Regisseur Benoît JacquotZusehen beim Untergang eines Regimes

Der Regisseur Benoît Jacquot zeigt in "Leb wohl, meine Königin!" den Untergang des Ancien Régime. Die Mechanismen, die er dabei aufdeckt, sind überraschend aktuell. von 

Benoît Jacqout im April in Los Angeles

Benoît Jacqout im April in Los Angeles  |  © Valerie Macon/Getty Images

ZEIT ONLINE: Es gibt eine Szene in Ihrem neuen Film Leb wohl, meine Königin! , die ich besonders berührend fand: Die Vorleserin Marie Antoinettes , gespielt von Léa Seydoux, geht darin eine Dienstbodentreppe hinauf. Die Kamera folgt der Frau, zeigt, wie sie kurz zögert und dann durch eine Tür in ihrer Kammer verschwindet. Danach bleiben Sie mit der Kamera nicht bei ihr, sondern filmen den Treppenlauf weiter hinauf, bis das Bild eine leere, graue Ecke fixiert.

Benoît Jacquot: Das sollten Sie mal Léa erzählen – sie wirft mir diese Szene sehr vor und hat mich gefragt, was um Himmels willen ich damit ausdrücken wollte.

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ZEIT ONLINE: Was haben Sie ihr geantwortet?

Jacquot: Dass es der kinematografische Versuch ist, den Zuschauer ihren inneren Zustand spüren zu lassen. Zu diesem Zeitpunkt des Films, kurz nach dem Sturm auf die Bastille, verharrt sie in einem Zustand der Sprachlosigkeit und Ungewissheit. Egal wohin sie ginge, es würde sich nichts ändern. Darüber hinaus sind die Wände, die ich zeige, keine schönen, sondern heruntergekommene. Sie bezeugen den desolaten Zustand, in dem sich die Versailler Hofgesellschaft im Juni 1789 befindet.

Benoît Jacquot

Der französische Regisseur wurde 1947 in Paris geboren und dreht seit den 70er Jahren Filme sowohl fürs Fernsehen als auch fürs Kino. Bekannt wurde er mit Dokumentarfilmen und Historienfilmen wie Sade (2000). Großen Erfolg hatte seine quasi dokumentarische, aber sehr poetische Beobachtung in Echtzeit einer jungen Frau (Virginie Ledoyen) im heutigen Paris, Das einsame Mädchen (1995). Sein jüngster Film, Leb wohl, meine Königin!, der seit dem 31. Mai in den Kinos läuft, eröffnete die diesjährige Berlinale.

ZEIT ONLINE: Sie scheinen Ihre Protagonistinnen gerne mit der Kamera zu verfolgen. Warum tun Sie das? Sie wirken wie besessen von ihrer Hauptdarstellerin, in diesem Fall von Léa Seydoux.

Jacquot: Wohl wahr, ich bin besessen von dem, was ich filmen will, also von einem weiblichen Körper. Von dem, was er tut, wie er spricht, wie er sich bewegt, leidet, lacht. In dem Wort "besessen" schwingt jedoch auch die Bedeutung von Missbrauch mit. Dagegen verwahre ich mich.

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ZEIT ONLINE:  Sie erinnern dabei auch mehr an einen Wissenschaftler, der von seinem Objekt fasziniert ist. Es hat beinahe etwas Dokumentarisches, wie Sie die Figur begleiten.

Leserkommentare
    • keibe
    • 31. Mai 2012 22:20 Uhr

    "ZEIT ONLINE: Nach der Premiere in Berlin haben Sie gesagt: Jedes Ende eines Regimes ähnelt sich, vor allem die letzten Tage gleichen einander. Worin gleichen sich die Untergänge?

    Jacquot: In der Panik, die ausbricht. Die Menschen müssen ihr bisheriges Leben, in dem alles festgefügt und gesichert war, sowie ihre Privilegien hinter sich lassen. Alles steht plötzlich zur Disposition. Die Menschen verlieren die Kontrolle über ihr Leben."

    in Deutschland einstweilen noch die Kontrolle über mein Leben bewahren zu können. Und deshalb liebe ich dieses Land und bin stolz -rechts abhold- sein Bürger zu sein.

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    Jedes Regime besteht aus Menschen, die unter den Verkrustungen weich und lernfähig sind. Jeder Betrieb, jede Wohn- und Lebensgemeinschaft kann zum "Regime" werden, und das bleibt auch so, bis die 'Schwachen' mit den 'Starken' nachsehen haben, und trotz allem kommunizieren was sie wollen. Das sich-Einrichten, Abkapseln, Resignieren ist genau so fatal wie die Herrsucht. Deswegen sagt man zu Recht: "Jedes Volk hat die Regierung die es verdient."

    Jedes Regime besteht aus Menschen, die unter den Verkrustungen weich und lernfähig sind. Jeder Betrieb, jede Wohn- und Lebensgemeinschaft kann zum "Regime" werden, und das bleibt auch so, bis die 'Schwachen' mit den 'Starken' nachsehen haben, und trotz allem kommunizieren was sie wollen. Das sich-Einrichten, Abkapseln, Resignieren ist genau so fatal wie die Herrsucht. Deswegen sagt man zu Recht: "Jedes Volk hat die Regierung die es verdient."

  1. Jedes Regime besteht aus Menschen, die unter den Verkrustungen weich und lernfähig sind. Jeder Betrieb, jede Wohn- und Lebensgemeinschaft kann zum "Regime" werden, und das bleibt auch so, bis die 'Schwachen' mit den 'Starken' nachsehen haben, und trotz allem kommunizieren was sie wollen. Das sich-Einrichten, Abkapseln, Resignieren ist genau so fatal wie die Herrsucht. Deswegen sagt man zu Recht: "Jedes Volk hat die Regierung die es verdient."

    Antwort auf "Ich bin froh"
  2. Jedes Regime besteht aus Menschen, die unter den Verkrustungen weich und lernfähig sind. Jeder Betrieb, jede Wohn- und Lebensgemeinschaft kann zum "Regime" werden, und das bleibt auch so, bis die 'Schwachen' mit den 'Starken' nachsehen haben, und trotz allem kommunizieren was sie wollen. Das sich-Einrichten, Abkapseln, Resignieren ist genau so fatal wie die Herrsucht. Deswegen sagt man zu Recht: "Jedes Volk hat die Regierung die es verdient."

    Antwort auf "Ich bin froh"

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