Leserartikel

Germany's Next TopmodelGuter Striptease, böser Striptease

Die Topmodel-Kandidatinnen sollen in Bikinis posieren, ein Table-Dance-Auftritt wird ihnen aber nicht verziehen. Scheinheilig, urteilt Leserin Uta Schürmann. von Uta Schürmann

Die Dramaturgie von Germany’s Next Topmodel soll offenbar vermitteln, dass es zwei Arten weiblicher Nacktheit gibt: eine ästhetische, erlaubte und eine schmutzige, verbotene.

Eine der jüngsten Folgen der Sendung begann mit einem Casting für einen Automobilhersteller. Die Idee des geplanten Werbespots war, dass die Kandidatinnen in Kleidungsstücken posieren, die farblich mit den jeweiligen Automodellen harmonieren. Die Aufnahmen begannen mit einem gelben Mantel und endeten mit einem roten Bikini. In einer der letzten Einstellungen zeigt die Kamera, wie sich eine Teilnehmerin der Show im Bikini vor bunten Autos räkelt. Schnitt.

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In der nächsten Szene wird die Kandidatin Sara Kulka von der Jury zur Rede gestellt. Sie habe in Chemnitz in einem Nachtclub Table Dance gemacht, wird ihr vorgeworfen. Heidi Klum erklärt ihr, dass ihre Vergangenheit als Stripperin es ihr in der Branche sehr schwer machen wird. Dann wieder Schnitt.

In derselben Folge müssen sich die angehenden Models abschließend vor der Jury in Unterwäsche präsentieren. Ihnen werden lange Schleppen aus bunten Luftballons umgebunden. Das erinnert an die saubere Pin-up-Ästhetik der fünfziger Jahre. Die wichtigste Anweisung an die Kandidatinnen: Spaß vermitteln.

Der nahtlose Übergang vom guten Striptease in der TV-Show zum bösen Striptease in der Vergangenheit der Kandidatin suggeriert, dass es einen klaren Unterschied zwischen beiden gibt. Die eine Form soll bunt, fröhlich und selbstbestimmt sein, die andere ist offenbar dubios und bemitleidenswert, als wäre sie auf widrige äußere Umstände zurückzuführen.

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Die Frage ist, ob es diesen Unterschied zwischen guter Erotik und schlechter Erotik wirklich gibt. Der Auftritt in der Sendung und der Tanz an der Stange waren schließlich gleichermaßen Kulkas freie Entscheidung. Vielleicht lag ihr Fehler einzig darin, dass der Striptease nicht Teil der Modelshow war.

Interessanterweise haben die Juroren ein anderes im Internet kursierendes Bild Kulkas nicht angesprochen: Darauf posiert sie als Domina in einem transparenten Lack-Body. Dieses Bild stellt einen Grenzfall dar zwischen der verruchten Tabledance-Erotik und der sauberen Luftballon-Sinnlichkeit. So ein Grenzfall ist natürlich schlecht, wenn man eine klare Trennung zwischen den beiden Bereichen zeigen will. Das Domina-Foto zu thematisieren, würde bedeuten, die Scheinheiligkeit sexfreier Erotik zu entlarven.

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Leserkommentare
  1. zu so einem Artikel gehören Bilder. Es soll nämlich noch Menschen geben, die diese "Modelshow" nicht sehen..

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    fällt ihnen auf dass sie hier auf unredliche weise mit dem nicht-schauen dieser sendung kokettieren, gleichzeitig aber verlangen dass sie auf den inhalt dieser sendung ((erotische) bilder) zugreifen können?

    der artikel beschreibt die szenerien recht ausführlich, wozu noch bilder?
    soll man goethes faust auch bebildern weil sie vielleicht noch nie in leipzig waren?

    • jamab
    • 03. Mai 2012 22:01 Uhr

    "Leserartikel" schön fett und gelb markiert...

  2. wundert mich ein ums andere Mal.

    Wenn diese Themen ein Spiegel der Interessenslage der User darstellen, sollte ZO mal nachdenken, ob die Redaktion nicht am User vorbei arbeitet und sich mehr in die Untiefen der Unterhaltung und ihrer Folgen begeben.

    Ich jedenfalls staune einmal mehr.

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    Mediale Einflüsse, vor allem auf junge, beeinflussbare Menschen sollten durchaus auch zur Interessenlage der user gehören und da diese Sendung eine gewisse Zielgruppe hat, die sich daran orientieren, hat dies auch soziale Auswirkungen. Vergleichen Sie Klassenfotos von heute mit denen vor 10, 20 oder 30 Jahren, dann sehen Sie, wie wichtig es ist, auch darüber zu schreiben und wen es nicht interessiert, muss es nicht lesen.
    Ja, Erotik ist nicht gleich Erotik, wenn sich 18Jährige Küken in Reizwäsche präsentieren etc. dann ist der Vorwurf der Scheinheiligkeit berechtigt. Wenn ein Mädel ablehnen würde, dann müsste sie wohl die Show verlassen und das ist ebenfalls dubios.

    Es ist nach meiner Meinung sehr wichtig auf diese "Benutzung" von jungen Mädchen mal in einer sehr differenzierten Form zu verweisen, wie es mit diesem Leserartikel gelungen ist!
    Sex sells. Die jungen Mädels lassen sich verkaufen, meinen dass sie dabei gewinnen. Was für eine Erniedrigung aber subtil dahinter steckt, wenn sie wie Pferdchen in die Arena einlaufen, sich dauernd zurechtstutzen lassen vor laufender Kamera von der blöden geldgeilen Blondtussi...dass werden die jungen Frauen erst merken wenn sie älter sind.
    Im Übrigen glaubte ich dass Kinderarbeit verboten sei!

  3. bezogen gibt es sehr wohl gute und schlechte Erotik. Das ist nicht neu und auch nicht ein Produkt der Medien, sondern war immer schon der kleine Moment, in dem die Koketterie in zu große Offenheit abglitt und der Ausschnitt die Milimeter zu viel zeigten, die ausreichten, aus der gut aussehenden und ihre Reize zeigenden Frau eine Hure oder zumindest daran orientiertes machten.

    In der öffentlichen Wahrnehmung scheint es da Grenzen zu geben, wenn diese auch nach sozialer Gruppe variieren können.

    Dieses Phänomen der guten und schlechten, weiblichen Erotik wird in Filmen auch immer gern genutzt und ist auch ansonsten in den Medien bekannt.

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    Danke!

    Traurig, dass der Leserartikel zu diesem Weiterdenken nicht in der Lage gewesen ist. Wenn man sich auf ZEIT Online schon mit GNTM auseinander setzt, dann doch bitte intensiver und tiefgründiger, als Unterwäsche-Models mit Tabledance zu vergleichen.

    In der öffentlichen Wahrnehmung scheint es da Grenzen zu geben, wenn diese auch nach sozialer Gruppe variieren können.

    In der Tat. Ich nehme es genau andersherum wahr als es die Macher von GNTM intendieren. Für mich ist die einzelne Stripperin im Nachtlokal moralisch weniger verwerflich als eine gut organisierte und berechnende Mode-Industrie. Die Stripperin im Nachtlokal macht nicht weniger als für ihren Unterhalt zu sorgen, Monat für Monat. Die Mode-Industrie ... ja, keine Ahnung welchen gesellschaftlichen Nutzen diese milliardenschwere skrupellose Industrie erfüllt. Wenn alle Mode-Designer der Welt auf der Stelle tot umkippen würden, dann würde die Welt vermutlich absolut nichts vermissen.

    Stimmt, mir scheint auch, es wird zwischen guter und böser weiblicher Erotik unterschieden. Das ist scheinheilig.

    Bei männlicher Erotik ist das zum Glück einfacher: Die ist nur böse.

  4. fällt ihnen auf dass sie hier auf unredliche weise mit dem nicht-schauen dieser sendung kokettieren, gleichzeitig aber verlangen dass sie auf den inhalt dieser sendung ((erotische) bilder) zugreifen können?

    der artikel beschreibt die szenerien recht ausführlich, wozu noch bilder?
    soll man goethes faust auch bebildern weil sie vielleicht noch nie in leipzig waren?

    Antwort auf "Liebe Zeit"
  5. wie leicht sich die sogenannten Moralapostel aus den Löchern locken lassen. bitte mehr!

  6. Die Unterscheidung zwischen billiger und teurer Erotik stammt nicht von den Machern der show, sondern von den potentiellen Auftraggebern. Das wurde in der Sendung ja auch klar gesagt. Der wesentliche Vorwurf war: Mit einer solchen Vergangenheit wirst Du es schwer haben, Auftraggeber zu finden. (Ja, ich hab die Sendung gesehen, weil meine Tochter (11) da total drauf abfährt.)

    Die Auftraggeber sind z.B. sogenannte haute couture designer, die Kleider entwerfen und auf Laufstegen präsentieren lassen, wo ich bei jedem einzelnen davon denke: So kann man doch nicht in der Öffentlichkeit herumlaufen!

    Diese Kleider kosten aber tausende von Euros. Die Eintrittskarten zu so einer Laufstegshow, wenn man da als Mensch mit normalem Gehalt überhaupt hineinkommt, vermutlich auch.

    Wenn die Zuschauer nun den Eindruck gewinnen, dass man dieselbe Wirkung wie bei einer Laufstegpräsentation für einen Bruchteil des Geldes auch kriegen kann, indem man einfach in eine table dance Bar geht, dann ist das natürlich schlecht für das Geschäft dieser couturiers (vulgo Schneider) für die Superreichen.

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    für bedenklich, daß Ihre Tochter mit 11 Jahren auf sowas total abfährt und hoffe, daß Sie mit ihr über dieses Thema sprechen.

    • Spez
    • 03. Mai 2012 0:22 Uhr

    dass der Mensch oder seine Vergangenheit in dem Geschäft irgendjemanden interessiert. Für die Schneider sind die Frauen nichts weiteres, als wandelnde Kleiderstangen und so sehen Sie auch aus.

  7. Einhergehend damit müssen sich die Mädchen sich so aufführen lernen, als würden sie zur monetären high society gehören, obwohl sie das (auch im Fall von Sara) erkennbar nicht tun.

    Dazu gehört z.B., dass sie in einer Villa für mehrere Millionen einquartiert werden und durch die ganze Welt fliegen. Rein inhaltlich könnte man den Mädchen dieselben Posen auch in der Jugendherberge in Delmenhorst beibringen. Aber das wäre natürlich nicht so beeindruckend.

    Die Unterscheidung dient also dem Zweck, komische Kleider und einen snobistischen Lebensstil teuer wirken zu lassen. Wer's braucht! sag ich nur.

    Letztlich ist das Leben der Superreichen nicht erstrebenswert. Und Erotik ist bei denen natürlich auch nur Erotik.

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    ist der drink in der tabledance-bar teurer als das bier aus dem kühlschrank neben der glotze

    • Spez
    • 03. Mai 2012 0:26 Uhr

    Entfernt wegen Doppelpostings. Die Redaktion/ag

    • Spez
    • 03. Mai 2012 0:26 Uhr

    dass diese Show irgendetwas mit modeln zu tun. Germanys Next Topmodel ist eine Unterhaltungssendung und die Gewinnerin wird von der Pro-Sieben eigenen Modelagentur übernommen. Das Ergebnis sind einige Auftritte in Werbungen, billigen Kampagnen etc...
    Für weitere Informationen http://www.sueddeutsche.d...

    • kfCobi
    • 02. Mai 2012 12:27 Uhr

    "Keine erotische Situation, die nicht mit Anspielung und Aufreizung den bestimmten Hinweis vereinigte, dass es nie und nimmer so weit kommen darf." Das haben schon Horkheimer und Adorno in der Dialektik der Aufklärung klar herausgearbeitet. Die Nichterfüllung ist aber der wesentliche Mechanismus nach dem die Kulturindustrie dem Kapitalismus zuarbeitet. Der Trieb soll zwar angestachelt werden, aber die Erfüllung muss klar mit dem Konsum von massenproduzierten Gütern verknüpft sein. Es könnten nicht jede Saison neue Trends vermarktet werden ohne die totale Durchdringung der Gesellschaft mit diesen Scheinbedürfnissen. Der Tabledance wird hingegen zu sehr mit Prostitution assoziiert, sprich dem äußersten Maß an Verfügbarkeit. Dies ist problematisch, da das Model, als Symbol dessen was der Konsum verspricht, unter keinen Umständen selbst "konsumierbar" sein darf. Ich bin kein Kapitalismusgegner, aber diese Mechanismen sollte man im Hinterkopf halten, um nicht zum willfährigen Spielzeug des Marktes zu werden. Es gibt kein richtiges Leben im falschen.

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    ....dann doch bitte richtig.

    Es heisst "Cui bono". (Dativ-Form von qui-quae-quod = welcher-welche-welche --------- cui= welchem)

    Wenn schon Klugscheissen, dann auch richtig ;-)

    • kfCobi
    • 02. Mai 2012 12:42 Uhr

    Mea culpa :D

    Hallo kfCobi,
    .
    ich stimme mit @MonicaBing überein, wenngleich ich den Hinweis mit etwas mehr Feingefühl vorgebracht hätte. Es ist ein Ansporn, wieder mehr Horkheimer und Adorno zu lesen.
    .
    Das Publikum ist Heidi Klum, Nobuyoshi Araki und deren Künstlerkollegen dafür dankbar, dass sie ein Whitewashing erotischer Darstellungen betreiben, ohne das diese für Pornographie angesehen werden würden.

    • kfCobi
    • 02. Mai 2012 15:23 Uhr

    Hallo Spitzbub,

    falls das falsch rübergekommen ist: Die Aussage ist durchaus ernst gemeint. Dabei möchte ich Frau Klum gar keine Absicht unterstellen und auch keine kapitalistische Verschwörung konstruieren. Das System schafft und reproduziert sich selbst, das ist ja das perfide.
    Im übrigen - waren das nicht die Maler der Renaissance, welche absichtlich kleine Proportionsfehler eingestreut haben, um sich von dem Anspruch göttlicher Perfektion zu distanzieren. ;)

    Viele Grüße

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  • Quelle Leserartikel
  • Schlagworte Bikini | Einstellung | Erotik | Heidi Klum | Internet | Sendung
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