Drehbuchautor Will ReiserDem Krebskranken bleibt nur Humor

Will Reiser hat für den Film "50/50" seine eigene Krebs-Erfahrung zu einer Komödie verarbeitet. Denn auch der Kranke wisse nicht, wie er mit der Krankheit umgehen soll. von 

Will Reiser im Januar in Los Angeles

Will Reiser im Januar in Los Angeles  |  © Jason Merritt/Getty Images

ZEIT ONLINE: Gab es einen bestimmten Moment im Verlauf Ihrer Krankheit, an dem Sie gedacht haben "Daraus muss ich einen Film machen"?

Will Reiser: Während meiner Krankheit fragten mich auf Partys immer wieder Leute, ob es nicht ein paar Sachen gäbe, die ich schon mein ganzes Leben lang hätte machen wollen: eine Safari in Afrika , einen Löwen schießen, in Ägypten die Pyramiden anschauen – so wie Jack Nicholson und Morgan Freeman in The Bucket List ( Das Beste kommt zum Schluss ). Aber das war das Letzte, was ich mir vorstellen konnte. Ich war krank. Mir ging es dreckig. Ich hatte keine Energie mehr. Ich wollte nur zu Hause auf dem Sofa sitzen und Baseball schauen. Seth Rogen und ich haben uns über die Vorstellungen dieser Leute lustig gemacht und kamen irgendwann auf die Idee, daraus eine Krebs-Komödie zu machen, die wir The Fuck It List nennen wollten. Zuerst war es nur ein Witz, aber dann kamen immer mehr Einfälle dazu, und als es mir nach der Operation wieder besser ging, haben wir beschlossen daraus wirklich einen Film zu machen.

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ZEIT ONLINE: Wie viel von Ihrem eigenen Wesen steckt in der Hauptfigur Adam?

Will Reiser

Will Reiser arbeitete nach seinem Studium beim amerikanischen Sender HBO als Mit-Produzent der Da Ali G Show, wo er den Drehbuchautor Seth Rogen kennenlernte. Die beiden wurden Freunde und arbeiteten für "50/50" eng zusammen: Rogen übernahm auch im Film die Rolle des guten Freundes von Adam alias Will Reiser.
Derzeit arbeitet Reiser an einer amerikanischen Adaption von Doris Dörries Erfolgskomödie Männer aus dem Jahr 1985. Außerdem verfasste er das Drehbuch zu der Komödie Jamaica, die auch wieder von seinem Freund und Kollegen Seth Rogen mit umgesetzt wird.

Zum Film "50/50 – Freunde fürs (Über)leben"

Adam (Joseph Gordon-Levitt) ist Ende zwanzig, als er von einem Tumor in seinem Körper erfährt, der ihm eine 50-prozentige Überlebenschance lässt. Diese Diagnose gab dem Film seinen Titel. Der Drehbuchautor Will Reiser hat darin seine eigenen Erfahrungen mit der Krankheit als Komödie verarbeitet. Ihm geht es vor allem um die Unfähigkeit aller Beteiligten, sowohl der Freunde, der Familie, als auch des Erkrankten selbst, mit der Situation umzugehen – was im tatsächlichen Leben oft genug zu im Wortsinne komischen Situationen führt.

Reiser: Adam fürchtet sich davor, die Kontrolle über sein Leben zu übernehmen. Er trägt viele Ängste in sich. Auch wenn er nach außen hin ruhig und ausgeglichen wirkt, lebt er in einem Zustand innerer Panik. So habe ich mich als Mittzwanziger gefühlt. Das hat sich heute glücklicherweise geändert.

ZEIT ONLINE: Wie nah bewegt sich der gute Freund, den Seth Rogen im Film spielt, an dem Freund, der Seth Rogen für Sie während der Krankheit war?

Reiser: Seth war und ist einer meiner engsten Freunde. Ich habe in der Zeit, als ich Krebs hatte, gesehen, wie unterschiedlich die Leute auf eine solche Krankheit reagieren. Ich habe auch einige Freunde verloren, weil sie mit der Situation einfach nicht umgehen konnten. Seth hatte ebenfalls keine Ahnung und hat sich manchmal vollkommen idiotisch benommen, aber er war immer da, wenn ich ihn brauchte. Hat er alles richtig gemacht? Natürlich nicht. Keiner weiß, wie er mit so etwas umgehen soll. Aber wenn man über seine eigene Unbeholfenheit reden und lachen kann, erleichtert das die Situation ungemein.

ZEIT ONLINE: Wie haben die Menschen denn reagiert, wenn Sie Ihnen erzählten, dass Sie an Krebs erkrankt sind?

Reiser: Die meisten drehen einfach durch. Die erste Frage lautet immer, woran hast du es gemerkt? Dann erzählt man von den Symptomen und sieht den Leuten an, dass sie am liebsten sofort einen Termin beim Arzt ausmachen würden.

ZEIT ONLINE: Welche Reaktionen und welchen Umgang hätten Sie sich gewünscht?

Reiser: Wenn man krank ist, fühlt man sich ohnehin schon sehr isoliert. Im Körper mutieren die eigenen Zellen. In einem drin wächst dieses fremdartige Wesen und keiner um einen herum kann nachvollziehen, wie sich das anfühlt. Deshalb will man mit so einer Krankheit einfach nur normal behandelt werden. Wenn die Leute plötzlich mit dieser mitleidserfüllten Babystimme auf einen einreden, macht das alles nur schlimmer.

Aber letztendlich wusste ich selbst nicht, wie ich mich verhalten sollte. Ich habe emotional dicht gemacht. Ich habe nicht mehr mit meiner Mutter geredet. Ich habe Erwartungen gestellt, die meine Freunde nicht erfüllen konnten. Ich war kein guter Mensch. Und das ist ein Schmerz, der bleibt, auch wenn der Krebs nicht mehr da ist.

Leserkommentare
  1. dass er Menschen hatte, die ihm beigestanden haben...

    Das er mit dem Verhalten anderer Menschen nicht so klar gekommen ist, kann ich nachvollziehen...

    Wie er schon sagt, wenn man krank ist fühlt man sich schon isoliert genug - wenn dann noch Menschen in unmittelbarer Umgebung verhalten/nicht verhalten panisch oder zu "taktvoll/-los" reagieren, reagiert der "Kranke" eben auch...

    Die Menschen werden ungern mit der eigenen Verwundbarkeit/Zerstörbarkeit/Sterblichkeit ihres Körpers konfrontiert...

    Schließlich: Du verlierst die Kontrolle über so Vieles - nicht jemand anderer...

    Und im Grund ist es so, ob du nun "Unterstützung" hast oder nicht - der/die Betroffene muss es allein "aushalten/ausfechten/erleiden - denn keiner steckt in deinem Körper und deinen Gedanken außer dir selbst...

    Es ist ungemein nützlich, wenn du dich selbst immer wieder anspornen und aus den "Tiefs" holen kannst - wer das nicht "drauf hat" - dem nützt auch keine Unterstützung; sei sie auch noch so lieb und hilfreich (und manchmal ist eben auch das Gegenteil der Fall)...

    Ce la vie...

  2. kann davon ausgehen das hier die übliche bestrahlung-schneiden-chemo linie wieder unters volk gestreut wird. die pharma wirds freuen. der film kann trotzdem gut sein.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    zynisch - selbst wenn Sie es nicht sein möchten...

    Das ist schade...

    Liebe Grüße und Gute Besserung!

    @ThomasSchweden: Dank der "üblichen Chemo-Schneiden-Linie" ist meine Mutter von einem fortgeschrittenen Eierstockkrebs vollständig geheilt worden. Zum Glück hat sie die verblendete Bekannte ignoriert, die sie unter Tränen beschwor, doch eine Gemüsesaftkur gegen den Krebs zu machen.

    Aber die Welt ist natürlich so viel einfacher, wenn man überall eine finstere Verschwörung sehen kann, sogar in einem Film, der sich einfach nur mit einem ernsten Thema auf unkonventionelle Weise auseinandersetzt.

    hat mit Fasten, Naturkost, Meditation und ähnlichem wie sie sagte, sich dem Krebs in ihrer Brust gestellt, um am Ende wie ein Hofhund einzugehen. Es war eine der schlimmsten Sachen, die ich lange mitansehen mußte, weil sie sich nicht von "bestrahlung-schneiden-chemo" helfen lassen wollte.

    Schlimm und nicht empfehlenswert auf Verweigerung zu setzen.

  3. Was soll das?? Was soll es sonst geben als eine Chemo - vielleicht besser eine "Ich ess nur noch Rohkost"-Therapie? Sicherlich nicht. Ich find's gut, dass sich ein Film mit dieser Thematik auseindersetzt. Keiner kennt heute keinen, der nicht irgendwann von dieser Krankheit betroffen ist/war.

    Eine Leserempfehlung
  4. Hab mir "50/50" auf Englisch angesehen und fand ihn großartig.
    Der Film ist mitreißeng; traurig und komisch zugleich.
    Joseph Gordon-Levitt und Seth Rogen soeilen ihre Rollen sehr gut!
    Kann ihn nur weiterempfehlen!

    Und übrigens wird auf die Behandlung selbst nicht besonders intensiv eingegangen.

    Eine Leserempfehlung
  5. zynisch - selbst wenn Sie es nicht sein möchten...

    Das ist schade...

    Liebe Grüße und Gute Besserung!

    Eine Leserempfehlung
  6. @ThomasSchweden: Dank der "üblichen Chemo-Schneiden-Linie" ist meine Mutter von einem fortgeschrittenen Eierstockkrebs vollständig geheilt worden. Zum Glück hat sie die verblendete Bekannte ignoriert, die sie unter Tränen beschwor, doch eine Gemüsesaftkur gegen den Krebs zu machen.

    Aber die Welt ist natürlich so viel einfacher, wenn man überall eine finstere Verschwörung sehen kann, sogar in einem Film, der sich einfach nur mit einem ernsten Thema auf unkonventionelle Weise auseinandersetzt.

    2 Leserempfehlungen
  7. ...zum Beispiel durch diesen Film ist dringend geboten und begrüßenswert. Auf diese Weise wird deutlich, dass trotz dieser schockierenden Diagnose in vielen Fällen ein Überleben möglich ist. Gleichzeitig wird Mut gemacht, einen möglichst rationalen Umgang mit dieser Krankheit und mit modernen Therapien anzugehen. Kommentare überkritischer Wohlstandsesoteriker, die in jeder modernen Therapie sowieso nur eine gesteuerte Kampagne der Pharma- und Medizinlobby sehen, oder schlimmer - im Sinne der "Ganzheitlichkeit" - auch ganz subtil einen Teil der Schuld an der Erkrankung dem Erkrankten selbst anlasten (Motto: Wenn er/sie auf die Signale geachtet hätte und besser auf sich aufgepasst hätte, wäre auch nichts passiert...), werden durch diese Art des Umgangs mit dem Krebs hoffentlich auch etwas zurückgedrängt.

  8. hat mit Fasten, Naturkost, Meditation und ähnlichem wie sie sagte, sich dem Krebs in ihrer Brust gestellt, um am Ende wie ein Hofhund einzugehen. Es war eine der schlimmsten Sachen, die ich lange mitansehen mußte, weil sie sich nicht von "bestrahlung-schneiden-chemo" helfen lassen wollte.

    Schlimm und nicht empfehlenswert auf Verweigerung zu setzen.

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    das wort geredet. natürlich gibt es auch erfolge mit der chemo und der krebs tritt 5 jahre später nicht mehr auf.
    (was oft mit verändertem leben danach zu tun hat)
    aber sehr viele patienten sterben auch mit der chemo wie sie sagten 'als hofhund'. eine chemo wirk auf den ausdruck des körpers(der tumor als symptom), und lässt die ursache weiterhin bestehen, wieso habe ich überhaupt krebs bekommen???

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  • Schlagworte Humor | Film | Baseball | Jack Nicholson | Krankheit | Krebs
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