Die kleinbürgerliche Mittelklassefamilie erinnert im Kino immer ein wenig an einen Horrorfilm. Vielleicht liegt es an der Inneneinrichtung: den Ledergarnituren, seelenlosen Zimmerpflanzen und dem biederen Kunsthandwerk an den Wänden. Wo bereits das Leben wie ein Transitraum ausgestattet ist, Lebenskonzepte sich in behaglicher Durchschnittlichkeit eingenistet haben, da stellt sich unwillkürlich Unbehagen ein.

Verstärkt drängt nun eine Generation von Filmemachern in die Kinos, die mit der Erinnerung an solche Requisiten noch eine unbeschwerte Kindheit verbindet – aber irgendwann feststellen musste, dass sich wie die Interieurs auch die Mentalität seit den achtziger Jahren kaum gewandelt hat. Man hat sich dauerhaft in einem Provisorium eingerichtet.

Dieser kleinbürgerliche Habitus ist per se ahistorisch, in seiner Verblendung existiert für ihn nichts außer der Lüge des absoluten Jetzt. Der Horror des kleinbürgerlichen Milieus besteht weniger in seinen geschmacklichen Verirrungen, als in der tristen Zeitlosigkeit seines Entwurfs.

Jessica Krummacher zeichnet mit ihrem Regiedebüt Totem ein vordergründig empathischeres Bild der Mittelklasse, das auf denunziatorische Untertöne verzichtet. Die Lüge, die hier im Raum und zwischen den Menschen steht, ist allerdings so gewaltig, dass jede Kommunikation de facto eingestellt wurde. Die Gefühle liegen verschüttet. In dieses lähmende Schweigen platzt das neue Kindermädchen Fiona (Marina Frenk) hinein. Sie soll sich um das Haus und Jürgen, den Jüngsten, kümmern. Der Mutter (Natja Brunckhorst) geht es nach der Geburt ihrer Zwillinge gesundheitlich nicht gut; sie leidet unter Depressionen und verfällt in unkontrollierte Wutausbrüche. Ihr Mann ist auch keine Hilfe, er hat sich längst von der Familie abgekoppelt. Wenn er ihre Nähe nicht mehr erträgt, kümmert er sich im Garten um die Kaninchen. Die fünfzehnjährige Tochter hat einen doppelt so alten Freund, der manchmal auch in Unterhose im Wohnzimmer rumsitzt. Jeder verfügt über Rituale, den Alltag zu strukturieren.

Fiona fungiert in diesem dysfunktionalen Familiengefüge als eine Art Blitzableiter. Auf sie beginnen die einzelnen Mitglieder zu projizieren, was sie untereinander nicht mehr verhandeln können: Enttäuschungen, Aggressionen, Aufmerksamkeit, Zuneigung. So entstehen regelrechte sado-masochistische Abhängigkeitsverhältnisse, die Krummacher jedoch bewusst im Vagen hält. Denn auch Fiona ist eine undurchsichtige, verstockte Figur. Wie ein Schatten bewegt sie sich durch das Haus, manchmal läuft sie ziellos in den Wald. Einmal wird sie von der Polizei aufgegriffen, als sie nachts die Babys spazierenfährt. Die Polizisten werden misstrauisch, ebenso die Zuschauer. Auch wenn Fiona die Einzige zu sein scheint, die sich ihrer Rolle in der Familie bewusst ist, gibt ihr Verhalten Rätsel auf. Von der Mutter lässt sie sich schlagen; der Vater unternimmt während eines Streits den verzweifelten, nicht einmal ernsthaften Versuch, sie sexuell zu erniedrigen. Alles Handeln verstärkt das Gefühl überwältigender Ohnmacht.


Krummacher inszeniert die Familie als ein hermetisches Gebilde. Die Gefühle werden verinnerlicht, die Zeit ist suspendiert. Die Familie, erzählt Fiona aus dem Off, lebe vollkommen im Heute. Nur bedeutet diese Gegenwart für jeden etwas anderes. Wo das Leben im Moment eigentlich ein enormes utopisches Potenzial bereithielte, wird die Utopie in Totem zum Gefängnis. Frei ist eigentlich nur der Kleinste, Jürgen. Darum hat Fiona vor ihm auch Angst. Denn Freiheit ist ein Konzept, von dem niemand in seiner Familie überhaupt eine Vorstellung hat.

Die klinische Atmosphäre von Fremdheit übersetzt Krummacher in klare, wenn auch manchmal eine Spur zu offensichtliche Bilder. Immer wieder drängt sich Fiona durch verstellte Räume, die auf einen Fluchtpunkt zulaufen. Die Tonspur durchzieht ein leises Hintergrundgeräusch, als würde man in das Herz einer Maschine blicken. Krummacher verfügt über ein gutes Auge und ein gutes Ohr für die Brüchigkeit der Realität, in der sich ihre Figuren verschanzt haben. Aus dieser Fragilität bezieht Totem seinen subtilen Horror, weil die Regisseurin den Zuschauer über die Verfassung dieser Realität stets im Unklaren lässt und auch von ihren Figuren nie mehr preisgibt als nötig.

Das ist umso erstaunlicher, da Totem eigentlich ihr Abschlussfilm an der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film ist. Krummacher aber hat sehr genau beobachtet, welche narrativen Strategien sich das internationale Autorenkino in den vergangenen Jahren angeeignet hat. Totem feierte letzten Herbst in Venedig Premiere, wo auch Giorgos Lanthimos Film Alpen (Deutscher Kinostart: 14. Juni) lief, der ein ähnlich rigoroses Gesellschaftsporträt zeichnet. In beiden Filmen geht es um die Behauptung von Realität. Fionas tägliche Aufgabe besteht darin, eine Inszenierung aufrechtzuerhalten, um einen viel größeren Schmerz vergessen zu machen. Bis hin zur Selbstaufopferung. Fiona ist ein Skorpion. Skorpione, erklärt ihr Jürgen, töten sich selbst, wenn sie vom Feuer eingeschlossen sind.