Film "Der Geschmack von Rost und Knochen"Brutaler Blick auf die Schwäche des Körpers

Eine Frau ohne Beine und ein Boxer ohne Mitleid: Jacques Audiard erobert das Publikum mit seinem Liebesdrama "Der Geschmack von Rost und Knochen". von 

Marion Cotillard und Matthias Schoenaerts in "De Rouille et d'os"

Marion Cotillard und Matthias Schoenaerts in "De Rouille et d'os"   |  © UCG

"Ich hasse Gewalt", sagte Jacques Audiard in Cannes . Dabei hatte der französische Regisseur mit seiner Geschichte Der Prophet um einen jungen Gewalttäter, der innerhalb eines Gefängnisses und innerhalb der Mafia so etwas wie einen Aufstieg schafft, vor drei Jahren das Publikum und die Juroren in Cannes für sich eingenommen und den großen Preis der Jury erhalten. Auch Der Geschmack von Rost und Knochen galt 2011 als Favorit für die Goldene Palme. Wieder zeigte Audiard Bilder von großer Gewalt. Sie zeigen eine Körperlichkeit am Rande der Brutalität.

Stéphanie (Marion Cotillard) ist jung, attraktiv, durchtrainiert. Sie arbeitet mit Orkas in einem Marineland-Themenpark an der Côte d'Azur. Ali (Matthias Schoenaerts) ist arbeitslos und strandet mit seinem fünfjährigen Sohn, den er kaum kennt, ebenfalls im Süden bei seiner Schwester, die ihn bei sich wohnen lässt. Auch er ist durchtrainiert, hat lange geboxt und findet nun einen Job als Rausschmeißer in einem Nachtclub. Die beiden begegnen sich flüchtig, aber es trennen sie Welten. Dennoch wird zwischen ihnen so etwas wie eine Liebesgeschichte entstehen.

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Sie beginnt, als Stéphanie durch einen Wal beide Unterschenkel verliert. Sie, die immer die Blicke der anderen genossen hat, will nicht mehr angeschaut werden. "Zunächst war mir diese Person ganz fremd", sagte Marion Cotillard. Sie konnte sich die Gefühle nicht vorstellen, die in einem Menschen vorgehen mögen, der so etwas erlebt. "Was soll ich denken?" fragt dann auch ihre Stéphanie im Film, die wie die meisten jungen Menschen ihren Körper als Selbstverständlichkeit betrachtet hat und nun von ihm im Stich gelassen wird. Nicht mal mehr nachts pinkeln gehen kann die junge Frau gut alleine. Die Menschen um sie herum, selbst hilflos, bemühen sich um Unterstützung, doch Audriard lässt alles, was über Mitleid hinausgeht, im Unscharfen.

Eines Nachts dann ruft Stéphanie Ali an. Er wird ihr ohne Mitleid begegnen. "Ich geh' schwimmen", beschließt er spontan, als er mit ihr an der Strandpromenade sitzt, "kommst du mit?" "Ist dir klar, was du da eben sagst?" fragt sie zurück. Das ist es Ali vermutlich nicht. Er lebt vollständig im Hier und Jetzt, vergisst auch mal über einen eiligen Fick im Stehen mit einer Zufallsbekanntschaft seinen Sohn in der Schule. Und dann will er eben schwimmen gehen und fragt die Frau im Rollstuhl, ob sie mitkommen will.

Doch sie kommt tatsächlich mit. Stéphanie bittet Ali, sie zu tragen, und erlebt im Meer das erste Mal seit Monaten einen guten Moment. So beginnt ihre Geschichte. Ganz ohne Mitleid.

Audiard zeigt seine Hauptdarsteller als Versehrte. Immer wieder sehen wir die Narben und die Stümpfe von Stéphanie: während sie schwimmt, während sie über den Boden robbt, während sie sich am Rücken von Ali festklammert. Dank digitaler Bearbeitung wirken die Amputationen so echt, dass man unwillkürlich Marion Cortillards perfekte Beine betrachtet, wenn sie in Cannes über den roten Teppich läuft. Und den Körper seines Hauptdarsteller Matthias Schoenaerts zwingt Audiard in Kameraausschnitte, die zu eng für seine Statur sind. Der Schauspieler wirkt als Ali immer ein wenig zu groß, als hätte er zu viele Muskeln. Oft fehlt ein Teil seines Körpers in den Bildern.

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"Expressionistisch" haben Audiard und sein Co-Autor Thomas Bidegain das irgendwann für sich genannt. Und wie im Expressionismus drückt auch in Der Geschmack von Rost und Knochen die subjektive Darstellung der Motive alles aus. Audiard zeigt während der Boxkämpfe von Ali viel Blut. Es zerfließt zu dunkelroten Farbflecken, die sich von den Szenen zu lösen und im Wasser zu schwimmen scheinen, womit sie an den Unfall von Stéphanie erinnern. Fleischige Fetzen treiben im kalten Blau vorbei. Audiard zerdehnt diese Bilder und macht sie zu geräuschlosen Rückblenden an Gewalt, zu Visionen von merkwürdiger Abstraktheit und Schönheit.

"Der Körper zwingt uns zum Handeln, wie es das Schicksal tut", sagt Audiard. Also müssen sich seine Figuren Essen suchen und sei es im Abfall, weil sie Hunger haben, sie müssen rennen, wenn die Anspannung zu groß wird, sie schlafen am Tisch ein, weil sie nachts arbeiten gehen. Aus der gleichen physischen Mechanik heraus – weil sie begehren – haben Stéphanie und Ali auch irgendwann Sex miteinander. "Wie die Tiere" stellt Stéphanie einmal fest.

Dennoch ist Der Geschmack von Rost und Knochen eine Liebesgeschichte. Wo aber Zuneigung zwischen zwei Menschen wachsen soll, die so ihren Körpern ausgeliefert sind wie Stéphanie und Ali, kann auch die Liebe nur aus dieser Körperlichkeit erwachsen. Die eine muss sie wiederfinden, um lieben zu können. Der andere muss sie überwinden, erst mal ganz verschwinden, um zu begreifen, was auch dazu gehört: das Bekennen. Selten wurde im Kino mit so brutaler Schönheit gezeigt, wie zwei Menschen das Lieben lernen.

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Leserkommentare
  1. Redaktion

    Sehr geehrte/r empire66,

    Sie haben Recht. Wir haben nun den kompletten Trailer eingebaut, was einen erste Eindruck erleichtert. Leider ist auch dieser Clip auf Französisch.

    Viele Grüße aus der Redaktion.

    Eine Leserempfehlung
  2. danke für den artikel! nach den kritiken und dem trailer zu urteilen erwartet uns erneut ein wirklich toller audiard film. was ich bis jetzt über den film gelesen habe, erinnert mich stark an "sur mes lèvres", den mmn. stärksten audiard-film. auch hier steht eine körperliche behinderung zunächst im zentrum eines (krimi)-liebesfilms. audiard ist einer der ganz großen des europäischen kinos und beweist auch durch die wahl seiner darsteller immer wieder sein können. marion cotillard ist einfach großartig! ich freue mich auf den film, und würde mir wünschen, dass auch abseits vom cannes-spektakel mehr filmperlen besprochen werden, die man sonst eher verpassen würde.

    Eine Leserempfehlung

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Körper | Expressionismus | Gewalt | Mafia | Schönheit | Cannes
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