Philipp WalulisRadikale Satire und Perfektionismus

Für seine Sendung "Walulis sieht fern" hat der Comedian Philipp Walulis den Grimme-Preis erhalten. Seine Persiflagen zielen auf die Quotenbringer ab. Und treffen. von Thierry Backes

Der Comedian Philipp Walulis

Der Comedian Philipp Walulis  |  © TELE5/afk tv

Ein abgedunkelter Verhörraum. Eine hysterische Kommissarin. Und ein verdächtiger Atom-Lobbyist, der alles abstreitet. "Blödsinn!", schreit er die Ermittlerin an, "ich kann es gar nicht gewesen sein" – um mit ruhiger Stimme hinzuzufügen: "Weil wir erst in der Mitte des Tatorts sind."

Nein, Respekt vor den heiligen Kühen der Öffentlich-rechtlichen hat der Münchner Autor und Regisseur Philipp Walulis nicht. In seinem Video Der typische Tatort in 123 Sekunden persifliert er die ARD-Krimireihe, die jeden Sonntag Millionen von Zuschauern vor die Mattscheibe lockt. Der 31-Jährige arbeitet sich darin genüsslich am Baukastenprinzip der Tatort -Folgen ab. Er macht sich über den "verkrampft sozialkritischen Einschlag" der Serie lustig, über Produktionshilfen von BMW und den Drang, in jeder Folge zu zeigen, in welcher Stadt gedreht wurde.

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Der Clip wurde alleine auf YouTube über 385.000 Mal angeklickt. Für Philipp Walulis waren die Klicks willkommene Werbung für seine neue Comedy-Sendung Walulis sieht fern (Motto: "Fernsehen macht blöd, aber auch unglaublich viel Spaß!"), die zwischen den Erotikwerbungen im Mitternachtsprogramm von Tele 5 unterzugehen drohte. Vielleicht hat auch der große Erfolg im Netz dazu beigetragen, dass der Fernsehmacher nun mit dem Grimme-Preis bedacht wurde. "Es ist surreal, in welcher Reihe man da plötzlich steht", sagte Philipp Walulis, als er von der Nominierung erfuhr und meinte die Konkurrenten von der heute-show , Pastewka und Stromberg . "Gott sei Dank ist auch Let’s Dance nominiert, das erdet einen."

Ähnlich frech hat ihn auch Wolfgang Sabisch, der Programmchef des Münchner Studentenradios M94.5 , in Erinnerung. Sabisch erzählt gerne die Geschichte von der 10. Geburtstagsfeier des Senders im Jahr 2006. Walulis, damals Moderator, sollte ihn mit ein paar vorbereiteten Fragen interviewen, um die geladenen Gäste zu erheitern. "Sagen Sie mal, Herr Sabisch", sagte Walulis, "die Kollegen und ich, wir fragen uns das die ganze Zeit, und ich denke, das hier ist genau der richtige Rahmen, um Sie mal direkt zu fragen: Was machen Sie eigentlich den ganzen Tag?" Das, sagt Sabisch heute, habe ihn "arg ins Schlingern gebracht. Aber so ist der Philipp eben. Etwas Anarchisches hat der schon immer gehabt."

Der aus Bayern stammende Philipp Walulis hatte 2004 bei M94.5 angefangen. Er wurde bald die treibende Kraft hinter den Nachtgestalten , einer Comedy-Sendung, in der etwa der "kleine Miels" auftritt, das Alter Ego des "kleinen Nils", des Telefonschrecks von Antenne Bayern. Einen ersten Coup landeten die Nachtgestalten, als sie an einem 1. April im Jahr 2006 das alternative M94.5 kaperten, es in "SHIT.fm" umtauften und nur noch den "größten Scheiß der Achtziger und Neunziger und die dümmsten Sprüche von heute" spielten. Zwei Stunden lang moderierte "Breakfast Bernie" die beste Morning-Show aller Zeiten – zusammen mit "Karin Kicherschlampe". Es gab Werbung für "Puke Duke", das Bier mit Zimt-Vanille-Geschmack, einen Blitzerbericht ohne Blitzer und jede Menge aufgeblasener Jingles. Die Persiflage auf das Formatradio tat einigen M94.5-Stammhörern so weh in den Ohren, dass diese den Sender besuchten, um mit Transparenten ihr Radio zurückzufordern.

Einen Schritt weiter gingen Walulis und die Nachtgestalten , als sie 2007 das Hip-Hop-Label Aggro Grünwald gründeten und als Die Stehkrägen ihre Freude am Reichtum besangen. Mit dem Song "Eure Armut kotzt uns an" wollten sie den seinerzeit angesagten Hartz-IV-Rap aus Berlin auf die Schippe nehmen. Gegen die "reichen Zahnarzt-Söhne" regte sich schnell Protest im Netz. Walulis: "So manchen Kommentator hätte ich damals am liebsten schütteln wollen, um ihm zu sagen: Das ist Ironie, verdammt, check das doch mal!"

Leserkommentare
  1. Der moderne Film kann ja Dank modernster Computer- und Tricktechnick quasi alles Vorstellbare visualisieren und vertonen. Es gibt aber auch Produktionen die sich darin erschöpfen, Ich fasse das immer unter "Bay-Syndrom" zusammen. Das Bay Syndrom betrifft aber nicht nur die Filme des gleichnahmigen Explosionskünstlers:

    Das Bay-Syndrom kann zuverlässig diagnostiziert werden wenn einer oder mehrere der folgenden Punkte auf einen Film zutreffen:

    - Die meisten Schauspieler, aber vor allem alle Statisten sind überdurchschnittlich attraktive Menschen
    - Die Welt besteht aus den USA mit einigen kleineren, unwichtigen Ländern drumherum, auch aus Außerirdischer Sicht
    - Die Regierung/Das Militär ist allmächtig und unglaublich effizient und schnell
    - Die meisten Hauptdarsteller und alle Kinder überleben sogar den Beschuss mit schwerem Kriegsgerät stets unversehrt
    - Es gibt keine Homosexuellen, keine Atheisten, keine glücklichen Singles und keine Moslems denen ihre Religion am Arsch vorbeigeht
    - Andere Nationen werden nur anhand zugehöriger Klischees vorgestellt

    Doch das Bay-Syndrom kann besiegt werden! Eine strikte Hollywood-Diat, ersetzt durch Cineastischer Mischkost wirkt Wunder! Insbesondere zu empfehlen sind Filme aus Regionen außerhalb des eigenen Kulturkreises.

    Auch wenn es bis zu Warnhinweisen auf DVD und Bluray-Boxen noch weit sein dürfte (Dieser Film kann ihrem Geschmacksinn Schaden zufügen) - der Ausstieg ist möglich! Nur Mut!

    9 Leserempfehlungen
  2. Ich bin durch Fernsehkritik.tv auf Walulis sieht fern gestossen und fand die bisherigen Sendungen sehr unterhaltsam. Vorausgesetzt ist natürlich, dass man das Fernsehen generell etwas kritisch betrachtet, sonst versteht man vielleicht den Humor dahinter nicht.

    Ohne dem Internet wäre die Sendung bei der bekloppten Sendezeit auf Tele5 im Sande verlaufen - garantiert.

    Ich wünsche der Sendung auch weiterhin viel Erfolg!

    2 Leserempfehlungen
  3. warum ich mit Tatort und Co. nie wirklich was anfangen kann. Der Gärtner war's...immer schon ;)

    • RGB
    • 14. März 2012 15:39 Uhr

    Leider noch nie was von gehört. Werds mir mal ansehen

  4. ich erst jetzt davon.

  5. Bei der Wahl des Titels einer TV-Serie drängt sich 'Walulis', der Name des Produzenten, nicht gerade auf. Dieser wird dann auch noch durch ein Wortspiel erweitert, das wahlweise den Fakt des Fernsehens nahelegt oder aber prophetischen Weitblick seitens des Produzenten suggeriert.

    Der Weitblick endet jedoch spätestens im Jahr 1996, dem Jahr, in dem Oliver Kalkofes "Mattscheibe" - man beachte auch hier den Namen des Initiators im Titel der Sendung - die identische Auszeichnung für ein identisches Konzept erhalten hat: das Ausschlachten von Sendeformaten, die für diejenigen, die sie kritisch betrachten, ohnehin schon komisch sind.

    Mit anderen Worten: bedarf es der Fernsicht von Walulis und Kalkofe, um uns darin zu bestätigen, wie lächerlich Schrotthändler, Wahrsager und Y-Prominente sind?

    Lachen am Ende diejenigen, die sich über die dargestellten Sendungen erhaben sehen? Oder sind es diejenigen, die nicht zu den zahlreichen menschlichen Klischees gehören, auf deren Kosten so manche Pointen beruhen? Die Castingshow zum Sexstar macht deutlich, dass das Niveau schon in einem sehr frühen Stadium zu sinken droht.

    Gut, dass der Grimme-Preis sicherhaltshalber vor Eintreten dieses Falles verliehen wurde. Es ist nicht gerade ein Zeichen von Qualität im deutschen Fernsehen, dass eine Mitternachtssendung (zeitlich zwischen den persiflierten Formaten angesiedelt) eines fast unbekannten Senders die begehrte Trophäe erhält.

    Ist der Humor vielleicht doch gar nicht so schlecht?

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte BMW | Grimme-Preis | Tatort | Doku-Soap | Satire | Bayern
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