"Reality" in Cannes: Ein Film vom Käseglockenfernsehen
In Cannes stellt Matteo Garrone nach seinem Mafiafilm "Gomorrha" nun eine Komödie vor, "Reality". Deren Botschaft ist leider etwas trivial: TV macht irre.
© AFFIF

Familie war Luciano (Aniello Arena, 2. von links) alles, bis die Show ihm wichtiger wurde.
Gott sieht alles. Und mit etwas kindlicher Fantasie kann man sich durchaus vorstellen, dass er die Dinge so sieht, wie Matteo Garrone sie uns in der ersten Einstellung seines neuen Films zeigt: in einem Flug über Neapel, der mit dem Zoom auf eine weiß-goldene Märchenkutsche vor einem schmiedeeisernen Tor endet. Es öffnet sich und zu einer Melodie, eingängig wie ein Kinderlied (von dem vielfach ausgezeichneten Alexandre Desplat) wird klar, dass Garrone mit seinem diesjährigen Festivalbeitrag nach Gomorrha (2008) ganz bestimmt keinen dokumentarischen Stil anstrebt. Diesmal geht es ihm um Transzendenz – um den höchsten Richter, den Menschen und dessen Bedürfnis nach Glauben. Reality heißt der Film.
Luciano ist Fischhändler in Neapel und wohnt mit seiner wirklich sehr großen und sehr italienischen Familie in einem so perfekt heruntergekommenen Haus, dass es direkt aus einem Fellini-Film zu stammen scheint. Man lacht, man streitet und küsst sich. Luciano ist so etwas wie das Epizentrum dieser kleinen Welt. Er steht auf der Rampe seines Fischladens und obwohl er Muscheln und Meerestiere verkauft, hat man den Eindruck, hier gibt ein geborener Bühnendarsteller seine beste Vorstellung. Die Kinder lieben ihn dafür, seine Frau auch und die Mamma sowieso. Ein Märchen eben.
Dies ist Lucianos Wirklichkeit, bis er aus reiner Nettigkeit gegenüber seinen Kindern an einem Casting zu Grande Fratello teilnimmt, Italiens Version von Big Brother. Der sympathische Familienunterhalter wird zu einem zweiten Casting nach Rom eingeladen und träumt plötzlich vom ganz großen Auftritt und vom ganz großen Geld. In einer Szene liegt er nachts zu Hause auf dem Sofa und lauscht den Geräuschen, die mehrere Menschen auf so engem Raum nun mal von sich geben: Man hört Bettlaken rascheln, Atmen, Kichern, Küsse. Doch sind es nicht die lieben Verwandten, die er mit zärtlichem Lächeln belauscht, sondern die Bewohner der aktuellen Grande-Fratello-Staffel. Stunden verbringt Luciano jetzt vor dem Fernseher. Der Container wird zu seiner Version vom Paradies, in das er Einlass ersehnt.
Nach und nach steigert er sich in den Wahn hinein, dass ihn der Sender tatsächlich in den Container berufen wird, vor der finalen Zusage aber noch ein wenig beobachtet. In jedem Fremden sieht er fortan einen Abgesandten von Grande Fratello. Er verschenkt sein Hab und Gut an Arme, um Eindruck zu schinden, und verkauft seinen Laden, um die Wohnung zu renovieren – für die Homestorys, die er demnächst geben wird. Das Ganze gipfelt darin, dass er eine Grille anschaut, aber eine Kamera sieht. Luciano wird zum Gefangenen seines Irrglaubens.
"Die wahre Antidemokratie ist die Massenkultur", hat der Regisseur und Autor Pier Paolo Pasolini gesagt, den Garrone sehr schätzt. Die Künstlichkeit des Fernsehens und insbesondere des Reality-TVs verformt unsere Vorstellung von der Wirklichkeit. Auf dem Gelände des Grande-Fratello-Senders steht ein kleines Studio, das aussieht wie eine überdimensionale Käseglocke aus Plastik. Schon klar. Doch das Einkaufszentrum, in dem Lucianos Frau Kochautomaten verkauft, unterscheidet sich kaum davon. Es ähnelt selbst der Kulisse einer Fernsehshow. Es sind lächerliche Nicht-Orte, die aufs Hübscheste mit den Fabel-Orten Garrones wie dem Fischladen oder Mammas Küche kontrastieren.
Das Ganze könnte eine zauberhafte Komödie geben mit just dem notwendigen Zug ins Tragische, der italienisches Kino oft auszeichnet. Wenn das Garrone nicht immer gelingt, liegt es an der Offensichtlichkeit seiner Absichten: Fernsehen macht irre, die Menschen verfallen den Versuchungen des Geldes und der Selbstdarstellung, das Leben wird zur Castingshow. Die Richtung, in die Garrones Erzählung rast, ist so vorhersehbar wie die Fahrt auf der Wasserrutsche, die Lucianos Familie unternimmt: Laut johlend geht's bergab.
Dazu kommt die allzu deutliche Parallele, die Garrone zu den anderen Fratelli Italiens zieht, den Glaubensbrüdern des Katholizismus. Wenn Luciano wegen seines Wahns, ständig beobachtet und bewertet zu werden, Gutes tut, unterscheidet sich das faktisch wenig von den guten Taten seines Freundes Michele, der gläubiger Christ ist. Gott sieht alles und richtet über uns, sagt der und wirkt dabei ein wenig, als glaube er selbst nicht daran, dass das in den vergangenen 2.000 Jahren unbemerkt geblieben sein könnte.
Wenn Reality dennoch in manchen Momenten pinocchiohaften Charme entwickelt, liegt das am wunderbaren Hauptdarsteller Aniello Arena. Er sieht aus wie der junge Robert de Niro und steht zum ersten Mal vor der Kamera. Seit zwölf Jahren spielt er aber Theater in dem Gefängnis, in dem er seit knapp zwanzig Jahren einsitzt. Für die Drehtage bekam er Freigang, nach Cannes durfte er nicht kommen. Da war das Leben wieder einmal wahrer als Reality.









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