FilmtippsCannes für jede Gelegenheit

Sie haben den Glauben an die große Liebe verloren, Einschlafprobleme oder keine legalen Drogen zur Hand? Im Filmprogramm von Cannes ist sicher das Passende für Sie dabei.

Nicole Kidman in "The Paperboy" als Barbie, die einem jungen Mann den Kopf verdreht

Nicole Kidman in "The Paperboy" als Barbie, die einem jungen Mann den Kopf verdreht

Wenn Sie gerade keine legalen Drogen zur Hand haben:

Holy Motors von Leos Carax – Die Geschichte ist völlig gaga: Ein Mann wird in einer Stretchlimo einen ganzen Tag und eine ganze Nacht lang kreuz und quer durch Paris chauffiert, um unterschiedliche "Termine" wahrzunehmen. Dabei schlüpft er immer wieder in neue Rollen eines anderen Lebens. Irre Bilder, bizarrer Humor und die Handlung hält sich nicht an das übliche Zeit-Raum-Kontinuum. Ein halluzinogener Trip.

Wenn Sie zum besseren Menschen werden wollen – und zwar sofort:

The Angels' Share von Ken Loach – Der britische Regisseur ist ein Garant für komische Szenen allererster Güte. So verpackt schlucken wir seine sozialkritischen Beobachtungen gerne, und diesmal fällt das besonders leicht: Das Setting liegt zwar wieder auf der Unterseite der Gesellschaft, aber dann geht es in die schottischen Highlands. In allen anderen Wettbewerbsbeiträgen von Cannes zusammengenommen wurde nicht so viel gelacht wie in diesem wunderbaren Film. Wer danach nicht sofort eine gute Tat begeht, soll Fusel trinken!

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Wenn Sie Ihren Schülern Film erklären wollen:

In another Country von Sangsoo Hong – Der Episodenfilm des Südkoreaners veranschaulicht, wie man aus den immer gleichen dramatischen Elementen (alleinreisende, schöne Frau; hübscher, aber dummer Junge; gottverlassenes Kaff; Eifersucht) unterschiedliche Geschichten stricken kann. Darüber hinaus sind so ungewöhnliche Kameratechniken wie Zooms zu sehen (normalerweise meiden Regisseure sie, weil sie so gar nicht dem menschlichen Blick entsprechen.) Und natürlich kann man die Kunst von Isabelle Huppert studieren. Eine Fülle an Lerninhalten also. Praktisch: Kein bisschen Handlung lenkt von den Lerninhalten ab.

Wenn Sie zur Rechthaberei neigen:

Beyond the hills von Cristian Mungiu – Der sehr kluge rumänische Regisseur hat einen neuen sehr klugen Film gedreht. Diesmal geht es um einen Fall von Exorzismus in einem rumänischen Kloster, den eine junge Frau nicht überlebt. Mungiu hindert uns aber daran, allzu voreilig über fanatischen Glauben oder die Kirche zu urteilen. Denn alle, die hier handeln, sind zutiefst davon überzeugt, das Richtige zu tun. Manche handeln sogar aus Liebe. Die anderen tun nichts. Viele Gründe, sein Gewissen und seine eigenen Handlungsmotive zu durchleuchten. Ach übrigens, das Ganze ist auszeichnungswürdig schön gefilmt.

Sie sind Nicole-Kidman-Fan:

The Paperboy von Lee Daniels – Kidman spielt Charlotte, eine Frau, die sich mit einem zum Tode Verurteilten Briefe schreibt und in ihn verliebt (man ahnt: aus Sehnsucht nach Anerkennung ihrer inneren Werte). John Cusack spielt den Todeskandidaten und hat dabei nichts, aber auch rein gar nichts Sympathisches an sich. Obwohl Lee Daniels seine Hauptfigur mit falschen Wimpern, blonder Perücke, Minikleidern und rosageschminktem Schmollmund als Barbie inszeniert, schafft Nicole Kidman es, dieser Charlotte Glaubwürdigkeit zu verleihen.

Sie sind Brad-Pitt-Fan:

Killing them softly von Andrew Dominik – Pitt wie gehabt extrem cool, extrem höflich, extrem zynisch. Diesmal spielt er einen Cleaner, der nach einem läppischen Raubüberfall die Schuldigen zur Strecke bringen soll. Trotz aller Grausamkeit wirkt Pitt dabei nicht grotesk oder überzeichnet.

Sie sind Fan großer Schauspielkunst:

Paradies: Liebe von Ulrich Seidl – Wie alle Filme des österreichischen Regisseurs ist auch die Geschichte über Sextouristinnen in Kenia eigentlich nicht auszuhalten. Wo andere weggucken, schaltet Seidl seine Kamera überhaupt erst ein. Was seine Hauptdarstellerin Margarete Tiesel diesmal für ihn leistet, liegt jenseits der Schmerzgrenze und hätte eine Auszeichnung verdient.

The Paperboy von Lee Daniels – Neben Nicole Kidman (siehe oben) ist vor allem Macy Gray sehenswert. Die R-'n'-B-Sängerin spielt in Paperboy ein schwarzes Hausmädchen, und die Szenen zwischen ihr und den Familienmitgliedern gehören zum Glaubwürdigsten, was man zum Thema Rassentrennung in den USA der sechziger Jahre sehen kann. Dass er solche Inszenierungen beherrscht, hatte der Regisseur Lee Daniels bereits 2009 mit Precious bewiesen, seinem Drama um eine übergewichtige, ungebildete, misshandelte, schwarze Jugendliche.

Amour von Michael Haneke – Georges und Anne sind ein altes Ehepaar, das noch immer voller Zuneigung miteinander umgeht. Ein Schlaganfall lässt Annes Körper zunehmend verfallen. Georges pflegt sie bis zum Ende. Absolut großartig gespielt von Jean-Louis Trintignant und Emmanuelle Riva. 

Wenn Sie wissen wollen, wie es mit Ihnen selbst weitergeht:

Nochmal Amour von Michael Haneke – Der Film ist ein Fenster in eine mögliche eigene Zukunft. Was er zeigt, ist nicht schön, aber realistisch dargestellt. Und dabei müssen Sie wissen: Georges und Anne lieben sich bis zum Ende.

Wenn Sie sich das Geld für einen Kinoabend sparen wollen:

Post tenebras lux von Carlos Reygadas – Der mexikanische Regisseur hatte 2007 großen Erfolg in Cannes mit seinem Film Stellet Licht. Mit seiner dritten Einladung lässt er viele ratlos zurück. 

Wenn Sie politisch interessiert sind:

After the battle von Yousry Nasrallah – Der Film zeigt das Große im Kleinen: wie die ägyptische Revolution das Leben einer jungen Frau und eines jungen Manns aus Kairo verändert. Interessant und für Cannoiser Verhältnisse von ungewöhnlich politischer Aktualität, wenn auch mit Längen.

Wenn Sie sehen wollen, wie Liebe alle Schwierigkeiten überwindet:

De Rouille et d'os von Jacques Audiard – Sie hat beide Beine verloren. Er hat keinen vernünftigen Job und keine vernünftige Beziehung zu seinem kleinen Sohn. Doch die Liebe bekommt eine Chance und wir einen schönen Film mit zwei überzeugenden Hauptdarstellern: Marion Cotillard und Matthias Schoenaerts. Übrigens: Der Film spielt in Antibes, wenige Kilometer von Cannes entfernt. Wer die Côte d'Azur nur von Bildern von den Filmfestspielen kennt, bekommt sie hier in ihrer hässlichen Banalität zu sehen.

Wenn Sie sehen wollen, wie zerstörerisch Liebe sein kann:

Jagten von Thomas Vinterberg – Ein Mann (Mads Mikkelsen) wird unschuldig des Kindesmissbrauchs verdächtigt. Unschön zu sehen, wozu all die liebevollen Eltern seines Dorfes danach in der Lage sind.

Wenn Sie Filme mögen, die Sie für einen Abend in eine zauberhafte Welt entführen:

Moonrise Kingdom von Wes Anderson – Nur wenige inszenieren so künstlich-schöne Szenen und haben so viel schrägen Humor wie der Regisseur von Die Royal Tenenbaums. Diesmal geht es um die sehr ernsthafte Liebe – zwischen zwei Zwölfjährigen. Stars, Humor und ein Sechziger-Jahre-Setting in künstlerischer Überhöhung. Nicht umsonst eröffnete der Film die diesjährigen Festspiele.

Wenn Sie Einschlafschwierigkeiten haben:

On the road von Walter Salles – Wunderschöne Bilder, gute Musik, absolut keine Handlung. Es macht also nichts, wenn Sie zwischendurch doch mal wegnicken.

 
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