Regisseur Ulrich Seidl"Auch Geld ist ein Stimulans"

Ulrich Seidl zeigt in "Paradies: Liebe" die Sehnsüchte von Sextouristinnen in Afrika. Im Interview erzählt der Regisseur, wie er die intimen Bilder einfangen konnte. von 

Szene aus "Paradies: Liebe"

Szene aus "Paradies: Liebe"  |  © Festival de Cannes

ZEIT ONLINE: In Ihrem Film Paradies: Liebe geht es um Sextouristinnen, die sich am Strand von Kenia gegen Geld einen schwarzen Beachboy fürs Bett suchen. Die Frauen im Film sind Schauspielerinnen, die schwarzen Männer aber keine Schauspieler. Wie haben Sie die von Ihrem Projekt überzeugt?

Ulrich Seidl: Ich arbeite mit einer langen Vorbereitungszeit. Zwei Jahre vor Drehbeginn habe ich begonnen, Beachboys und deren Lebensumstände kennenzulernen. Ich habe mit ihnen Zeit verbracht, bin mit ihnen in ihr Dorf gefahren, habe ihre Eltern und ihre Frauen kennengelernt. Ich wollte wissen, wie ihr Alltag funktioniert und wie diese Männer denken. Vieles von diesen Recherchen ist dann ins Drehbuch eingeflossen.

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Ich habe zum Beispiel Paare aus Sugarmammas – so werden die weißen Sextouristinnen genannt – und Schwarzen kennengelernt und dabei gesehen, dass die weiße Frau den schwarzen Mann immer wie ein kleines Kind bevormundet. Dauernd sagt sie: "So musst du das machen." Und: "So ist's schon besser." Diese Erfahrung ist später eingeflossen in die Bettszene, in der Teresa Munga erklärt, wie er sie anfassen soll.

Ulrich Seidl
Ulrich Seidl

Der österreichische Filmemacher Ulrich Seidl wurde für seine (halb-)dokumentarischen Filme bekannt wie Good News (über den Alltag von Zeitungsverkäufern), Tierische Liebe (über das Verhältnis des Menschen zu seinem Haustier) und Models (über den Traum von Schönheit und Ruhm). Für die ebenso dokumentarisch-realistische wie drastische Darstellung seiner Themen erhielt Seidl zahlreiche internationale Preise. Werner Herzog zählt ihn zu seinen Lieblingsregisseuren und kommentierte Tierische Liebemit den treffenden Worten: "Noch nie habe ich im Kino so geradewegs in die Hölle geschaut." Hundstage war Ulrich Seidls erster Spielfilm, der 2001 in Venedig mit dem Großen Preis der Jury bedacht wurde. 2003 gründete Seidl seine eigene Produktionsfirma, drehte Import Export, und wurde damit 2007 in den Wettbewerb von Cannes eingeladen. Paradies: Liebe ist nun der erste Teil eines Filmtriptychons über drei Frauen, die auf sehr unterschiedliche Weise nach dem Glück suchen.

ZEIT ONLINE: Eine Szene ist besonders frappierend: Da bekommt Teresa von drei anderen Touristinnen einen Beachboy zum Geburtstag geschenkt und er tanzt für die Frauen – nackt. Irgendwann binden sie dem Mann gar ein pinkfarbenes Schleifchen um sein Geschlecht. Wie bringt man seine Darsteller dazu, eine solche Szene zu spielen?

Seidl: Indem man sie lange darauf vorbereitet. Nicht auf die Szene, sondern auf die Intention des Films. Wir haben ihnen auch Arbeiten von mir gezeigt. Danach weiß man, dass es ans Eingemachte gehen wird.

ZEIT ONLINE: Ist es eine Art Verblendung, dass die Frauen nicht gleich erkennen, dass es den Männern nur ums Geld geht?

Seidl: Sie wissen, dass man zahlen muss, aber sie sind damit vorerst einverstanden. Es ist nicht so eine direkte Prostitution, wie das bei Männern der Fall ist. Den Frauen geht es zunächst ums Verliebtsein: Man lernt sich kennen, man trifft sich, geht am Strand spazieren. Dabei spielt Geld erst einmal keine Rolle. Und irgendwann geht man vielleicht miteinander ins Bett und noch später heißt es: "Meine Mutter ist krank und die Schwester liegt im Spital." Dann werden die Forderungen immer größer.

ZEIT ONLINE: Sie zeigen die Entwicklung Teresas von einer beinahe romantischen Urlaubsflirterin hin zur postkolonialistischen Sexkundin. Als ob sie mit ihren Kleidern auch ihre Zivilisiertheit nach und nach ablegte. In ihrer letzten Begegnung mit einem schwarzen Mann verzichtet sie schließlich auf jede gespielte Zuwendung und äußert ihre sexuellen Wünsche direkt.

Seidl: Ja, sie verroht und denkt sich jetzt ebenfalls: Wenn mir die Ware nicht passt, schick ich sie zurück.

Leserkommentare
  1. "Seidl: O, sehr ausgeprägt. Es gibt ein dickes Buch für Sextouristinnen über die weltweiten Hot Spots...
    ZEIT ONLINE: Interessant. Gibt es das auch für Männer?
    Seidl: Kiloweise! Kistenweise!"

    EIN dickes Buch für Sextouristinnen weltweit - und KILOWEISE - KISTENWEISE Bücher für Männer!

    Frage an den Filmemacher Herrn Seidl: Wieso haben Sie dann nicht zuerst einen Film über männliche Sextouristen in Osteuropa, Thailand, Singapur und auf den Philippinen usw. gemacht und dann den weiblichen Sextourismus als marginalen Untertitel mit eingebaut?
    Sie haben nichts von Zuhältern der Beachboys erzählt - sie scheinen es also freiwillig zu machen und es hebt auch - paradoxerweise - ihren Status- während die weiblichen Armutsprostituierten in Südostasien, Osteuropa und deutschen Flatrate-Bordellen(!) vielfach in grausamen Zuhälterringen versklavt werden und gesellschaftlich ganz unten stehen, wie Lydia Cacho in "Sklaverei" beschreibt.
    Wieso prangern Sie die "Verrohung" der "freienden" Frauen an? Natürlich ist das, was sie tun, zu kritisieren und kann als Neokolonialismus benannta werden. Nur: Ist es nicht viel verrohter, was männliche Sextouristen seit JAHRZEHNTEN (!) (eigentlich: was Männer seit Jahrhunderten!) mit Prostituierten machen? Da ist nämlich gar kein Gefühl und Gewissen mehr dabei! Sie messen mit zweierlei Maß, Herr Seidl!

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "gut /böse"
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    Das tut Herr Seidl doch gar nicht. Er macht lediglich auf Geschehnisse aufmerksam, die man sonst nicht so registriert, während der männliche Sextourismus sehr bekannt ist, unter anderem auch, weil es darüber bereits viele Filme, Bücher, ... gibt.

    indem er sich 2007 mit "Import Export" der männlichen Prostitution aus der Sicht der Männer und aus der Sicht der osteuropäischen Armutsprostituierten widmete.

    Gut, er hat nicht Thailand genommen, wo es ausreichend Männer hinzieht, junge bis kindliche Prostituierte gegen Geld zu missbrauchen oder gern auch mal einen kleinen Jungen mitzunehmen, da man für harte Währung alles erhalten kann.

    Aber er hat die männliche Seite des Kaufens von Sex und Nähe und die weibliche des Elends mit der Situation bereits gezeigt.

    zweierlei Maß. Bloß weil ein Teil eines Gesamtproblems wie ein Fass ohne Boden scheint, heißt das nicht, dass man nicht auch andere Teile des Problems beleuchten darf!

    • unico
    • 21. Mai 2012 8:59 Uhr

    Sein vorheriger Film "Import Export" sei Ihnen als Herz gelegt:
    - http://www.zeit.de/online...
    - http://www.zeit.de/2007/4...
    - http://de.wikipedia.org/w...

    LG

  2. 10. Unsinn

    Das tut Herr Seidl doch gar nicht. Er macht lediglich auf Geschehnisse aufmerksam, die man sonst nicht so registriert, während der männliche Sextourismus sehr bekannt ist, unter anderem auch, weil es darüber bereits viele Filme, Bücher, ... gibt.

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    Antwort auf "Frage an Herrn Seidl"
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    Der männliche Sextourismus ist ja auch ganz klar definiert.

    Böse.

    Wenn ich da nur an die WM denke, da kamen ja 60.000 Sexsklavinen ins Land.

  3. Der männliche Sextourismus ist ja auch ganz klar definiert.

    Böse.

    Wenn ich da nur an die WM denke, da kamen ja 60.000 Sexsklavinen ins Land.

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    Antwort auf "Unsinn"
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    Wenn der ungeliebte Studienrat nach Russland auf Frauentour von einer Agentur organisiert fährt, dabei Frauen 'testet' und sich bei Gefallen ein 'Rückgaberecht' vor Erteilung eines eigenständigen Aufenthaltsstatus einräumen läßt?

    Oder nur der Kunde, der ohne Ansehen der Person für wenig Geld in einem düsteren Zimmer seine Triebabfuhr mit wenig Geld zahlt?

    "Böse" ist das beides, da schlicht und ergreifend jegliche Menschlichkeit vermissend.

  4. indem er sich 2007 mit "Import Export" der männlichen Prostitution aus der Sicht der Männer und aus der Sicht der osteuropäischen Armutsprostituierten widmete.

    Gut, er hat nicht Thailand genommen, wo es ausreichend Männer hinzieht, junge bis kindliche Prostituierte gegen Geld zu missbrauchen oder gern auch mal einen kleinen Jungen mitzunehmen, da man für harte Währung alles erhalten kann.

    Aber er hat die männliche Seite des Kaufens von Sex und Nähe und die weibliche des Elends mit der Situation bereits gezeigt.

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    Dann entschuldige ich mich.

  5. Wenn der ungeliebte Studienrat nach Russland auf Frauentour von einer Agentur organisiert fährt, dabei Frauen 'testet' und sich bei Gefallen ein 'Rückgaberecht' vor Erteilung eines eigenständigen Aufenthaltsstatus einräumen läßt?

    Oder nur der Kunde, der ohne Ansehen der Person für wenig Geld in einem düsteren Zimmer seine Triebabfuhr mit wenig Geld zahlt?

    "Böse" ist das beides, da schlicht und ergreifend jegliche Menschlichkeit vermissend.

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    Antwort auf "Nicht nur bekannt"
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    aber heute, heute einmal, will ich all meine Werte, Moral und den Stuss vergessen, und mich einklinken ins Loblied des Feminismus.

    Frauen erobern mit sanfter Härte eine Männerdomäne, und machen es auch noch alles direkt besser.

    Ich bin auch stark verwirrt, bislang dachte ich, es gäbe diese erbärmlichen Kerle, die zur Prostituierten wandern, nur um dort zu reden, um emotionale Vernachlässigung auszugleichen.

    Aber dieses, ja durchaus nicht schmeichelnde Bild von Männlichkeit, das passte hier im Interview, einfach nicht in Seidels Konzept. es hätte seine Stringenz verletzt.

    Ich persönlich, vielleicht erinnern Sie ja einige meiner Beiträge, empfinde sogar ein "Hochheiraten" als Prostitution, aber was soll ich sagen, bin nunmal ein Linker.

  6. ... weiblicher Kapitalismus: sanfter, gefühlvoller, irgendwie netter. Täterätäää! Frauen sind mehr so wie Männer als anders. Gähn... Wer hätte das gedacht?

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    Richtig ist - sie vergewaltigen nicht. Sie zahlen für Sehnsüchte, wobei diese oftmals wie im Film zu sehen in glücklosen Sexversuchen münden.

    Das zeigen Millionen Männer tagtäglich anders.

    Dass man es gut finden soll, wenn Frauen sogenannate Loverboys an den Küsten Afrikas bezahlen, hat niemand gesagt und das vermittelt auch der Film nicht, soweit ich ihn verstanden habe.

    Dass es im Film um kapitalismuskritische Töne geht, würde ich abstreiten. Zurzeit scheint dieser Themenbezug gern zu allen Fragen des Lebens genutzt zu werden, richtig ist es nicht unbededingt und hier schon gar nicht.

    Für mich tauchte die Frage auf, wieso diese Frauen in ihrer Heimat glücklos sind und dort suchen müssen, wo wir ein Volk von Singles auch in dieser Altergruppe sind. Er hätte auch wie in dem Film aus den 80ern "Ich atme mit dem Herzen" eine gut aussehende, drahtige Frau nehmen können, die sich sexuelle Nähe in einem ärmeren Land sucht.

    Statt dessen entsprechen diese Frauen so sehr dem Klische, dass man vielleicht doch noch mal hinschauen sollte, wer sich da real auf die Suche nach "Liebe" oder auch nur der Sehnsucht danach macht.

  7. Richtig ist - sie vergewaltigen nicht. Sie zahlen für Sehnsüchte, wobei diese oftmals wie im Film zu sehen in glücklosen Sexversuchen münden.

    Das zeigen Millionen Männer tagtäglich anders.

    Dass man es gut finden soll, wenn Frauen sogenannate Loverboys an den Küsten Afrikas bezahlen, hat niemand gesagt und das vermittelt auch der Film nicht, soweit ich ihn verstanden habe.

    Dass es im Film um kapitalismuskritische Töne geht, würde ich abstreiten. Zurzeit scheint dieser Themenbezug gern zu allen Fragen des Lebens genutzt zu werden, richtig ist es nicht unbededingt und hier schon gar nicht.

    Für mich tauchte die Frage auf, wieso diese Frauen in ihrer Heimat glücklos sind und dort suchen müssen, wo wir ein Volk von Singles auch in dieser Altergruppe sind. Er hätte auch wie in dem Film aus den 80ern "Ich atme mit dem Herzen" eine gut aussehende, drahtige Frau nehmen können, die sich sexuelle Nähe in einem ärmeren Land sucht.

    Statt dessen entsprechen diese Frauen so sehr dem Klische, dass man vielleicht doch noch mal hinschauen sollte, wer sich da real auf die Suche nach "Liebe" oder auch nur der Sehnsucht danach macht.

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    Antwort auf "Nun, ja es ist eben..."
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    Vermutlich, weil die Realität ist, dass es in der Gesellschaft nicht wirklich goutiert wird. Frauen in der zweiten Lebenshälfte -weniger attraktiv und vielleicht molliger- haben grundsätzlich große Probleme ihre sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen, denn die Männer, die für sie infrage kämen (immer Konjunktiv), sind an ihnen nicht interessiert und/oder gebunden. Dass Frauen neben dem Sex auch eher noch eine emotionale Bindung dazu suchen, macht die Sache nicht einfacher. Der Begriff "Sextouristin" weist auf eine Reise und von daher auf den temporären Staus der (sexuellen) Beziehung hin. Ich bin sicher, dass Frauen für Inanspruchnahme von käuflicher Liebe gesellschaftlich verurteilt werden und Männer nicht. Dieser Zustand gehört korrigiert.
    Dass es diese Form des käuflichen Sex gibt wusste ich schon, aber diese kommerzialisierte Form war mir nicht wirklich bewusst. Mir wäre wohler, wenn die Prostitution (wohlgemerkt die freiwillige!!!) von diesem Hautgout abgekoppelt würde.

  8. ... ein gewisses Interesse, die Geschichte der Prostitution--koste, was es wolle, und sei es die Wahrheit--als ein Geschichte mit klarer Rollenverteilung zu schreiben: hier die Frauen in Opferrolee--ihre gepeinigten Körper und edlen Gefühle zu Markte tragend--dort die Männer in der Täterrole--brutal, gemein, emotional verroht. Diese Sicht hat selbstverständlich zu oft ihre Berechtigung--ich habe Prostituierte jahrelang ärztlich betreut--aber eben nicht immer. Darum ist diese Geschichtsschreibung so verlogen, und Seidl zeigt es noch einmal. Es gibt genügend Ehen, deren Basis der Tauschhandel ist--die Vortäuschung von Liebe gegen harte Währung. Ich kenne nicht wenige Frauen, die sich ihre Liebe selber vorlügen, wie Seidls Sextouristinnen; damit der Handel für sie noch erträglich bleibt. Genauso gibt es Männer, welche sich auch in ihre Katalogbräute "verliebt" haben, anstatt sich ihre erbärmliche emotionale Unfähigkeit zu einer Liebesbezihung auf Augenhöhe einzugestehen.

    Was auch immer. Solche Deals laufen auf Gegenseitigkeit; wer dabei wen ausnutzt, ist von außen oft schwieriger zu durchschauen, als Frau oder Mann es manchmal lieb ist. Dieses ist keine Geschichte über den dümmlichen "Wettkampf der Geschlechter". Man kann dem auch mal einfach nur menschlich nachspüren, ohne gleich zum Richter zu werden, aus Respekt vor der Komplexität menschlicher Bedürfnisse und Beziehungen.

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    sei sie von Frauen oder Männern bezahlt, läßt sich leicht sehen, was für ein Elend dadurch in Deutschland und weltweit entsteht.

    Die Situation von Prostituierten mit der von deutschen Ehefrauen, die juristisch abgesichert sind, zu vergleichen, ist schlicht schäbig und zeigt nur das eigentliche Problem des nicht Hinsehens.

    So lange es Menschen gibt, die Prostitution mit Ehe gleich setzen, ist wohl noch viel zu tun.

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  • Schlagworte Film | Drehbuch | Geld | Teresa | Kenia | Liebe
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