chiffren präsent, doch daraus baut Tarsem Singh einen völlig eigenen Kosmos – wie immer, wenn er bislang Regie führte ( The Cell, The Fall, Krieg der Götter ). Auch sein vierter Film offenbart einen extrem ausgeprägten Sinn für Ästhetik, eine visuelle Grandezza, die mit kraftvoller Pracht ihresgleichen im Gegenwartskino sucht.

Dieser filmische Stil dient keineswegs der Effekthascherei, sondern erzählt die Geschichte auf einer nonverbalen Ebene weiter, lässt Farben zu Stimmungen und Formen zu Emotionen werden. Allein Eiko Ishiokas exzentrische, in kräftigem Primärkolorit gehaltene Kostüme sind ein Genuss. Die Königin kleidet sich bösartig luxuriös in Neidgelb und Blutrot, während Snow White im Azurblau eines Sommerhimmels auftritt. Der wurde während der Winterherrschaft ihrer Stiefmutter schon lange nicht mehr gesehen.

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Die Animationssequenz zu Beginn entführt mit bizarrer Künstlichkeit in diese imaginierte Welt, dann übernimmt die ruhige, atmosphärische Kamera von Brendan Galvin den Blick auf das zauberhaft ausgeleuchtete Paralleluniversum. Ein zwiebeltürmiges Schloss auf einer Klippe mit Sälen voller architektonischer Akzente von Barock über Jugendstil bis Orientalismus, eine heimelige Zwergenhöhle, ein verschneiter, blau-schwarzer Wald – allesamt betonen sie den märchenhaften Charakter und wirken doch exotischer, galanter als die eher rustikale Gebrüder-Grimm-Tradition. Anstatt auf Imitation zu setzen, würdigt der dramaturgisch ausgefeilte Film das Märchenerbe durch Kreativität. Er ist ausgeklügelter Punk, eine Hommage an die anarchische Kraft der Fantasie.


Das schlägt sich auch in dem pointiert-rhythmischen Drehbuch voll spitzzüngiger Dialoge nieder. Allen voran glänzt die Königin (triumphal durchtrieben: Julia Roberts ) mit so furiosem Sarkasmus, dass man ihr den schlechten Charakter beinahe verzeiht. Prinz Alcott (flott: Armie Hammer) peilt zielsicher Peinlichkeiten an, um dann selbst in langen Unterhosen noch Haltung zu bewahren. Snow White (entzückend aufmüpfig: Lily Collins) entwickelt sich zur gewieften Degenkämpferin, und die sieben Zwerge entpuppen sich als abgebrühte Outlaw-Bande. Ihr Herz tragen tragen dabei alle am rechten Fleck, sogar der notorisch überforderte Kammerdiener Brighton (sympathisch servil: Nathan Lane).

Mit seiner Inszenierung hält Tarsem Singh das Geschehen auf Distanz, etwa in jener den Beautywahn parodierenden Sequenz, als sich die Königin mit schockierenden Öko-Methoden rundum erneuert. Gleichzeitig setzt Singhs Regie auf erlesene Verspieltheit, die das Märchenhafte betont wie beim Kostümball mit den skurrilen Tiermaskeraden oder dem komplizierten, süßen ersten Kuss zwischen Snow White und Alcott. Schabernack transzendiert Romantik, Mummenschanz eskortiert Schönheit, nur um zur Essenz aller Märchen vorzudringen: Das Gute siegt.

Dafür muss es nicht einmal Tote geben. Anders als in seinen früheren Filmen verzichtet Tarsem Singh auf surreale Schreckensmomente. Er drückt Bedrohung vielmehr durch typische Märchenelemente aus, mit unheimlichen Wäldern, Bestien, Zauberkräften, wobei sich die menschliche Niedertracht als schlimmste aller Gefahren erweist. Sobald die Königin durch ihren magischen Wandspiegel tritt und in einer Hütte ihr Alter Ego trifft, offenbart das Märchen alle Düsternis. Wie ein Puppenspieler seine Figuren versucht diese Hexe, Menschen zu manipulieren, und tatsächlich schickt ihre schemengleiche Doppelgängerin einmal zwei riesige Marionetten, um Snow White zu ermorden.

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Spieglein, Spieglein ist feinstes Fantasy-Abenteuer, eine künstlerisch hoch ambitionierte, poetische Kapriole, wie man sie sich für dieses Genre wünschen kann. Manchmal werden Märchen doch wahr.

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Leserkommentare
  1. Somewhere
    the soft wind
    becomes an
    experience
    that calls
    the desire of
    an inner
    intention.

    Francesco Sinibaldi

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Julia Roberts | Märchen | Brighton
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