Ein paar Männer sitzen im Kreis. Sie haben die Augen geschlossen, sie atmen. "Schaut euch eure Erkenntnisse an", sagt einer. Doch die meditative Übung ist nicht Teil einer Yogastunde . Zuvor haben sich die Männer aus Bäumen abgeseilt und sind mit verbundenen Augen durch einen unterirdischen Gang gekrabbelt. Sie trugen Helme mit Namensaufklebern, und wer etwas sagen wollte, musste vorher in eine Kindertröte pusten. Sie mussten einander Versprechen geben: "Ich werde demnächst noch mehr und besser und verstärkt kommunizieren, um Prozesse und Aufgaben schneller und zielführender erledigen zu können, was am Ende heißt: mehr Umsatz." Jetzt ruhen sich die Männer aus und schauen mit geschlossenen Augen ihre Erkenntnisse an. Ihr Arbeitgeber war der Meinung, dass ihre Teamfähigkeiten optimiert werden müssten. Deswegen sind sie hier, in einem Hochseilgarten in der Lüneburger Heide .

Das Outdoortraining für Angestellte ist eine Station auf Carmen Losmanns Reise durch deutsche Unternehmen, durch Konferenzräume und karge Empfangshallen, hinter orangene Stellwände und zu abgezirkelten Coffee Points , in denen Privatgespräche über Fußballergebnisse durchaus erwünscht sind. Die junge Dokumentarfilmerin hat etwa Architekten dabei beobachtet, wie sie die neue Firmenzentrale von Unilever in Hamburg entwerfen. Die Mitarbeiter sollten " auf keinen Fall daran erinnert werden, dass sie arbeiten ", sagt einer der Planer. Das Ergebnis ist im Film zu sehen. Über große Flachbildschirme flimmern seelenlose Landschaftsaufnahmen, ansonsten sieht es so aus wie bei Ikea , mit einer Menge bunter Polstermöbel. Darunter liegt doch nur grauer Industrieteppich, und Arbeit ist Arbeit geblieben, auch wenn man sich müht, sie hübscher aussehen zu lassen.

Würde man die hohlen Phrasen und Worthülsen streichen, die all die Change Management Meetings und Mitarbeitergesprächen füllen, bliebe kaum etwas Fassbares übrig. Losmanns Film ist eine so sehenswerte wie betrübliche Reise in der Endlosschleife des Optimierungs- und Nachhaltigkeitsgequatsches, in dem der Mensch am Ende nur noch ein Diagramm in einer SAP-Software namens Human Capital Management ist. Bei all dem Gerede fragt man sich mitunter, womit manche Unternehmen eigentlich Geld verdienen.

Kreativität scheint es nur im Erdenken immer neuer Euphemismen der mentalen Versklavung zu geben. Hat ein Angestellter keinen festen Arbeitsplatz mehr und darf er keine persönlichen Gegenstände im Büro verwahren, nennt man das bei der Unternehmensberatung Accenture "nonterritoriales Arbeitsplatzkonzept", lernt der Zuschauer.

Anzeichen menschlichen Lebens gibt es kaum in diesem Film. Hier und da meint man Ratlosigkeit in den Gesichtern zu entdecken, etwa als Mitarbeitern der Deutschen Post gesagt wird, sie müssten sich jetzt als Team fühlen und ein "gemeinschaftliches Performanceboard " pflegen.

Lebendig wirkt nur die Angestellte eines hessischen Solarunternehmens, die durch eine Unternehmensberaterin von Kienbaum einer "Potenzialanalyse" ausgesetzt wird. Während der Befragung zu ihren Stärken und Schwächen lacht sie häufig. Später wird sie dafür gerügt. Ihr Lachen könne auf andere irritierend wirken, sagt die Beraterin. Zuvor hat die Angestellte gut gelaunt gesagt, sie betrachte das Berufsleben auch als Spiel. Jetzt schaut sie, als wolle sie die Unternehmensberaterin am liebsten zerfleischen.

Neben beklemmenden, langen Einstellungen leerer Büroräume und Flure hat Losmann auch ganz wunderbare Details eingefangen. Etwa eine Landkarte, die bei der Deutschen Post an der Wand hängt. Darauf ist das Unternehmen als Insel dargestellt. Es gibt eine "Bucht der zufriedenen Investoren", eine "Wüste der Unattraktivität" und einen "Sumpf der Verschwendung". Der "Berg der Veränderungsangst" ist mehr als ein Berg, er ist ein großes Gebirge. Doch das Change Management ist auch bei der Deutschen Post längst am Werk.

Losmann hat mit klugem, nüchternem Blick einen Gruselfilm erster Güte geschaffen. Die grauen Herren sind längst da. Sie tragen bunte Designerbrillen und stellen überall Polstermöbel auf.