Deutscher FilmpreisEine Verleihung als bewegendes Dilemma

Am Freitagabend wurden die Lolas verliehen. Die Sieger sind echte Dramen. Sie zeigen, wie schwierig es ist, Anspruch und Publikumserfolg gleichzeitig zu ehren.

Es ist nicht so, dass es keine bewegenden Momente gegeben hätte während der diesjährigen Verleihung des Deutschen Filmpreises am Freitagabend in Berlin. Zum Beispiel den, als die junge und talentierte Schauspielerin Alina Levshin für ihre Darstellung der Neonazi-Anhängerin im Film Die Kriegerin geehrt wurde. Ganz zart sah sie auf der Bühne aus in ihrem zitronengelben Kleid. Die Gefühle der Dankbarkeit, die sie dann dort äußerte für ihre Mutter und ihre Besetzerin, die an sie geglaubt hätten, waren umso kraftvoller. Genau mit dieser Mischung hatte Levshin auch in ihrer Rolle überzeugt.

Dabei hatte die Veranstaltung im Friedrichstadt-Palast zunächst wenig Schwung. Jessica Schwarz und ihr unsichtbarer Ko-Moderator (Elyas M'Barek) spielten sich anfangs ein paar Stichworte zu und erreichten damit kaum mehr als Kalauerniveau: "RTL", "hochschlafen", "Christian Wulff". Immerhin versuchten sie gleich, in die Offensive zu gehen und auf die stete Kritik im Vorfeld des Filmpreises zu reagieren, es werde immer nur Anspruch, aber wenig Publikumsnahes geehrt: "Wir vergeben hier am Ende 500.000", sagte Schwarz, "allerdings nur Euro, nicht Zuschauer". Eine realsatirische Bemerkung, die im Laufe des Abends noch mehrmals bemüht werden sollte.

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Dann wurden die ersten Preise verliehen: für die besten Nebenrollen, die Tongestaltung, die Filmmusik, den Schnitt, die Maske, für Kamera und Szenenbild. Dabei räumte vor allem Roland Emmerichs historisches Urheberrechtsdrama Anonymus ab. So gewann Lisy Christl hochverdient die Lola für ihre elisabethanischen Kostümentwürfe. Die hatten ihr auch schon eine Oscar-Nominierung eingebracht.

Dazwischen hielt Iris Berben als Präsidentin der Deutschen Filmakademie eine sehr persönliche Laudatio auf den Kameramann Michael Ballhaus, der in diesem Jahr den Ehrenpreis erhielt. Berben blickte zurück auf dessen Arbeit mit Größen wie Rainer Werner Fassbinder und Martin Scorsese. Sie verknüpfte das charmant mit Erfahrungen, die sie selbst als Schauspielerin mit Ballhaus machen konnte, und beinahe schon intimen Bemerkungen über Ballhaus' Liebe zu seiner Frau. So sehr freuten sich alle, mit diesem Kameramann einen echten Filmgott aus Deutschland vorweisen zu können, dass der stehende Applaus gar kein Ende nehmen wollte. "Genug", sagte der überaus bescheidene Michael Ballhaus schließlich. "Genug jetzt!"

Tränen in den Augen

Dann trat Dominique Horwitz auf und sang tatsächlich das todtraurige Liebeslied des Belgiers Jacques Brel aus dem Jahr 1959: Ne me quitte pas! – Verlass mich nicht! Im Hintergrund sah man Porträts von Filmschaffenden, die im vergangenen Jahr gestorben sind: Peter Schamoni, Heinz Bennent, Vicco von Bülow, einige von ihnen wirklich viel zu jung wie die Schauspielerin Maria Kwiatkowsky.

Danach war die Stimmung deutlich bewegter und als Andreas Dresen unmittelbar im Anschluss auf die Bühne kam, um den Regie-Preis für Halt auf freier Strecke entgegenzunehmen, hatte er Tränen in den Augen. Milan Peschel, der als bester Hauptdarsteller in dem Hirntumor-Drama geehrt wurde, weinte schließlich gehemmt hemmungslos, als sei er eben selbst von einer schweren Krankheit genesen. Man konnte sich der Freude der beiden nicht entziehen. Hier leben zwei ihre Filmleidenschaft offen aus und das wirkt dann – wie in ihrem Film – sehr authentisch.

Wenke Husmann
Wenke Husmann

Wenke Husmann ist Redakteurin im Ressort Kultur bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier.

Selbst der Auftritt von Bully Herbig bewegte, obwohl dem Hansdampf an allen Filmsets wider Erwarten überhaupt nichts Schlagfertiges einfiel, als ihm der erstmals verliehene Bernd-Eichinger-Preis überreicht wurde. So natürlich überrascht wirkte er mit der neuen Lola in der Hand, dass man den Veranstaltern für ihr Stillschweigen danken möchte. Allzu glattes Erstaunen sieht man auf Preisverleihungen viel zu häufig.

Mit der Vergabe der wichtigen Preise zeichnete sich als großer Sieger des Abends Andreas Dresens Film ab. Nahezu leer ging das ebenfalls mehrfach nominierte Endzeitdrama Hell aus. Und Christian Petzolds Film Barbara, um eine Ärztin in der DDR, gewann überraschenderweise nur eine der acht Kategorien, für die er nominiert war: die Silberne Lola als zweitbester Film. Was freilich auch allein eine große Auszeichnung ist.

Leserkommentare
    • chfilm
    • 28.04.2012 um 13:38 Uhr

    Wie jedes Jahr! Dominik Graf hat mir mit seinem Artikel aus der Seele gesprochen!

  1. Die Autorin beschreibt den Abend, hält sich aber mit Analysen zurück, denn das ist doch gerade das Credo der Stunde nach dieser verquasten Hollywood-Oscar-Kopie. Warum räumte denn die Emmerich-Kostümklamotte in den technischen Disziplinen alles ab, warum sind die Sieger bei uns in Deutschland immer nur schwere Kost und aufgebauschte Befindlichkeitsdramolette, auch wenn jeder einzelne ausgezeichnete Film sicherlich eine solide und überdurchschnittlich gute Meisterleistungen ist, warum tauchen bestimmte gelungene oder sperrige Produktionen in den Shortlists gar nicht erst auf, warum ehrt man einen Knallchargen wie Herbig als Allroundtalent? Bei Anonymus könnte man sich auf den ersten Schreck eigentlich nur ärgern, aber wenn man tiefer bohrt, fällt auf, dass da ein Politikum für Babelsberg und seine sicherlich exzellenten Mitarbeiter gestrickt wird, um noch mehr hollywoodeske Machwerke nach Berlin zu holen, denn daran wird nun wirklich von allen verdient. Wäre Roland Emmerich nicht der deutsch gebürtige "verantwortliche Regisseur" gewesen, müsste man diesen Film draussen gelassen haben. Alle Preise lassen eine verdächtige Vermutung aufkommen, dass man es wirklich jedem Recht machen wollte, wenn die "Die Unsichtbare" gerade mal mit Manzels Darstellung prämiert wird, wenn der Gerhard Richter Film als bester Dokumentarfilm abschneidet, muss man sich fragen, wo denn all die guten Dokumentationen geblieben sind, hat man die vergessen. Hader und Herbst waren das Beste an diesem Abend.

    Eine Leserempfehlung
  2. A red rose
    near a prominent
    stable, a white
    dream where
    the sound
    of that candle
    appears in
    the sky.

    Francesco Sinibaldi

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