Film "Our Idiot Brother"Eulenspiegel zwischen den Lohas von New York

Zwischen Weed und Bionade-Biedermeier: Der Film "Our Idiot Brother" erzählt die Geschichte von Rudd, der zu ehrlich für diese Welt ist. Von Birgit Roschy

"Die Woche war echt hart", behauptet der Kunde mit Leidensmiene und bittet Biofarmer Ned auf dem Wochenmarkt verschämt um Haschisch. Der mitleidige Ned gibt ihm die Bückware fast umsonst. Aber mal ehrlich: Wie doof muss man sein, um einem uniformierten Polizisten Weed zu verticken?

Nach ein paar Monaten Knast und anschließendem Rauswurf aus der Farm schlüpft Ned vorerst im Hotel Mama unter. Beim Familientreffen begegnen ihm seine drei erfolgreichen Schwestern mit gönnerhaftem Mitgefühl. Die zielstrebigen Frauen sind nicht überrascht vom Missgeschick ihres Loser-Bruders. Ned nimmt ihre Hilfsangebote freudig an und zieht zu ihnen nach New York. Dort surft der Mittdreißiger von einer schwesterlichen Couch zur nächsten und bringt das Leben von Klatschreporterin Miranda, Möchtegern-Künstlerin Natalie und Turbomutter Liz gründlich durcheinander. Und während die Schwestern allmählich ihren Fokus verlieren, weiß Ned immer, was er will: nämlich Willie Nelson, seinen heißgeliebten Golden Retriever, den seine garstige Ex-Freundin Janet auf der Farm unter Verschluss hält.

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Das Herz auf der Zunge

Okay – diese Komödie über die Lifestyle-Krisen weißer New Yorker ist ziemlich vorhersehbar. Dennoch ist es schwer, sich dem Charme des Titelhelden zu entziehen. Paul Rudd fügt der Galerie von Kindmännern wie The Big Lebowski, Forrest Gump und Charlie Brown eine weitere Variante hinzu. Erstmals fiel der Schauspieler als liebenswürdiger Nebendarsteller in rauen Judd-Apatow-Späßen auf, dann spielte er in Frauenkomödien den adretten Märchenprinz. Nun kostümiert er sich, mit Jesus-Frisur, einem Schwabbelbäuchlein über dem Gummizug seiner Bermudashorts und Crogs-Tretern an den kurzen Beinen, als der letzte Hippie. Er ist eine ästhetische Zumutung, doch arglos und zutraulich wie ein Welpe. Mit seiner offenen Art bringt der Laberfritze jedermann zum Plaudern – und plaudert zur Unzeit alles wieder aus.

Als er etwa seinem Bewährungshelfer erzählt, dass er vor lauter Stress ein Tütchen geraucht hat, meint der entnervt: "Das habe ich nicht gehört!" Und Ned wiederholt sein Geständnis laut und deutlich. Im Grunde ist dieser Simpel, der sein Herz auf der Zunge trägt, alles wortwörtlich nimmt und Zwischentöne überhört, ein Borderline-Autist. Doch Rudd zieht einen mit listigen Äuglein und kindlichem Kiffergrinsen unwiderstehlich in die Perspektive dieses Eulenspiegel hinein. Man möchte den netten Trottel abwechselnd knuddeln und schütteln.

Die Mütter des Bionade-Biedermeiers

Wenn das fundamental ehrliche Seelchen auf seine ehrgeizigen Schwestern trifft, die wie die meisten sozial kompetenten Wesen permanent an ihrer Fassade basteln und, sich und die anderen beschummelnd, durch den Alltag wursteln, fliegen bald die Fetzen. Emily Mortimer als US-Vertreterin des Bionade-Biedermeiers und der Gentrifizierungswelle spielt eine Vollzeitmama, die bei ihren Kindern Echo und River alles ganz arg richtig machen will – und darüber zum verschlunzten Muttertier geworden ist. Prompt weckt Onkel Ned in River, den seine Eltern mit politisch korrekten Tanzstunden quälen, das wilde innere Karate Kid. Nebenbei deckt er in totaler Naivität die Seitensprünge seines Schwagers, eines prätentiösen Dokumentarfilmers, auf. Hipster-Ikone Zooey Deschannel spielt eine erotisch wankelmütige Künstlerin, die in lesbischer Beziehung mit einer toughen Anwältin lebt. Der schwächste Charakter ist Elizabeth Banks als karrierebewusste Vanity-Fair-Journalistin, die im Auftrag ihres Chefs versuchen muss, einer Society-Lady Geheimnisse zu entlocken. Neds Ex-Freundin Janet, eine Biobäuerin mit Latzhose und passiv-aggressiver Zickigkeit, ist dagegen fast eine Karikatur.

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Dennoch wandelt Regisseur Jesse Peretz entspannt auf dem schmalen Grat zwischen Sittenkomödie und Farce. Wir befinden uns im postalternativen Milieu halbarrivierter Kulturschaffender mit sorgfältig gesetzten Koordinaten: Dixie-Chicks-Konzerte, Off-Theater, Farmers Market; Aussprachen finden in Cafés statt, die von Langhaarigen mit schlappen Strickmützen bevölkert sind. Für Peretz, der das Drehbuch mit seiner Schwester, Vanity-Fair-Journalistin Evgenia Peretz und deren Mann, Dokumentarfilmer David Schisgall, schrieb, waren die Dreharbeiten vermutlich ein Heimspiel. Die Kinder von Martin Peretz, bis vor Kurzem der Herausgeber des Politmagazins The New Republic, gehören ohnehin zum linksliberalen Establishment.

Luftige, unsentimentale Tonart

Filme von Indie-Regisseuren, die das eigene Umfeld selbstironisch beleuchten – wie zum Beispiel Wes Anderson, Lisa Cholodenkos The Kids Are All Right, Noah Baumbachs Greenberg und Nicole Holofceners Please Give – sind in den vergangenen fünf Jahren fast ein Subgenre geworden. Auch mit Streiflichtern auf eine neue ländliche Gegenkultur befindet sich Peretz scheinbar voll im Zeitgeist. Vor Kurzem lief mit Our-Idiot-Brother-Nebendarsteller Hugh Dancy das Psychodrama Marcy Martha May Marlene über eine Kommune. Und in der kommenden Aussteiger-Komödie Wanderlust spielt Rudd erneut die Hauptrolle, auch Ökofarmerin Janet (Kathryn Hahn) hat einen Auftritt.

Im Gegensatz zu obigen Filmen ist die Tonart luftig und unsentimental. Die leichtfüßige Inszenierung vermeidet sowohl schenkelklopfenden Humor wie großes Drama oder Mätzchen à la Anderson. Auch die knappen 90 Filmminuten setzen dem Auswalzen quälender Neurosen enge Grenzen. Der kauzige Ned wird auf seiner Odyssee durch die urbanen Biotope nie zum Gespött gemacht, komisch sind meist die Reaktionen der anderen. Nur wenn die Alphatiere in Neds Umgebung ihre Egoismus und ihre Feigheit mit moralisierendem Psychotalk bemänteln wollen, gewinnen die Dialoge an Schärfe. Dafür wirft die Komödie einen herrlich unaufgeregten Blick auf Paarbeziehungen, die, so zeigt das Happy End, buchstäblich auf den Hund gekommen sind.

 
Leserkommentare
  1. Wer oder was ist denn bitte ein "Borderline-Autist"? Soviel zum Thema "Psychotalk"... Der Jargon der Kritik verleidet einem so ziemlich jeden Lust auf den Film

    Eine Leserempfehlung
  2. ... vor und nach "Bionade-Biedermeier" setzen - desen herrlichen Begriff hat nämlich Herr Grebe erfunden!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Da wäre ich mir nicht so sicher. Der Begriff tauchte m. E. das erste Mal 2007 in der ZEIT auf, im Magazin.
    http://www.zeit.de/2007/4...
    Der Autor (Henning Sußebach) und Rainald Grebe dürften es wissen.
    Den Artikel habe ich gern gelesen. Geschmeidig und kenntnisreich. Im Gegenteil zu #1 Kommentator hat der Text, der ja kein fachpsycholologisches Ferngutachten sein soll, MEINE Lust auf den Film geweckt. Y que viva los Borderline-autists!

    Da wäre ich mir nicht so sicher. Der Begriff tauchte m. E. das erste Mal 2007 in der ZEIT auf, im Magazin.
    http://www.zeit.de/2007/4...
    Der Autor (Henning Sußebach) und Rainald Grebe dürften es wissen.
    Den Artikel habe ich gern gelesen. Geschmeidig und kenntnisreich. Im Gegenteil zu #1 Kommentator hat der Text, der ja kein fachpsycholologisches Ferngutachten sein soll, MEINE Lust auf den Film geweckt. Y que viva los Borderline-autists!

  3. Da wäre ich mir nicht so sicher. Der Begriff tauchte m. E. das erste Mal 2007 in der ZEIT auf, im Magazin.
    http://www.zeit.de/2007/4...
    Der Autor (Henning Sußebach) und Rainald Grebe dürften es wissen.
    Den Artikel habe ich gern gelesen. Geschmeidig und kenntnisreich. Im Gegenteil zu #1 Kommentator hat der Text, der ja kein fachpsycholologisches Ferngutachten sein soll, MEINE Lust auf den Film geweckt. Y que viva los Borderline-autists!

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