Regisseur Ulrich Seidl : "Auch Geld ist ein Stimulans"
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"Der männliche Sextourismus ist direkter"

ZEIT ONLINE: Kann man diese Verrohung, diesen Verlust der Zivilisiertheit durch irgendetwas aufhalten?

Seidl: Ich weiß nicht. Es ist jedenfalls das, wohin mich meine Recherchen und meine Geschichte geführt haben. Ich habe zwar ein Drehbuch, aber Drehen ist für mich auch ein Prozess: Ich drehe, sichte die Ergebnisse und plane danach die nächsten Drehs. Ich nehme also immer Rücksicht auf das bisherige Ergebnis und schließe daraus auf das Kommende.

ZEIT ONLINE: Sie haben sich auch schon mit männlichem Sextourismus beschäftigt. Worin unterscheidet der sich von dem, den Sie in Paradies: Liebe zeigen?

Seidl: Der männliche ist direkter: Hier ist die Ware, das kostet sie.

ZEIT ONLINE: Und unterscheiden sich die Beachboys von weiblichen Prostituierten?

Seidl: Die Beachboys kalkulieren natürlich auf ihre Weise auch: Je länger ich eine weiße Frau um den Finger wickle, desto länger fließt Geld. Ich habe übrigens auch Szenen gedreht, wo ich schonungslose Offenheit von ihnen wollte, um zu erfahren, wie sie denn untereinander über weiße Frauen reden.

ZEIT ONLINE: Das ist im Film nicht zu sehen.

Seidl: Nein, das wird wohl in ein späteres Projekt einfließen. Man erfährt, dass sie sich natürlich über die Frauen auch lustig machen und welche Praktiken sie anwenden, damit sie überhaupt sexuell können. Denn die Frage stellt man sich doch schon: Wie kann ein Zwanzigjähriger mit einer Siebzigjährigen? Und zwar nicht nur einmal. Wie kann er das auch über die Länge der Beziehung aufrechterhalten?

ZEIT ONLINE: Und?

Seidl: Er denkt ans Geld.

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Kommentare

36 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Frage an Herrn Seidl

"Seidl: O, sehr ausgeprägt. Es gibt ein dickes Buch für Sextouristinnen über die weltweiten Hot Spots...
ZEIT ONLINE: Interessant. Gibt es das auch für Männer?
Seidl: Kiloweise! Kistenweise!"

EIN dickes Buch für Sextouristinnen weltweit - und KILOWEISE - KISTENWEISE Bücher für Männer!

Frage an den Filmemacher Herrn Seidl: Wieso haben Sie dann nicht zuerst einen Film über männliche Sextouristen in Osteuropa, Thailand, Singapur und auf den Philippinen usw. gemacht und dann den weiblichen Sextourismus als marginalen Untertitel mit eingebaut?
Sie haben nichts von Zuhältern der Beachboys erzählt - sie scheinen es also freiwillig zu machen und es hebt auch - paradoxerweise - ihren Status- während die weiblichen Armutsprostituierten in Südostasien, Osteuropa und deutschen Flatrate-Bordellen(!) vielfach in grausamen Zuhälterringen versklavt werden und gesellschaftlich ganz unten stehen, wie Lydia Cacho in "Sklaverei" beschreibt.
Wieso prangern Sie die "Verrohung" der "freienden" Frauen an? Natürlich ist das, was sie tun, zu kritisieren und kann als Neokolonialismus benannta werden. Nur: Ist es nicht viel verrohter, was männliche Sextouristen seit JAHRZEHNTEN (!) (eigentlich: was Männer seit Jahrhunderten!) mit Prostituierten machen? Da ist nämlich gar kein Gefühl und Gewissen mehr dabei! Sie messen mit zweierlei Maß, Herr Seidl!

Das hat der Regiseur bereits 2007 getan...

indem er sich 2007 mit "Import Export" der männlichen Prostitution aus der Sicht der Männer und aus der Sicht der osteuropäischen Armutsprostituierten widmete.

Gut, er hat nicht Thailand genommen, wo es ausreichend Männer hinzieht, junge bis kindliche Prostituierte gegen Geld zu missbrauchen oder gern auch mal einen kleinen Jungen mitzunehmen, da man für harte Währung alles erhalten kann.

Aber er hat die männliche Seite des Kaufens von Sex und Nähe und die weibliche des Elends mit der Situation bereits gezeigt.

Was ist alles Sextourismus?

Wenn der ungeliebte Studienrat nach Russland auf Frauentour von einer Agentur organisiert fährt, dabei Frauen 'testet' und sich bei Gefallen ein 'Rückgaberecht' vor Erteilung eines eigenständigen Aufenthaltsstatus einräumen läßt?

Oder nur der Kunde, der ohne Ansehen der Person für wenig Geld in einem düsteren Zimmer seine Triebabfuhr mit wenig Geld zahlt?

"Böse" ist das beides, da schlicht und ergreifend jegliche Menschlichkeit vermissend.

Da würde ich Ihnen auch zu 100% zustimmen,

aber heute, heute einmal, will ich all meine Werte, Moral und den Stuss vergessen, und mich einklinken ins Loblied des Feminismus.

Frauen erobern mit sanfter Härte eine Männerdomäne, und machen es auch noch alles direkt besser.

Ich bin auch stark verwirrt, bislang dachte ich, es gäbe diese erbärmlichen Kerle, die zur Prostituierten wandern, nur um dort zu reden, um emotionale Vernachlässigung auszugleichen.

Aber dieses, ja durchaus nicht schmeichelnde Bild von Männlichkeit, das passte hier im Interview, einfach nicht in Seidels Konzept. es hätte seine Stringenz verletzt.

Ich persönlich, vielleicht erinnern Sie ja einige meiner Beiträge, empfinde sogar ein "Hochheiraten" als Prostitution, aber was soll ich sagen, bin nunmal ein Linker.

Man muss das Kind beim Namen nennen!

Es handelt sich um Entwicklungshilfe.

Und dafür werden die Frauen auch noch emotional von den Loverboys betrogen.

Das hier teilweise in Richtung von Prostitution überhaupt nur gedacht wird, das zeigt nur, dass wenn wir die menschliche Gesellschaft wollen, wir noch viel männliches zu überwinden haben.

Was heißt "irgendwie netter"?

Richtig ist - sie vergewaltigen nicht. Sie zahlen für Sehnsüchte, wobei diese oftmals wie im Film zu sehen in glücklosen Sexversuchen münden.

Das zeigen Millionen Männer tagtäglich anders.

Dass man es gut finden soll, wenn Frauen sogenannate Loverboys an den Küsten Afrikas bezahlen, hat niemand gesagt und das vermittelt auch der Film nicht, soweit ich ihn verstanden habe.

Dass es im Film um kapitalismuskritische Töne geht, würde ich abstreiten. Zurzeit scheint dieser Themenbezug gern zu allen Fragen des Lebens genutzt zu werden, richtig ist es nicht unbededingt und hier schon gar nicht.

Für mich tauchte die Frage auf, wieso diese Frauen in ihrer Heimat glücklos sind und dort suchen müssen, wo wir ein Volk von Singles auch in dieser Altergruppe sind. Er hätte auch wie in dem Film aus den 80ern "Ich atme mit dem Herzen" eine gut aussehende, drahtige Frau nehmen können, die sich sexuelle Nähe in einem ärmeren Land sucht.

Statt dessen entsprechen diese Frauen so sehr dem Klische, dass man vielleicht doch noch mal hinschauen sollte, wer sich da real auf die Suche nach "Liebe" oder auch nur der Sehnsucht danach macht.

Frauen dieses Alters sind in der Heimat glücklos...

Vermutlich, weil die Realität ist, dass es in der Gesellschaft nicht wirklich goutiert wird. Frauen in der zweiten Lebenshälfte -weniger attraktiv und vielleicht molliger- haben grundsätzlich große Probleme ihre sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen, denn die Männer, die für sie infrage kämen (immer Konjunktiv), sind an ihnen nicht interessiert und/oder gebunden. Dass Frauen neben dem Sex auch eher noch eine emotionale Bindung dazu suchen, macht die Sache nicht einfacher. Der Begriff "Sextouristin" weist auf eine Reise und von daher auf den temporären Staus der (sexuellen) Beziehung hin. Ich bin sicher, dass Frauen für Inanspruchnahme von käuflicher Liebe gesellschaftlich verurteilt werden und Männer nicht. Dieser Zustand gehört korrigiert.
Dass es diese Form des käuflichen Sex gibt wusste ich schon, aber diese kommerzialisierte Form war mir nicht wirklich bewusst. Mir wäre wohler, wenn die Prostitution (wohlgemerkt die freiwillige!!!) von diesem Hautgout abgekoppelt würde.