Szene aus "Paradies: Liebe" © Festival de Cannes

ZEIT ONLINE: In Ihrem Film Paradies: Liebe geht es um Sextouristinnen, die sich am Strand von Kenia gegen Geld einen schwarzen Beachboy fürs Bett suchen. Die Frauen im Film sind Schauspielerinnen, die schwarzen Männer aber keine Schauspieler. Wie haben Sie die von Ihrem Projekt überzeugt?

Ulrich Seidl: Ich arbeite mit einer langen Vorbereitungszeit. Zwei Jahre vor Drehbeginn habe ich begonnen, Beachboys und deren Lebensumstände kennenzulernen. Ich habe mit ihnen Zeit verbracht, bin mit ihnen in ihr Dorf gefahren, habe ihre Eltern und ihre Frauen kennengelernt. Ich wollte wissen, wie ihr Alltag funktioniert und wie diese Männer denken. Vieles von diesen Recherchen ist dann ins Drehbuch eingeflossen.

Ich habe zum Beispiel Paare aus Sugarmammas – so werden die weißen Sextouristinnen genannt – und Schwarzen kennengelernt und dabei gesehen, dass die weiße Frau den schwarzen Mann immer wie ein kleines Kind bevormundet. Dauernd sagt sie: "So musst du das machen." Und: "So ist's schon besser." Diese Erfahrung ist später eingeflossen in die Bettszene, in der Teresa Munga erklärt, wie er sie anfassen soll.

ZEIT ONLINE: Eine Szene ist besonders frappierend: Da bekommt Teresa von drei anderen Touristinnen einen Beachboy zum Geburtstag geschenkt und er tanzt für die Frauen – nackt. Irgendwann binden sie dem Mann gar ein pinkfarbenes Schleifchen um sein Geschlecht. Wie bringt man seine Darsteller dazu, eine solche Szene zu spielen?

Seidl: Indem man sie lange darauf vorbereitet. Nicht auf die Szene, sondern auf die Intention des Films. Wir haben ihnen auch Arbeiten von mir gezeigt. Danach weiß man, dass es ans Eingemachte gehen wird.

ZEIT ONLINE: Ist es eine Art Verblendung, dass die Frauen nicht gleich erkennen, dass es den Männern nur ums Geld geht?

Seidl: Sie wissen, dass man zahlen muss, aber sie sind damit vorerst einverstanden. Es ist nicht so eine direkte Prostitution, wie das bei Männern der Fall ist. Den Frauen geht es zunächst ums Verliebtsein: Man lernt sich kennen, man trifft sich, geht am Strand spazieren. Dabei spielt Geld erst einmal keine Rolle. Und irgendwann geht man vielleicht miteinander ins Bett und noch später heißt es: "Meine Mutter ist krank und die Schwester liegt im Spital." Dann werden die Forderungen immer größer.

ZEIT ONLINE: Sie zeigen die Entwicklung Teresas von einer beinahe romantischen Urlaubsflirterin hin zur postkolonialistischen Sexkundin. Als ob sie mit ihren Kleidern auch ihre Zivilisiertheit nach und nach ablegte. In ihrer letzten Begegnung mit einem schwarzen Mann verzichtet sie schließlich auf jede gespielte Zuwendung und äußert ihre sexuellen Wünsche direkt.

Seidl: Ja, sie verroht und denkt sich jetzt ebenfalls: Wenn mir die Ware nicht passt, schick ich sie zurück.

"Der männliche Sextourismus ist direkter"

ZEIT ONLINE: Kann man diese Verrohung, diesen Verlust der Zivilisiertheit durch irgendetwas aufhalten?

Seidl: Ich weiß nicht. Es ist jedenfalls das, wohin mich meine Recherchen und meine Geschichte geführt haben. Ich habe zwar ein Drehbuch, aber Drehen ist für mich auch ein Prozess: Ich drehe, sichte die Ergebnisse und plane danach die nächsten Drehs. Ich nehme also immer Rücksicht auf das bisherige Ergebnis und schließe daraus auf das Kommende.

ZEIT ONLINE: Sie haben sich auch schon mit männlichem Sextourismus beschäftigt. Worin unterscheidet der sich von dem, den Sie in Paradies: Liebe zeigen?

Seidl: Der männliche ist direkter: Hier ist die Ware, das kostet sie.

ZEIT ONLINE: Und unterscheiden sich die Beachboys von weiblichen Prostituierten?

Seidl: Die Beachboys kalkulieren natürlich auf ihre Weise auch: Je länger ich eine weiße Frau um den Finger wickle, desto länger fließt Geld. Ich habe übrigens auch Szenen gedreht, wo ich schonungslose Offenheit von ihnen wollte, um zu erfahren, wie sie denn untereinander über weiße Frauen reden.

ZEIT ONLINE: Das ist im Film nicht zu sehen.

Seidl: Nein, das wird wohl in ein späteres Projekt einfließen. Man erfährt, dass sie sich natürlich über die Frauen auch lustig machen und welche Praktiken sie anwenden, damit sie überhaupt sexuell können. Denn die Frage stellt man sich doch schon: Wie kann ein Zwanzigjähriger mit einer Siebzigjährigen? Und zwar nicht nur einmal. Wie kann er das auch über die Länge der Beziehung aufrechterhalten?

ZEIT ONLINE: Und?

Seidl: Er denkt ans Geld.

"Wenn du eine weiße Frau hast, ist dein sozialer Status gehoben"

ZEIT ONLINE: Das erregt ihn?

Seidl: Habe ich vorher auch nicht gewusst: Auch Geld ist ein Stimulans.

ZEIT ONLINE: Wie erklären Sie sich, dass Frauen im Gegensatz dazu eine Art verbale Girlande brauchen? Es gibt diese Szene, in der Teresa von ihrem Beachboy verlangt, er solle ihr zärtlich in die Augen schauen, sie sagt sogar: "ins Herz".

Seidl: Frauen sind romantischer veranlagt. In Kenia spielt ihr Alter und ihr Aussehen keine Rolle – das nimmt man als Frau gerne an. Sie wollen als Person gemeint und kein Objekt sein. Daran zerbricht Theresa am Ende auch, als sie merkt, sie ist nur die weiße Haut.

ZEIT ONLINE: Und das Portemonnaie.

Seidl: Es geht den Schwarzen nicht nur ums Geld. Unter ihnen gilt: Wenn du eine weiße Frau hast, dann ist dein sozialer Status gehoben.

ZEIT ONLINE: Weil das potenziell Geld bringt und die Familie ernähren kann?

Seidl: Nicht nur, sondern auch weil sich der Schwarze dann als Mann den Weißen näher fühlt. Wie mir gesagt wurde, fühlt er sich wie ein Weißer. Aufgewertet.

ZEIT ONLINE: Damit hat er ja den Kolonialismus vollständig verinnerlicht!

Seidl: Völlig, in der Tat.

ZEIT ONLINE: Wie ausgeprägt ist das Phänomen des weiblichen Sextourismus überhaupt?

Seidl: O, sehr ausgeprägt. Es gibt ein dickes Buch für Sextouristinnen über die weltweiten Hot Spots : Darin ist erklärt, wo man was findet, wie viel das kostet, wie man sich benehmen soll, was die lokale Spezialität ist... ein echter Reiseführer eben.

ZEIT ONLINE: Interessant. Gibt es das auch für Männer?

Seidl: Kiloweise! Kistenweise!