Die Jungen aus dem Dorf Longeverne liegen auf der Lauer. © Delphi Filmverleih

Seit Generationen führen die Jungs der Dörfer Longeverne und die von Velrans gegeneinander Krieg. Nach einem dieser Scharmützel hat Lebrac, der Longeverne-Anführer, die Idee, einer "Geisel" aus Velrans die Knöpfe und damit die Ehre abzuschneiden. Fortan drehen sich die Bemühungen der Kinderbanden darum, Knopftrophäen zu erringen, Ersatzknöpfe zu horten, oder trickreich zu vermeiden, dem Gegner Knöpfe zu liefern – indem man etwa nackt oder in Unterwäsche kämpft.

Louis Pergauds Roman von 1912, in dem er seine eigenen Kindheitserlebnisse vor der Jahrhundertwende schilderte, ist ein französischer Jugendbuchklassiker mit antimilitaristischen Untertönen. Yves Robert legte 1962 mit seiner wundervollen Verfilmung von Pergauds nicht ganz so harmlosen Lausbubengeschichten die Messlatte noch höher. Der Krieg der Knöpfe ist also wie Asterix und Der kleine Nick nationales Kulturgut. Und als die Rechte an der Romanvorlage frei wurden, drängelten sich gleich zwei Regisseure um eine Neuverfilmung.

Die Remakes starteten im September 2011 im Abstand von nur einer Woche. Dass in Deutschland die Version von Christophe Barratier ( La nouvelle guerre des boutons ) statt von Yann Samuell ( La guerre des boutons ) anläuft, ist wohl Barratiers Die Kinder des Monsieur Mathieu (2004) geschuldet. Dieses unprätentiöses Nachkriegsdrama über ein Internat mit schwer erziehbaren Jungs hatte sich unerwartet zum Kassenhit mit 9 Millionen inländischen, einer Million deutschen und gar fünf Millionen amerikanischen Zuschauern entwickelt.

In seinem neuen Film bleibt der Jungsversteher Barratier seinem nostalgieseligen Stil treu, versieht die Geschichte aber mit einem patriotischen Überbau. Während Konkurrent Yann Samuell in den Sechzigern bleibt und Anspielungen an den Algerienkrieg einarbeitet, datiert Barratier das Geschehen zurück in die Vergangenheit, in den Frühling des Jahres 1944, also in der Zeit der deutschen Besatzung und einige Wochen vor der Landung der Alliierten. Schon lauscht der rebellische Lebrac im Radio heimlich den Reden von General de Gaulle. Anfangs geschickt flicht Barratier die Umtriebe von Résistance, Kollaborateuren und Juden verfolgenden Milizen in die Raufereien ein, transportiert den Kinderkonflikt aber bald auf die Ebene der Erwachsenen.

Zunehmend spiegeln die kleinen Racker und ihr mit spielerischem Ernst geführter Krieg den realen Krieg – und nehmen sogar den Umgang der Franzosen mit den "Verrätern" voraus. Auch die Faszination der Kids für die griechische Republik und ihre schlitzohrigen Überlegungen zur Demokratie bekommen nun einen bedeutungsschwangeren Klang. Mit den Darstellern Kad Merad, der sich seit Willkommen bei den Sch’tis zum gebrochenen väterlichen Über-Ich der Franzosen entwickelt hat, und Laetitia Casta , einst als Modell der Marianne-Büste in allen französischen Bürgermeisterämtern vertreten, wirkt das Remake ohnedies recht staatstragend.

Casta spielt die aus Paris zurückkehrende Modistin Simone, die ihr vermeintliches Patenkind Violette im Schlepptau hat. Mit dem Auftauchen der schönen, gebildeten Violette alias Myriam, die den Jungs die Knöpfe annäht und von Lebrac unbeholfen umschwärmt wird, ist der weitere Verlauf bis zur letzten Minute vorhersehbar – nicht nur für diejenigen, die zuvor Sarahs Schlüssel oder Die Kinder von Paris gesehen haben. Selbst Lebracs versoffener Prügel-Vater – Kad Merad – wird zum harmonieseligen Happy-End patriotisch rehabilitiert.

Allerdings war ein Update der Vorlage unvermeidlich. Im Buch, besonders aber in Roberts Film, der damals von der FSK erst ab 16 Jahre freigegeben wurde, geht es für heutige Verhältnisse so rustikal zu, dass wohl nicht wenige zuschauende Eltern die Krise kriegen würden. Auch im Remake, dessen kleine Darsteller denen in Roberts Film oft wie aus dem Gesicht geschnitten sind, werden Messer gezückt und Hosenmätze mit Selbstgebranntem besoffen gemacht. Doch nicht nur die Nacktkampf-Szene ließ Barratier weg: im Vorgängerfilm fingen die Bengels Schlangen, denen sie den Giftzahn zogen, räucherten einen Fuchsbau aus, warfen sich mit Karacho in den Schlamm, und stürzten auf gefällten Bäumen in die Tiefe. Nicht nur Lebracs Vater, sondern alle Väter prügelten, was achselzuckend akzeptiert wurde. Diese Steppkes waren noch echte wilde Kerle, mit deren Erfahrungen sich zumindest diejenigen Zuschauer, die in der Provinz aufgewachsen waren, identifizieren konnten. Doch diese Art unbeaufsichtigter Kindheit ist vorbei.