Filmfestspiele CannesNächstenliebe mit tödlichen Folgen

Cristian Mungiu zeigt in Cannes seinen wunderschönen Film "Beyond the Hills". Die sehr langsame Tragödie raubt uns jede Gewissheit um Gut und Böse. von 

464 Sünden gibt es und Alina hat vermutlich einige davon begangen. Das fürchten jedenfalls die Nonnen und der Priester des orthodoxen Klosters, in dem die junge Frau untergekommen ist. Deshalb lesen sie ihr nun die seitenlange Liste aus dem Katechismus vor, damit Alina beim Beichten keine Verfehlung vergisst. Die Absolution werde ihr guttun, hoffen alle, denn das Verhalten der aufgewühlten Frau bringt ihren geregelten Klosteralltag schon jetzt gewaltig durcheinander. Immer wieder schlägt Alina anfallartig um sich, kratzt, beißt, flucht. Die Hoffnung auf Besserung erfüllt sich jedoch nicht.

2005 erregte in Rumänien der Fall einer 24-Jährigen großes Aufsehen, die nur wenige Wochen, nachdem sie in ein Kloster eingetreten war, dort an den Folgen eines Exorzismus starb. Der rumänische Regisseur Cristian Mungiu hat den Fall zur Grundlage seines neuen Films Beyond the Hills genommen, den er jetzt in Cannes vorstellte.

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Man kann ihm nur einen ähnlichen Erfolg wünschen wie seinem Drama 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage , mit dem Mungiu 2007 als erster rumänischer Regisseur die Goldene Palme erhielt . Darin erzählte er von zwei Frauen, die gemeinsam einen Schwangerschaftsabbruch planen und ausführen. Auch diese Geschichte spielte in Rumänien , jenem des totalitären Ceaușescu-Regimes, unter dem Abtreibungen aufs Grausamste geahndet wurden.

Als Mädchen hatten sich Alinas und Voichita ewige Liebe geschworen

Mungiu begeisterte mit der Art und Weise, wie er das Drama inszenierte: mit langen, bis zu mehreren Minuten dauernden Einstellungen und sehr reduzierten Kamerabewegungen, fast nur mit natürlicher Beleuchtung und ganz ohne Musik. Ein Meisterwerk, das die unerträgliche Trostlosigkeit und das Misstrauen jener Zeit deutlich machte.

Nun erzählt Mungiu wieder von der Freundschaft zwischen zwei Frauen. Alinas einzige Vertraute ist Voichita, eine der Nonnen in dem Kloster. Die beiden kennen sich seit ihrer gemeinsamen Kindheit im Waisenhaus. Dort hatten sich die Mädchen einst ewige Liebe geschworen. Doch zunächst ist Alina zum Arbeiten nach Deutschland gegangen, und Voichita hat sich für die Enge und Kargheit des Klosters entschieden. Nun ist Alina zurückgekommen, um endlich mit Voichita gemeinsam fortzugehen. Aber Voichita liebt inzwischen Gott.

Fragen, die verzweifeln lassen

Mungiu erzählt die Ereignisse ganz aus der Perspektive Voichitas. In jeder Einstellung ist sie zu sehen mit ihren extrem hellen Augen in dem engelhaften Gesicht. Er selbst nimmt sich als Regisseur so weit es geht zurück. Er vermeidet Schnitte und Kameraschwenks. Wieder ist das Licht von großer Natürlichkeit, in diesem Fall ziemlich grau, und bis auf ein Wiegenlied am Ende gibt es keine Musik.

Das Ergebnis ist ein sehr langsamer und mit zweieinhalb Stunden auch langer Film, der außerordentlich nachhallt, selbst wenn man während der Festspiele noch etliche andere Filme gesehen hat. Denn was Beyond the Hills zeigt, ist nicht einfach zu bewerten. Über die Fragen, die Mungiu aufwirft, kann man verzweifeln.

Leserkommentare
    • bbbbbb
    • 19. Mai 2012 21:08 Uhr
  1. bitte die Ueberschrift korrigieren.

    Ausserdem: was meinen Sie damit, dass Abtreibungen "aufs Grausamste geahndet" wurden?

    Was stellt man sich darunter vor? Haende ab? Augen raus?

    Es gab wohl im schlimmsten Fall eine nicht sehr lange Gefaengnisstrafe. Was Sie da schreiben ist einfach nur sensationsheischend, Bild Niveau.

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    Frauen, die eine Abtreibung vornahmen oder vornehmen ließen, wurden mit Gefängnisstrafen bis zu 25 Jahren bedroht. Trieben sie illegal ab, durften sie im Falle von Infektionen von den Ärzten nicht behandelt werden. Während seiner Amtszeit starben so rund 10.000 Frauen. Das Ergebnis war eine Flut von Kindern und überlasteten Familien, die an Nahrungsknappheit litten und die überzähligen Kinder teilweise verstießen.

  2. Frauen, die eine Abtreibung vornahmen oder vornehmen ließen, wurden mit Gefängnisstrafen bis zu 25 Jahren bedroht. Trieben sie illegal ab, durften sie im Falle von Infektionen von den Ärzten nicht behandelt werden. Während seiner Amtszeit starben so rund 10.000 Frauen. Das Ergebnis war eine Flut von Kindern und überlasteten Familien, die an Nahrungsknappheit litten und die überzähligen Kinder teilweise verstießen.

    Antwort auf "Mungiu, nicht Mangiu"

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Film | Exorzismus | Mädchen | Abtreibung | Drama | Einstellung
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