Die Juroren der 65. Filmfestspiele von Cannes haben ihre Preise vergeben, und Nanni Moretti, der in diesem Jahr der Jury vorsaß, sagte unmittelbar danach: "Keiner der Preise wurde einstimmig zugesprochen." Also weder die Goldene Palme an Michael Hanekes Liebe , was ob dessen Grandiosität verwundert, noch der Regie-Preis an Carlos Reygadas für Post Tenebras Lux , was nicht verwundert.

Es gab in diesem Wettbewerb einige gute Filme: Jacques Audiards Schicksalsdrama De Rouille et d'Os (wörtlich: "Rost und Knochen") zum Beispiel. Es überzeugt nicht nur mit der Leistung seiner beiden Hauptdarsteller Marion Cotillard und Matthias Schoenaerts. Sondern es ist auch ein gut rhythmisiertes Stück über eine schwierige Liebe.

Es wurde ferner Vous n'avez encore rien vu ("Sie haben noch nichts gesehen") gezeigt, ein Theaterstück im Film von Altmeister Alain Resnais. Er führte damit vor, was seiner Meinung nach den Tod überdauert: eine gute Geschichte (in diesem Fall: die von Orpheus und Eurydike). Sie wird solange wiederaufgeführt oder wieder verfilmt werden, solange einem Regisseur dazu etwas Neues einfällt. Dass dem einmal mehr so war, bewiesen Resnais und sein illustres Ensemble rund um Michel Piccoli und Mathieu Amalric.

Wir haben Killing them softly von Andrew Dominik gesehen. Die sehr schwarze Gangsterstory brachte mit Brad Pitt einen der Großstars nach Cannes und erhielt ein positives Echo. Man mag dem Film vorwerfen, dass die Parallelmontage von amerikanischen Wahlkampfreden und dem gezeigten wirtschaftlichen Elend ein wenig dick aufgetragen wirkt und nach politischer Aktualität heischt. Aber so verkehrt ist Pitts Schlussfolgerung im Film – "America is Business" – schließlich nicht.

Jubel für Mads Mikkelsen

Und dann wurde am drittletzten Wettbewerbstag noch das unendlich langsame und unendlich traurige Kriegsdrama In the Fog des ukrainischen Regisseurs Sergei Loznitsa gezeigt. Wie der Film Landschaft einfängt und ihr eine zweite Stimme zum Gesagten verleiht, ist großartig und ähnelt nicht von ungefähr den Bildern des Films Beyond the Hills von Cristian Mungiu (der in Cannes gleich dreimal ausgezeichnet wurde: für das beste Drehbuch und für die beiden besten Hauptdarstellerinnen). Die Kamera führte jeweils Oleg Mutu.

Vier gute Filme. Wurden die Preise, wie Moretti sagt, am Ende nicht einstimmig vergeben, darf man aber nahezu sicher sein, dass diese Filme auch in der Diskussion waren.

Stattdessen wurden noch ausgezeichnet: Mads Mikkelsen für seine Rolle als ein zu Unrecht des Missbrauchs verdächtigter Kindergartenerzieher in Jagten . Der Regisseur Thomas Vinterberg ist mit diesem Film zum Thema seines Familiendramas Das Fest von 1998 zurückgekehrt und gewissermaßen auch zu dessen Erfolg. Mikkelsen verleiht seiner von der Gemeinschaft gehetzten Figur eine so starke Glaubwürdigkeit, dass ihm während der Premiere, als sich seine Figur auf der Leinwand endlich wehrt, lauthals zugejubelt wurde.

Ken Loachs jüngstes Werk The Angels' Share erhielt den Preis der Jury. Wie immer zeigt Loach Menschen auf der Unterseite der Gesellschaft, aber selten war er dabei so optimistisch gestimmt. "Kein Mensch ist nichts wert", sagte der britische Regisseur, als er seinen Preis entgegen nahm. Das habe er zeigen wollen. Diesen Film nicht zu mögen, ist unmöglich.