"Ein furchtbares Gefängnis"
Petzold: Nicht nur, da war ich ja noch jung, so zwölf, dreizehn. Aber es ist schon bemerkenswert: Ich bin in einem Reihenhaus aufgewachsen und diese Häuser sind sehr funktionalisiert: Es gibt ein großes Wohnzimmer, durch das man von vorne nach hinten zum Garten durchgeht. Daneben gibt es eine Küche mit Durchreiche und eine Gästetoilette. Eine Wendeltreppe führt hoch in den ersten Stock. Dort gibt es das Schlafzimmer der Eltern und zwei kleine Zimmer für die Kinder und es gibt das Badezimmer. So sah es bei uns aus, und so sah es in allen Reihenhäusern aus, in denen ich war. Dieses Haus ist Wohnen, Essen, Schlafen und Kinder. Als mein Vater arbeitslos wurde, gab es für ihn keinen Raum mehr. Dreieinhalb Jahre lang ist er durch sein Haus gewandelt und wusste nicht, wo er sich hinsetzen sollte. Er hat sich dann im Schlafzimmer in einer kleinen Ecke ein kleines Büro eingerichtet. Das sah aus wie eine Zelle. Der Mann hatte eben weg zu sein. Mein Vater zweifelte schließlich, ob dieses ganze auf Arbeit hin ausgerichtete System nicht eigentlich doch ein furchtbares Gefängnis ist.
ZEIT ONLINE: Heute versucht jedes Unternehmen, jeder Supermarkt seine Mitarbeiter zu motivieren und in ihnen das Gefühl zu wecken, man gehöre zusammen. Ist das schädlich, wenn Arbeitgeber versuchen, Identität im Unternehmen zu stiften?
Petzold: Wahrscheinlich wollen die Menschen das sogar ein bisschen, weil sonst diese furchtbare Form von Arbeit nicht aushaltbar ist. Sie arbeiten bei Beiersdorf oder VW oder Bayer und nennen sich auch so: "Beiersdorfer", "VW-ler". Sie identifizieren sich mit ihrem Arbeitgeber, gezwungenermaßen, oft wie mit einem Fußballverein. Die heutige Unternehmenspolitik glaubt, es sei nötig, dass die Büros schön aussehen, es eine Espressomaschine gibt, man sich leger fläzen kann und dass ein ganz neuer hedonistischer Umgangston herrscht. Ich glaube dahinter steckt die Angst der Arbeitgeber, es könne sich noch einmal eine starke Gewerkschaft bilden, die einfach sagt: Wir machen den Scheiß nicht mit.
ZEIT ONLINE: Ich als Journalistin identifiziere mich auch sehr mit meiner Arbeit und ich nehme an, Sie auch. Und das fühlt sich gut an.
Petzold: Wir sind ein anderer Fall. Wir sind nicht Schlecker. Wir sind Akademiker.
ZEIT ONLINE: Was ändert das?
Petzold: Wir sind in einem Bereich tätig, in dem man uns größere Freiräume lässt, weil wir ja auch noch recherchieren und nachdenken müssen. Wir müssen keine Stechuhr bedienen. 80 Prozent aller Leute gehen aber einer Arbeit nach, die im Fernsehen nicht repräsentiert ist. Dort spielen die Kommissare Saxophon, wohnen in Lofts und leben im Grunde wie Kuratoren. Es gibt kein Bild mehr von der Arbeit, wie die meisten sie noch immer erleben: Sie gehen in eine Fabrik, hinter Mauern.
ZEIT ONLINE: In Ihrem Film gibt es einen Mann, der seiner Arbeit auch mit Leidenschaft nachgeht oder zumindest mit großer Gründlichkeit. Das ist ausgerechnet der Stasi-Mann. Zudem hat er als einzige Hauptperson ein soziales Umfeld, Freunde und Familie.
Petzold: Die Leute, die Furchtbarstes anrichten, tun das nicht, weil sie Böses, sondern weil sie Gutes tun wollen. Das ist es, was weh tut. In Gesprächen und während der Recherchen wurde mir klar, dass dieses Land DDR dauernd unter Beschuss stand. In den fünfziger Jahren flohen alle Facharbeiter, sie wurden abgeworben in den Westen. Das Land litt unter einem Aderlass und mancher dachte sich: Leute wie diese gebildete Ärztin Barbara, die einfach mal Geld machen wollen, in den Westen, nach Cannes oder nach Saint-Tropez wollen, die haben wir hier für unser Gemeinwesen ausgebildet. Wenn die jetzt weggehen wollen, mache ich sie fertig! Denn wir haben hier ein Land, ein Gemeinwesen, wir sind verantwortlich füreinander!
Deshalb wollte ich, dass der Stasi-Mann eben nicht aus dem Nichts kommt oder einfach nur eine Drehbuchidee ist, sondern Freunde und Freundinnen hat und seine eigenen Leiden. Seine krebskranke Frau malt und das Sterbezimmer ist auch noch schön eingerichtet. Ich halte es für wichtig zu zeigen, dass die sogenannten Bösen oder Unterdrücker oft so handeln, weil sie offensichtlich glauben, sie sind die Guten.
ZEIT ONLINE: In Barbara haben Sie wieder ein Liebes- mit einem Arbeitsverhältnis verknüpft. Auch das ist gar nicht westdeutsch. Obwohl wir von der Arbeit regelrecht beherrscht sind, wollen wir unsere Liebe – zumindest im Film – immer vor der Arbeit retten. Wo liegt denn unser Problem?






Ich denke, dass Arbeit in den Industrieländern aus verschiedenen Gründen einen sehr hohen Stellenwert besitzt.
- Es bestimmt den Gesellschaftlichen Status und somit das Selbstwertgefühl des Einzelnen
- Je höher die Existenzängste, umso wichtiger die Arbeit
- Arbeit ist Voraussetzung für die Befriedigung des zunehmenden Bedarfs nach materiellen Konsumgütern
- Arbeit betäubt
Die Gefahr liegt wie immer in der Ausübung bisins Extreme.
Leider hat man in der heutigen Arbeitswelt nur noch die Wahl zwischen Burn-Out oder Hartz-4.
Viele Menschen fallen zudem in ein tiefes Loch, wenn sie aus dem Erwerbsleben ausscheiden, weil sie es nicht gewohnt sind, nichts zu tun.
Fleiss ist nicht immer eine Tugend, auch wenn die Gesellschaft einem ständig etwas anderes versucht, einzutrichtern.
Sie meinen wahrscheinlich, nichts tun zu können, weil keiner einem befiehlt etwas zu tun. Vielleicht fehlen sehr autoritär und gehorsam erzogenen Menschen einfach die Befehle, und dann schauen Sie nur TV.
Ein eigenständiger Mensch könnte sehr wohl seine Zeit ausfüllen - sogar ohne Geld Tätigkeiten finden, die ihm Spaß machen.
in der gleichen Weise von den eigenen Familienmitgliedern und der Gesellschaft anerkannt wie die Arbeit ausser Haus; einen Kochplan machen, kochen, absp"ulen, W"asche waschen, b"ugeln, einen Garten anbauen, die Kinder, die Eltern, etwaige Verwandte, die zur Untermiete wohnen, versorgen wird einfach so erwartet - in der Mittelschicht. Viele Frauen gehen da unter!
Sie meinen wahrscheinlich, nichts tun zu können, weil keiner einem befiehlt etwas zu tun. Vielleicht fehlen sehr autoritär und gehorsam erzogenen Menschen einfach die Befehle, und dann schauen Sie nur TV.
Ein eigenständiger Mensch könnte sehr wohl seine Zeit ausfüllen - sogar ohne Geld Tätigkeiten finden, die ihm Spaß machen.
in der gleichen Weise von den eigenen Familienmitgliedern und der Gesellschaft anerkannt wie die Arbeit ausser Haus; einen Kochplan machen, kochen, absp"ulen, W"asche waschen, b"ugeln, einen Garten anbauen, die Kinder, die Eltern, etwaige Verwandte, die zur Untermiete wohnen, versorgen wird einfach so erwartet - in der Mittelschicht. Viele Frauen gehen da unter!
...sobald ich ins Erwerbsleben einsteige....;-)
Ich weiß ja nicht, welches Land er mein, wenn Herr Petzold behauptet, dass unsere Identität durch unsere Arbeit bestimmt wird, aber hier in Deutschland sind wir schon eine Schritt weiter zurück. Mittlerweile führen wir wieder jenen Umstand ein, dass unsere Identität durch unsere Herkunft bestimmt wird. Wer aus einer "bildungsfernen" Gruppe der Gesellschaft kommt, hat es schwer, hier raus zu kommen. Und Pöstchen und Positionen werden seit etlichen Jahren, eigentlich schon immer weitervererbt. Es ist doch kaum noch ein durchkommen von unten nach oben. Das Elitäre unserer Gesellschaft bleibt doch total unter sich. Da heißt es nicht mehr "heute geschlossene Gesellschaft", sondern "weiterhin übrige Gesellschaft ausgeschlossen".
Schaut euch doch bitte noch einmal das letzte Wort des Interviews an. ;-)
Seht euch auch das vierte Wort im allerersten Satz an. Rechtschreibung sollte man doch beherrschen, wenn man Artikel schreibt....
... ist jetzt richtig geschrieben. Dankesehr.
Seht euch auch das vierte Wort im allerersten Satz an. Rechtschreibung sollte man doch beherrschen, wenn man Artikel schreibt....
... ist jetzt richtig geschrieben. Dankesehr.
Die zweite, spätestens dritte Frage eines Unbekannten, den man irgendwo kennenlernt lautet: "Was machen Sie beruflich?", oder aber, "Was machst du, wenn du nicht hier (Kneipe, Disko...) bist?"
Wenn man seine Ruhe haben will, braucht man nur zu antworten: "Das Leben ist auch ohne Arbeit schön!"
Naja, Beiersdorf schreibt sich auch anders.
Naja, Beiersdorf schreibt sich auch anders.
Naja, Beiersdorf schreibt sich auch anders.
so kleinlich wollte ich nicht sein. Vermutlich haben Sie mich auch nicht gemeint. :-)
so kleinlich wollte ich nicht sein. Vermutlich haben Sie mich auch nicht gemeint. :-)
so kleinlich wollte ich nicht sein. Vermutlich haben Sie mich auch nicht gemeint. :-)
Als Schwabe vom Land kennt man sie, die drei Fragen, wie ich hier mal auf Hochdeutsch übersetze: Wie heißt du, wer ist deine Familie, wo arbeitest du? (Wia hoisch du, mô g'hersch du nôh, wa schaffsch du?) Das ist die Definition des Individuums und der Schwabe unterscheidet sich da nicht groß von meinem Eindruck der Gesamtdeutschen.
Allein, in meinem persönlichen Umfeld funktioniert es nicht. Die meisten haben einen Beruf erlernt, üben ihn auch aus, machen aber noch eine ganze Handvoll andere Dinge. Schade dabei ist nur die xenophobe Verachtung, die einem dafür entgegen schlägt. Wer sich weigert, sich (ausschließlich) über seine Arbeit zu definieren, ist gleich komisch, ein fauler Sack, der zum Spaß lebt. Denn das ist das nächste Problem in Deutschland: Eine wesentliche Eigenschaft von Arbeit ist, dass sie keinen Spaß macht. Was Spaß macht, ist keine Arbeit mehr. Wenn man dann auch noch Geld dafür bekommt, ist man auch noch ein gleich ein Abzocker. Da überwiegen dann Neid und Missgunst.
Die Leute sollten die freudlose Arbeit nicht meiner Meinung nach nicht so breit akzeptieren sondern versuchen, eine Arbeit zu machen, die ihnen mehr Freude macht. Klar ist das leicht gesagt, aber der Weg ist hier das Ziel. Das wäre für alle gut, wenn wir den Anspruch an unsere Arbeit hätten, dass sie auch mal Freude machen soll.
Arbeit ist sichtbar gemachte Liebe. Und wenn ihr nicht mit "Liebe, sondern nur mit Widerwillen arbeiten könnt, lasst besser eure Arbeit und setzt euch ans Tor des Tempels und nehmt Almosen von denen, die mit Freude arbeiten. Denn wenn ihr mit Gleichgültigkeit Brot backt, backt ihr ein bitteres Brot, das nicht einmal den halben Hunger des Menschen stillt. Und wenn ihr die Trauben mit Widerwillen keltert, träufelt eure Abneigung ein Gift in den Wein. Und auch wenn ihr wie Engel singt und das Singen nicht liebt, macht ihr die Ohren der Menschen taub für die Stimmen des Tages und die Stimmen der Nacht."
Khalil Gibran von der Arbeit("Der Prophet")
http://www.brandeins.de/m...
Und nicht unverlinkt soll auch das Werk von Mr. Lafargue bleiben - zeitlos:
http://www.sopos.org/aufs...
Arbeit ist sichtbar gemachte Liebe. Und wenn ihr nicht mit "Liebe, sondern nur mit Widerwillen arbeiten könnt, lasst besser eure Arbeit und setzt euch ans Tor des Tempels und nehmt Almosen von denen, die mit Freude arbeiten. Denn wenn ihr mit Gleichgültigkeit Brot backt, backt ihr ein bitteres Brot, das nicht einmal den halben Hunger des Menschen stillt. Und wenn ihr die Trauben mit Widerwillen keltert, träufelt eure Abneigung ein Gift in den Wein. Und auch wenn ihr wie Engel singt und das Singen nicht liebt, macht ihr die Ohren der Menschen taub für die Stimmen des Tages und die Stimmen der Nacht."
Khalil Gibran von der Arbeit("Der Prophet")
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