Regisseur Petzold"Unsere Identität bestimmt sich über Arbeit"

Der Regisseur Christian Petzold gilt als wichtiger Anwärter für den Deutschen Filmpreis. Im Interview spricht er über unsere Arbeitswelt und wie sie uns beherrscht.

ZEIT ONLINE: Die Hauptfigur in ihrem jüngsten Film, Barbara, ist eine unserem heutigen Verständnis nach sehr emanzipierte Frau. Der Film spielt aber schon 1980, in der DDR. Was machte das Arbeitsleben dort aus heutiger Sicht der Frauen so modern?

Christian Petzold: In der DDR gab es früh Krippenplätze und die Frauen konnten am Arbeitsprozess teilnehmen. So wie ich sie in Erinnerung habe, waren sie sehr stark und auf eine andere Art erwachsen. In den Reihenhaussiedlungen im Westen, in denen ich groß geworden bin, gab es für die meisten Kinder kaum Krippen- und Kindergartenplätze. Und die wenigen Plätze mussten teuer bezahlt werden. So blieben die Frauen zu Hause, hin und wieder klingelte die Avon-Beraterin oder eine veranstaltete eine Tupperware-Party. Und heute? Da diskutieren die Politiker in der CDU/CSU das sogenannte Betreuungsgeld, wo es wieder um die konservative Auffassung geht, Familien bekommen Geld, wenn sie ihre Kinder zu Hause lassen – und die Frau nicht mehr arbeiten geht.

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ZEIT ONLINE: Warum ist das Thema Arbeit für Sie so wichtig?

Petzold: Wir haben ein großes Problem. Die Industriearbeit ist weggefallen, überhaupt fallen immer mehr Arbeitsplätze weg, und trotzdem bestimmt sich unsere Identität über unsere Arbeit. Auf einer Party fragt man: "Was machst denn du?" Wenn Frauen antworten: "Ich pass auf die Kinder auf", haben sie keine Identität, sondern gehören zu der großen Masse von Müttern.

Christian Petzold

Christian Petzold wurde 1960 in Nordrhein-Westfalen geboren, nachdem seine Familie in den Westen gezogen war. Er studierte Germanistik und Theaterwissenschaft in Berlin und danach Regie an der dffb und gilt seitdem als Vertreter der Berliner Schule. Sein erster Spielfilm war 1995 Pilotinnen. Es folgten u.a. im Jahr 2000 Die innere Sicherheit über ein Paar, das als ehemalige RAF-Terroristen ein Leben im Untergrund führt, Wolfsburg (2003), Gespenster (2005), Yella (2007) und Jerichow (2008). Für das Fernsehen drehte er gemeinsam mit den Regisseuren Dominik Graf und Christoph Hochhäusler die Trilogie Dreileben. Für seine Filme wurde Petzold mehrfach ausgezeichnet u.a. mit dem Silbernen Bären, dem Grimme-Preis, dem Deutschen Fernsehpreis und dem Deutschen Filmpreis. Auch sein jüngster Film Barbara ist in acht Kategorien für den Deutschen Filmpreis nominiert, der am Freitag, 27. April, verliehen wird.

Zum Film "Barbara"

Barbara (Nina Hoss) ist Ärztin und wurde, nachdem sie einen Ausreiseantrag gestellt hat, in ein Provinzkrankenhaus strafversetzt. Sie wird von der Stasi beobachtet und schikaniert, doch es soll ja nur ein vorübergehender Aufenthalt werden, denn mit ihrem Geliebten aus dem Westen plant sie ihre Flucht. Doch dann kommen ihr Zweifel und ihr neuer Kollege André (Ronald Zehrfeld) verwirrt sie. In Barbara erzählt Christian Petzold von Menschen, die sich mit großem Misstrauen begegnen, und – einmal mehr – um ihre Freiheit, die äußere und die innere, ringen.

ZEIT ONLINE: Fällt deshalb im Film der Satz von Barbaras Geliebtem aus dem Westen über ihr künftiges Glück: "Wenn du im Westen bist, kannst du ausschlafen und brauchst nicht mehr zu arbeiten."?

Petzold: Komischerweise haben im Westen immer alle nach dem Film gesagt, der wichtigste Satz sei: "In diesem Land hier" –  also in der DDR – "kannst du nicht glücklich sein." Aber der entscheidende Satz ist der, den Sie eben zitiert haben. Denn mit ihm wird plötzlich aus dem Westen, der mit schönen Gerüchen, tollem Tabak, wunderbarem Kaffee und seidigen Strumpfhosen lockt und von wo es nicht weit ist nach Italien, zu Sehnsucht und Weite, wird aus diesem Land plötzlich eine Reihenhaussiedlung. Innerhalb weniger Sekunden. Das wirkt wie ein Gift in Barbara.

ZEIT ONLINE: Sie sind selbst im Westen aufgewachsen als Kind einer Mutter, die ihren Beruf, den sie in der DDR hatte, aufgab und Hausfrau wurde, und eines Vaters, dem seine Arbeit sehr wichtig war, die er dann aber verlor, und der auch erst mal keine neue fand.

Petzold: Dreieinhalb Jahre lang nicht.

ZEIT ONLINE: Rührt daher Ihre kritische Haltung gegenüber dem westlichen Lebensmodell?

Leserkommentare
  1. Herr Petzold ist ein sehr guter Beobachter. Allein die Szene mit dem Quelle-Katalog in "Barbara" sagt mehr über deutsche Wirklichkeit aus als der Großteil der deutschen Kinoproduktionen der letzten zwanzig Jahre. In der Tat kommt das Thema "Arbeit" im deutschen Kino so gut wie gar nicht vor, dabei gab es einmal eine Zeit, in der dies anders war (ich erinnere nur an Fassbinders großartige TV-Produktion "Acht Stunden sind kein Tag", damals zahlte man noch ohne Groll GEZ-Gebühren).

    Weiter so, Herr Petzold, ihre Filme finde ich so spannend, dass ich sie mir immer schon am Erstaufführungs-Donnerstag angucke!

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  2. sondern erst, wenn der Fleiss und die Arbeit selbstlos sind.
    Es gibt genug Menschen, die mir ihrem blinden egoistischen Aktionismus der Gesellschaft Schaden zufügen.
    Der volkswirtschaftliche Schaden, den z.B. Spekulanten anrichten, ist weit höher als der, der durch "faule" Hartz-4-Empfänger verursacht wird.
    Das kapitalistische System fördert Egoismus.
    Die Gesellschaft definiert "Höhere Arbeit" anhand monetärer und nicht ideeller Maßstäbe.
    Der Knall ist somit vorprogramiert.

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    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    bez. "höherwertige Arbeit": ja, die Bewertungsmaßstäbe von höher und niedriger sind etwas pervertiert. Wobei glaube ich auch traditinoelle Bewertungen mit reinspielen, z.B. bei Pfarrern und ÄrztInnen, die auch keine materielle Werte erzeugen.
    bez. "selbstlos": man muss nicht gleich selbstlos werden, um der Gesellschaft nicht zu schaden, oder etwas konstruktives beizutragen.

    Auf den (nächsten) Knall bin ich jedenfalls auch schon gespannt...

    bez. "höherwertige Arbeit": ja, die Bewertungsmaßstäbe von höher und niedriger sind etwas pervertiert. Wobei glaube ich auch traditinoelle Bewertungen mit reinspielen, z.B. bei Pfarrern und ÄrztInnen, die auch keine materielle Werte erzeugen.
    bez. "selbstlos": man muss nicht gleich selbstlos werden, um der Gesellschaft nicht zu schaden, oder etwas konstruktives beizutragen.

    Auf den (nächsten) Knall bin ich jedenfalls auch schon gespannt...

  3. ... ich fände es gut, wenn ihr die Petzold-Frühwerke "Pilotinnen", "Cuba libre" und "Die Beischlafdiebin" mal wieder ausstrahlen würdet. Eine DVD-Edition gibt es ja offenbar nicht.

  4. 28. Knall

    bez. "höherwertige Arbeit": ja, die Bewertungsmaßstäbe von höher und niedriger sind etwas pervertiert. Wobei glaube ich auch traditinoelle Bewertungen mit reinspielen, z.B. bei Pfarrern und ÄrztInnen, die auch keine materielle Werte erzeugen.
    bez. "selbstlos": man muss nicht gleich selbstlos werden, um der Gesellschaft nicht zu schaden, oder etwas konstruktives beizutragen.

    Auf den (nächsten) Knall bin ich jedenfalls auch schon gespannt...

    • ananam
    • 27.04.2012 um 8:05 Uhr

    danke für das sympathische interview.
    die darstellung des arbeitsthemas im film hat mich nicht überzeugt. beide ärzte sind völlig realitätsfern erzählt und leider nahezu humorlos beschrieben.
    die stundenlang am krankenbett sitzenden ärzte (keine schwester weiter breit).
    mein vorschlag fürs ende - statt der völlig ausgedachten szene mit dem armen mädchen, wie eine flaschenpost ins wasser geht -: die ärztin kommt in die klinik zurück, wo der arzt sitzt gerade mit seinen kolleginnen in der dienstbesprechung - viel besser noch in der gewerkschaftsversammlung und diskutieren den nächsten betriebsausflug.
    es gab für sie in dieser situation keine absolut richtiger ode absolute falsche entscheidung.
    der film ist einerseits minimalistisch und andererseits völlig themenüberfrachtet. schade eigentlich

  5. führt man, wenn "das arbeit", was Spaß macht und auch noch den Lebensunterhalt sichert. Das Glück haben aber die Wenigsten. Das fängt doch schon bei der Berufswahl an - man lernt/studiert das, was eine Zukunft hat, weil auch der Vater/Mutter damit Geld verdient hat, und nicht, was man sich wünscht.
    Ich musste Rentner werden, umd endlich das tun zu dürfen, was ich immer wollte - schreiben. Meine (kleine) Rente sichert mir das Brot und die Erlöse aus meiner Schreiberei die Butter oben drauf.
    Ich habe "Barbara" (und auch andere Filme von Petzold) erst kürzlich gesehen. Der Film hat mich sehr berührt. Vielleicht deshalb, weil ich das Leben in West UND Ost (auch weiter östlich, als DDR) kenne. Der eine Satz - die Bösen (Stasi) tun nicht Böses, weil sie böse sind, sondern, weil sie Gutes tun wollen, zeigt das Dilemma der Wiedervereinigung.

  6. in der gleichen Weise von den eigenen Familienmitgliedern und der Gesellschaft anerkannt wie die Arbeit ausser Haus; einen Kochplan machen, kochen, absp"ulen, W"asche waschen, b"ugeln, einen Garten anbauen, die Kinder, die Eltern, etwaige Verwandte, die zur Untermiete wohnen, versorgen wird einfach so erwartet - in der Mittelschicht. Viele Frauen gehen da unter!

    Antwort auf "Leben, um zu arbeiten"

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