Filmfestspiele CannesOlympier und Skandalnudeln

Von Michael Haneke bis Ulrich Seidl, von Robert Pattinson bis Léos Carax: Was die Filmfans beim 65. Festival in Cannes erwartet. von Jan Schulz-Ojala

Szene in "Paradies: Liebe"

Szene in "Paradies: Liebe"  |  © Filmfestival Cannes

Filmfestivals gehen nicht in Rente. Sie mögen vielleicht 65 werden, wie heute das berühmteste unter ihnen, aber sie bleiben ewig jung, weil sie stets in frischer Filmkunst baden. Wohl deshalb hat sich Cannes ein Jubiläumsplakat genehmigt, auf dem die ewig junge Marilyn Monroe mit halbgeschlossenen Augen die Kerze einer Jubiläumstorte ausbläst. Das hübsche Schwarzweißfoto, an ihrem 30. Geburtstag aufgenommen, gemahnt zwar auch an die im Sommer anstehenden Erinnerungsfeierlichkeiten zu ihrem 50. Todestag – aber wer denkt heute schon an Trauer? Und überhaupt: Was ist der unvermeidliche Tod gegen die Unsterblichkeit?

Weltberühmte Regisseure bleiben zwar nicht ewig jung, in Rente aber gehen auch sie nicht. Und das ist ganz in Ordnung, so lange sie weiter wunderbare Filme machen. Im aktuellen Wettbewerb von Cannes jedenfalls tummelt sich allerlei Prominenz, die bereits die Siebzig hinter sich hat. Allein vier Gewinner Goldener Palmen dürfen sich Hoffnungen auf das Double machen – davon drei Veteranen. Nestor unter den Konkurrenten ist der 75-jährige Brite Ken Loach , der 2006 im fünften Anlauf mit The Wind That Shakes the Barley Gold holte. Diesmal präsentiert er The Angels' Share , eine Glasgower Kleinkriminellen-Komödie – aber wie zumeist, wenn Loach ausdrücklich amüsant sein will, halten sich die Erwartungen in Grenzen.

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Ganz anders die Vorfreude auf Abbas Kiarostami . Nach der Goldenen Palme 1997 für den Geschmack der Kirsche hatte der Iraner zwar weise angekündigt, zugunsten jüngerer Kollegen nicht mehr um Palmen, Löwen oder Bären zu buhlen – aber was, wenn man doch immer wieder in edle Wettbewerbe eingeladen wird? Nach seinem Cannes-Beitrag Die Liebesfälscher (2010), der in Italien spielte, ist er nun nach Japan gereist und erzählt in Like Someone in Love vom Verhältnis einer jungen Frau zu einem alten Mann. Manche meinen gleich: eine Prostituierte und ihr Freier. Doch Vorsicht, im Universum Kiarostamis sollte man sich nie vom groben Anschein leiten lassen. Auch Michael Haneke (70), erst seit drei Jahren mit Das weiße Band Mitglied im Cannes-Olymp, ergründet brüchige Beziehungswelten – in Amour : Die Leinwand-Legenden Emmanuelle Riva und Jean-Louis Trintignant spielen ein Musikprofessoren-Paar, das durch einen Schlaganfall aus der lebensabendlichen Harmonie geworfen wird.

Szene aus "On the Road"

Szene aus "On the Road"  |  © Filmfestival Cannes

Mit 44 Jahren ist der Rumäne Cristian Mungiu der Benjamin im Wettbewerbsquartett der Palmen-Besitzer. Nach 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage – mit dem fulminanten Abtreibungsdrama war er 2007 vom ersten Tag an Favorit – zeigt er Beyond the Hills . Eine junge Rumänin will ihre Freundin aus Kindertagen, die sich in ein Kloster zurückgezogen hat, zu Auswanderung nach Deutschland bewegen. Abgesehen von den Hoffnungen, die sich mit dem Namen Mungiu verbinden: Deutschland, sonst nirgends in den Cannes-Hauptreihen präsent, spielt hier zumindest dramaturgisch mit. Im Programm findet sich von deutscher Seite nur Fatih Akin , sein Müll im Garten Eden läuft als Sondervorführung. Akin dokumentiert den Kampf von Schwarzmeerküsten-Anrainern, die sich gegen den staatlich verfügten Bau einer Müllkippe wehren.

Doch was sind schon Palmenbekränzte? Die Hochglanzmagazine machen auf ganz andere Namen scharf. Etwa auf Jacques Audiards De rouille et d'os . Der Franzose, der das Festivalpublikum 2009 mit dem Gefängnisdrama Ein Prophet packte, verspricht erneut großes Gefühlskino, mit Marion Cotillard und Matthias Schoenaerts in den Hauptrollen: Ein Schicksalsschlag stellt eine eben erst beginnende Beziehung heftig auf die Probe. Gewaltige Bugwellen machen auch die beiden Literaturverfilmungen, mit denen die Twilight-Stars Kristen Stewart und Robert Pattinson aus ihren Vampirfilm-Images auszubrechen suchen. Pattinson gibt in David Cronenbergs Cosmopolis den Milliardär Eric Packer, der – nach dem Roman von Don DeLillo – in seiner Stretch-Limo in Manhattan unterwegs ist und an einem einzigen Tag sein ganzes Vermögen verzockt. Kristen Stewart ist, schöner Kontrast, im retro-seligen On the Road zu sehen, Walter Salles' Hommage auf den legendären Beatnik-Reiseroman von Jack Kerouac.

Szene aus "Cosmopolis"

Szene aus "Cosmopolis"  |  © Filmfestival Cannes

Schlüsselreize ganz anderer Art bieten eher die jungwilden Regisseure – in Cannes sind das gemeinhin die, die die Sechzig noch vor sich haben. Der Mexikaner Carlos Reygadas (40), der Franzose Léos Carax (51) und der Österreicher Ulrich Seidl (59) haben sich an der Croisette allesamt bereits mit Skandalfilmen empfohlen – Carax war nach dem Wirbel um seine Endzeit-Sexstory Pola X sogar 13 Jahre lang völlig verstummt. Cannes aber hält ihm die Treue und zeigt Holy Motors , wobei Spannung und Sorge um eine neuerliche Künstler-Katastrophe sich die Waage halten. Reygadas hat nach seinem Aufreger Battle in Heaven (2005) zuletzt den meisterlichen Stilles Licht in Cannes vorgestellt – aber war nicht das Drama um eine Sektenfamilie, die einen verbotenen Ehebruch zu bewältigen sucht, gerade wegen der brutal niedergehaltenen Gefühle kaum auszuhalten? Die Brutalität, die wiederum Ulrich Seidl seinem Personal wie seinem Publikum zumutet, ist seit seinem grandiosen Hundstage (2001) und dem zuletzt grandios gescheiterten Import/Export (2007) bekannt. In Paradies: Liebe studiert er die Gefühlswelt einer übergewichtigen Touristin, die sich an kenianischen Stränden bei jungen Schwarzen Liebe kauft.

Hübscher Trost: Vor derlei – absehbaren – Skandalfilmen kann der sensible Festivalgast sich flugs an die züchtigen Strände von Cannes flüchten. Dort wird übrigens, nach dem Vorbild Nizza, jetzt auch das Rauchen verboten. Allerdings erst nach dem Festival.

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Leserkommentare
  1. Schon die ersten 3 Regisseure, die im Artikel genannt wurden, bestätigen meine Vermutung , dass dieses Jahr ganz verstärkt ein Festival von älteren Herren für Ihresgleichennorganisiert wird. Keine Filme von Regisseurinnen und viel Bekanntes, Tradiertes läßt keine Vorfreude aufkommen.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Fatih Akin | Ken Loach | Kristen Stewart | Michael Haneke | Robert Pattinson | Cannes
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