FilmfestivalCannes spielt mit Eindeutigkeiten

Die Regisseure Kiarostami, Resnais und Vinterberg stellen ihre neuen Filme vor: So unterschiedlich ihre Themen sind, immer geht es um die Wahrheit der Bilder. von 

Das Leben ist ein langer trüber Verkehrsfluss: Abbas Karostamis Film "Like someone in love".

Das Leben ist ein langer trüber Verkehrsfluss: Abbas Karostamis Film "Like someone in love".  |  © AFFIF

Cannes 2012 ist nicht es selbst. Die roten Teppiche werden von Regenwasser überspült. Es herrschen kalte 12 Grad. All die hübschen Damen, die nur drei Nähte Chiffon von der völligen Entblößung trennen, frieren entsetzlich, und ihre Begleiter ruinieren sich die guten Schuhe in knöcheltiefen Pfützen. Das entspricht so gar nicht dem Bild, das man von diesem Festival hat und das es sich selbst gibt. Aber womöglich ist das nur eine gelungene, weil wirklich neue Inszenierung. Sollen nicht gerade die Filme, die in diesem Wettbewerb gezeigt werden, möglichst ungewöhnlich sein?

Am Sonntagabend führte uns Abbas Kiarostami vor, dass auch das Innere eines Autos zum Schauplatz eines Films werden kann – und schuf damit schon mal eine Vergleichsbasis für David Cronenberg , der am Freitag seine Verfilmung von Don DeLillos Kapitalismus-Apokalypse Cosmopolis zeigen wird, die ebenfalls zum Großteil in einem Auto spielt. Kiarostamis Like someone in love nun soll so etwas wie die Fortführung von Copie Conforme sein, diesem wundersam flirrenden Film, mit dem seine Hauptdarstellerin Juliette Binoche 2010 in Cannes für ihre Schauspielkunst ausgezeichnet wurde.

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Äußerlich haben die beiden wenig gemein: Copie Conforme spielt in der Toskana, Like someone in love in Tokio. Doch beide verhandeln die große Frage nach der Identität der Protagonisten. Diesmal ist es die Geschichte einer Studentin (Rin Takanashi), die sich wohl prostituiert und die wohl einen festen Freund hat und in einem alten Professor der Soziologie (Tadashi Okuno) einen – nun, was eigentlich – neuen Freier, Mentor, Großvaterersatz findet.

Doch worauf es in diesem Film am wenigsten ankommt, ist die Handlung. Er erzählt kaum mehr als zwölf Stunden im Leben der drei Figuren und viele Passagen nahezu in Echtzeit. Es geht um verpasste Telefonanrufe, um belanglose Gespräche oder vielmehr deren Fetzen, um Banalitäten wie Zigaretten anzünden und Kerzen auspusten. Auf die Dauer ist das ziemlich ermüdend, schafft aber viel Gelegenheit, sich auf die Bilder zu konzentrieren.

Kiarostamis Kameramann Katsumi Yanagijima zeigt ein ungewöhnliches, weil wahrlich real-banales Tokio. Wir sehen hauptsächlich Straßen und Kreuzungen und Begrenzungen und Einfahrten und andere Autos. Und wir sehen die Lichtspiegelungen in den Windschutzscheiben, die die Menschen fast unsichtbar machen.

Wenn wir den Verkehr nicht sehen, ist er zu hören, selbst in der Wohnung. Der Ton und die Geräusche des Films schaffen ein zweites, ebenso enervierend graues Bild wie die Kamera. Kiarostamis Tokio ist beherrscht vom ewigen Fließen und Stocken und Weiterrauschen des Verkehrs, und wer mag, kann darin eine Antwort auf die Frage finden, wie es sich mit der Einzigartigkeit eines Wesens verhält.

Resnais Theaterstück im Film im Film

Auch Altmeister Alain Resnais jongliert in seinem Vous n'avez encore rien vu ( Noch haben Sie nichts gesehen ) gewaltig mit der Identität, aber er tut dies in einem sehr künstlerisch-künstlichen Rahmen und mit einer illustren Truppe französischer Darsteller wie Mathieu Amalric, Sabine Azéma, Lambert Wilson und allen voran Michel Piccoli, die alle sich selbst spielen. Der fiktive Theaterregisseur Antoine d'Anthac ist gestorben und lässt per letztem Willen alle Freunde in seinem Anwesen zusammenkommen, die jemals in seinem Stück Eurydice mitgespielt haben. Dort sitzen sie und werden zu Zuschauern eines vorbereiteten Films von einer Theaterprobe just jener Eurydice . Und schon bald schlüpfen die gealterten Schauspieler zurück in ihre Rollen von einst.

Resnais inszeniert hier ein Theaterstück im Film im Film und führt uns aufs Wunderbarste vor, was Schauspielkunst ist: die Fähigkeit in ein anderes Sein zu schlüpfen und es sich zu eigen zu machen. So können wir, die Zuschauer der Zuschauer, im gleichen Orpheus drei völlig unterschiedlich leidende Männer sehen, in der gleichen Eurydike drei unterschiedlich liebende Frauen. Ein Fest für alle Cinéphilen.

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