Wie dramatisch der Tod der Fliege wirkt. Sie saugt den Nektar vom Blatt einer Venusfalle. Arglos tapst sie gegen die feinen Härchen der Pflanze. Das Blatt zittert leicht, dann schnellt es zu und schließt sich um die Fliege. Zoom auf die Facettenaugen des sterbenden Insekts.

Die größte Leistung der Naturdokumentation Unser Leben ist, dass sie die Zuschauer mit Fliegen, Ameisen und Kröten fühlen lässt, die alle nicht zu den beliebtesten Plüschtieren zählen. Jedes Lebewesen wird mit Respekt porträtiert, aus seinem Blickwinkel auf die Welt. Selbst wenn, wie bei den Grasschneideameisen, spezielle Minikameras nötig sind, um die Erde aus so geringer Höhe zu filmen. Oder die Kameramänner in minus zwei Grad kaltem Wasser tauchen müssen .

Die Produktion von BBC Earth reiht sich hinter Naturfilme wie Unsere Erde und Unsere Ozeane ein, entstanden ist sie aus den Aufnahmen der zehnteiligen BBC-Fernsehserie Life – Das Wunder Leben . Der Film zeigt eine Auswahl aus 3.000 Drehstunden, für die 35 Kameramänner auf alle Kontinente gereist sind und dort oft monatelang nach einer seltenen Art gesucht haben.

Unser Leben stellt ein paar überraschende Strategien vor, mit denen Tiere nach Nahrung suchen oder ihre Jungen aufziehen. Man sieht, wie eine Erdbeerfröschemutter ihre vier Nachkommen huckepack in die Krone eines Urwaldbaumes trägt. Dort setzt sie sie in die Blätterkelche der Bromelien. Jede Kaulquappe bekommt so ihren Privatpool. Einige Bilder aus Unser Leben sind lustig: Der Blick ins schmatzende Maul einer Kaulquappe. Die Kieselkröte, die sich auf der Flucht vor einer Tarantel den Hang hinunterkullern lässt. Der Gesichtsausdruck der japanischen Schneeaffen, die im Winter in heißen Quellen baden. Und dabei so schauen wie die Models aus der Duschgel-Werbung.

Zwischendurch macht der Film traurig: Ein Büffel liegt apathisch von der Hitze in einem Wasserloch. Ein Komodowaran schleicht sich heran. Einen Moment lang passt der Büffel nicht auf, die Echse schnappt zu: das Todesurteil des Büffels. Gift und aggressive Bakterien dringen in seinen Körper. Mehr und mehr Warane kommen, angelockt vom Blutgeruch. Tagelang harren sie neben dem schwächer werdenden Büffel aus. Sie warten auf ihre Mahlzeit.

Verstärkt wird die Dramatik der Bilder durch die Musik, manchmal zu sehr. Ein Tropikvogel, der seinen Fisch gegen einen angreifenden Fregattvogel verteidigt und zum Nest bringt, wirkt durch Fanfarenstöße wie ein Kriegsheimkehrer. Oft sind die Töne so verspielt und einfallsreich, dass man ihnen das gelegentliche Pathos verzeiht. George Fenton, der Komponist des Soundtracks, hat auch die Musik zu der BBC-Earth-Produktion Unsere Erde geschrieben.

Im englischen Original erzählt Daniel Craig die Geschichten der einzelnen Tiere. In der deutschen Fassung hört man die Stimme von Dietmar Wunder, der den Schauspieler in seinen Filmen synchronisiert. Zu Beginn von Unser Leben verspricht er, den Zuschauer mitzunehmen auf eine Reise durchs Leben. An manchen Stellen ist diese Reise gehetzt, wie eine Europareise in fünf Tagen. Da erzählt der Film, welche sonderbaren Arten es gibt, die Überleitungen sind lose, die Sequenzen wahllos aneinandergefügt. Die fünf Millionen Spezies der Erde werden zwar nicht alle gezeigt, aber doch mehr als 30. Dort, wo die Kamera kurz verweilt, ist die Fahrt intensiv. Wo man die Tiere schnaufen hört und ein Stück ihres Schicksals miterlebt.

Der Appell der BBC-Dokumentation ist, dass wir uns auf das konzentrieren sollen, was wir mit anderen Arten teilen: die Erde und deren Zukunft. Die Mahnung steht am Anfang und am Ende. So explizit wäre das gar nicht nötig.