Film "Totem"Der Horror liegt im Kleinbürgerlichen

Mit ihrem frappierenden Debüt "Totem" zeichnet Jessica Krummacher das Bild einer Kleinfamilie, in der jede Kommunikation eingestellt wurde. Was bleibt ist Ohnmacht. von Andreas Busche

Marina Frenk in "Totem"

Marina Frenk in "Totem"  |  © Filmgalerie 451

Die kleinbürgerliche Mittelklassefamilie erinnert im Kino immer ein wenig an einen Horrorfilm. Vielleicht liegt es an der Inneneinrichtung: den Ledergarnituren, seelenlosen Zimmerpflanzen und dem biederen Kunsthandwerk an den Wänden. Wo bereits das Leben wie ein Transitraum ausgestattet ist, Lebenskonzepte sich in behaglicher Durchschnittlichkeit eingenistet haben, da stellt sich unwillkürlich Unbehagen ein.

Verstärkt drängt nun eine Generation von Filmemachern in die Kinos, die mit der Erinnerung an solche Requisiten noch eine unbeschwerte Kindheit verbindet – aber irgendwann feststellen musste, dass sich wie die Interieurs auch die Mentalität seit den achtziger Jahren kaum gewandelt hat. Man hat sich dauerhaft in einem Provisorium eingerichtet.

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Dieser kleinbürgerliche Habitus ist per se ahistorisch, in seiner Verblendung existiert für ihn nichts außer der Lüge des absoluten Jetzt. Der Horror des kleinbürgerlichen Milieus besteht weniger in seinen geschmacklichen Verirrungen, als in der tristen Zeitlosigkeit seines Entwurfs.

Jessica Krummacher zeichnet mit ihrem Regiedebüt Totem ein vordergründig empathischeres Bild der Mittelklasse, das auf denunziatorische Untertöne verzichtet. Die Lüge, die hier im Raum und zwischen den Menschen steht, ist allerdings so gewaltig, dass jede Kommunikation de facto eingestellt wurde. Die Gefühle liegen verschüttet. In dieses lähmende Schweigen platzt das neue Kindermädchen Fiona (Marina Frenk) hinein. Sie soll sich um das Haus und Jürgen, den Jüngsten, kümmern. Der Mutter (Natja Brunckhorst) geht es nach der Geburt ihrer Zwillinge gesundheitlich nicht gut; sie leidet unter Depressionen und verfällt in unkontrollierte Wutausbrüche. Ihr Mann ist auch keine Hilfe, er hat sich längst von der Familie abgekoppelt. Wenn er ihre Nähe nicht mehr erträgt, kümmert er sich im Garten um die Kaninchen. Die fünfzehnjährige Tochter hat einen doppelt so alten Freund, der manchmal auch in Unterhose im Wohnzimmer rumsitzt. Jeder verfügt über Rituale, den Alltag zu strukturieren.

Fiona fungiert in diesem dysfunktionalen Familiengefüge als eine Art Blitzableiter. Auf sie beginnen die einzelnen Mitglieder zu projizieren, was sie untereinander nicht mehr verhandeln können: Enttäuschungen, Aggressionen, Aufmerksamkeit, Zuneigung. So entstehen regelrechte sado-masochistische Abhängigkeitsverhältnisse, die Krummacher jedoch bewusst im Vagen hält. Denn auch Fiona ist eine undurchsichtige, verstockte Figur. Wie ein Schatten bewegt sie sich durch das Haus, manchmal läuft sie ziellos in den Wald. Einmal wird sie von der Polizei aufgegriffen, als sie nachts die Babys spazierenfährt. Die Polizisten werden misstrauisch, ebenso die Zuschauer. Auch wenn Fiona die Einzige zu sein scheint, die sich ihrer Rolle in der Familie bewusst ist, gibt ihr Verhalten Rätsel auf. Von der Mutter lässt sie sich schlagen; der Vater unternimmt während eines Streits den verzweifelten, nicht einmal ernsthaften Versuch, sie sexuell zu erniedrigen. Alles Handeln verstärkt das Gefühl überwältigender Ohnmacht.


Krummacher inszeniert die Familie als ein hermetisches Gebilde. Die Gefühle werden verinnerlicht, die Zeit ist suspendiert. Die Familie, erzählt Fiona aus dem Off, lebe vollkommen im Heute. Nur bedeutet diese Gegenwart für jeden etwas anderes. Wo das Leben im Moment eigentlich ein enormes utopisches Potenzial bereithielte, wird die Utopie in Totem zum Gefängnis. Frei ist eigentlich nur der Kleinste, Jürgen. Darum hat Fiona vor ihm auch Angst. Denn Freiheit ist ein Konzept, von dem niemand in seiner Familie überhaupt eine Vorstellung hat.

Die klinische Atmosphäre von Fremdheit übersetzt Krummacher in klare, wenn auch manchmal eine Spur zu offensichtliche Bilder. Immer wieder drängt sich Fiona durch verstellte Räume, die auf einen Fluchtpunkt zulaufen. Die Tonspur durchzieht ein leises Hintergrundgeräusch, als würde man in das Herz einer Maschine blicken. Krummacher verfügt über ein gutes Auge und ein gutes Ohr für die Brüchigkeit der Realität, in der sich ihre Figuren verschanzt haben. Aus dieser Fragilität bezieht Totem seinen subtilen Horror, weil die Regisseurin den Zuschauer über die Verfassung dieser Realität stets im Unklaren lässt und auch von ihren Figuren nie mehr preisgibt als nötig.

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Das ist umso erstaunlicher, da Totem eigentlich ihr Abschlussfilm an der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film ist. Krummacher aber hat sehr genau beobachtet, welche narrativen Strategien sich das internationale Autorenkino in den vergangenen Jahren angeeignet hat. Totem feierte letzten Herbst in Venedig Premiere, wo auch Giorgos Lanthimos Film Alpen (Deutscher Kinostart: 14. Juni) lief, der ein ähnlich rigoroses Gesellschaftsporträt zeichnet. In beiden Filmen geht es um die Behauptung von Realität. Fionas tägliche Aufgabe besteht darin, eine Inszenierung aufrechtzuerhalten, um einen viel größeren Schmerz vergessen zu machen. Bis hin zur Selbstaufopferung. Fiona ist ein Skorpion. Skorpione, erklärt ihr Jürgen, töten sich selbst, wenn sie vom Feuer eingeschlossen sind.

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Leserkommentare
  1. ... nicht mal für eine ordentliche Einrichtung, Tapeten und Kunst reicht es. Widerlich! ... und dann noch diese selbstverschuldete und weiter ertragene, desillusionierte Trostlosigkeit. Ekelhaft.

    Das Kleinbürgertum sollte sich auf eigene Kosten abschaffen.

    ...

    Ironie aus.

    ... war bestimmt anders gemeint die Rezension und ich bin ein verletzter Kleinbürger.

    ... na, gut ... bourgeoise, kreativ, autoritative, Großbürgerlichkeit ist auch nicht immer frisch gedacht und gut zu ertragen ...

  2. Der Trailer spiegelt die Rezension gut wieder. Ist das die Wirklichkeit? Oder nah dran?

    Wenn ja, waere das wirklich ein Horror.

  3. Fällt den Filmemachern denn gar nichts mehr ein? Die Enge in der kleinbürgerlichen Familieist nun wirklich das ausgelutschteste Thema, das es gibt. Aber in Deutschland hält man sich wohl immer noch für "kritisch" und "provokant", wenn man wieder diese Nummer spielt. Sehen will das natürlich keiner, Unterhalten soll es nicht mal, aber Subventionen gibt es trotzdem. Es gibt nichts Erbärmlicheres als das Kulturmilieu in Deutschland.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Gerade fährt eine Generation ihr Leben in diese Tristesse und Sprachlosigkeit, die davon ausgingen, dass ihnen das nicht passieren könnte, die sich dumm und dusselig kommunizieren in alle Welt und dabei sprachlos im Nahbereich sind bis zum Verstummen in der Partnerschaft.

    Der Schmerz ist oftmals da. Er kann nur nicht benannt werden. Vielleicht liefert dieser Film Bilder, die sprechen.

    • Moika
    • 24. April 2012 9:28 Uhr

    Die Bilder in den Spiegeln, die uns vorgehalten werden, können weh tun und verletzen. Vielleicht, weil wir uns in ihnen so gut wieder erkennen....

  4. -wie die engen Räume. Das erinnert ein bisschen an "La Nana", wo dasselbe in einem finanziell besser ausgestatteten Umfeld in Chile durchgespielt wird. Vielleicht war das ja gemeint mit den Anklängen ans internationale Autorenkino: ein Halb-Plagiat.

  5. Wie erklärt man einem Bewohner der Sahel-Zone oder einem Inder im Slum von Bombay mit einfachen Worten, woran die Menschen in diesem Film nun genau leiden?
    Führt in Deutschland nicht jeder das Leben, das er sich selbst ausgesucht hat und hat es nicht jeder in der Hand, seine Tage mit Sinn zu füllen?
    Nicht die namenlose "Gesellschaft" ist für meine ureigene Philosophie verantwortlich, sondern ich selbst habe meine Existenz zu definieren und wenn diese Definition eben aus Rasenmähen im Vorgarten und DSDS auf dem Ledersofa besteht, dann habe ich keine Veranlassung zur Klage, dann ist das meine Wahl. Alles nur Luxussorgen und Wohlstandsgejammer und wenn man nicht aufpasst, wird das Ding noch als "nachdenklicher Film" gehandelt.

    • gorgo
    • 24. April 2012 8:34 Uhr

    "Die Familie", "das" Kleinbürgertum", "das" "deutsche" "Kleinbürgertum" (Trailer...) - wie verbohrt in seinen eigenen Überlegenheitsanspruch ist wohl jemand, der wie hier derartig platte Verallgemeinerungen an einen Film wie diesen hängen muss - um sich selbst dann ganz un-kleinbürgerlich findend in die Prenzlauer oder Kölner oder Münchner Altbauwohnung (am besten, indem er sein Fahrrad demonstrativ an die Wand hängt und abends ein wenig "chilled"...)? OmG...

    Mich würde mal eine echte Analyse dieser seit 19hundertX bewährten Endlosschleife interessieren, in denen der Begriff und das Klischee des "Spießers" oder der des "Kleinbürgers" zur wohlig-problemlosen Identitätsbildung des sich intellektuell dünkenden - ja was - Kleinbürgers? Großbürgers? Anti-Bürgers? immer wieder gerne gebraucht wird...

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Familie | Inneneinrichtung | Kino | Alpen | Venedig
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