ZEIT ONLINE: Es gibt eine Szene in Ihrem neuen Film Leb wohl, meine Königin! , die ich besonders berührend fand: Die Vorleserin Marie Antoinettes , gespielt von Léa Seydoux, geht darin eine Dienstbodentreppe hinauf. Die Kamera folgt der Frau, zeigt, wie sie kurz zögert und dann durch eine Tür in ihrer Kammer verschwindet. Danach bleiben Sie mit der Kamera nicht bei ihr, sondern filmen den Treppenlauf weiter hinauf, bis das Bild eine leere, graue Ecke fixiert.

Benoît Jacquot: Das sollten Sie mal Léa erzählen – sie wirft mir diese Szene sehr vor und hat mich gefragt, was um Himmels willen ich damit ausdrücken wollte.

ZEIT ONLINE: Was haben Sie ihr geantwortet?

Jacquot: Dass es der kinematografische Versuch ist, den Zuschauer ihren inneren Zustand spüren zu lassen. Zu diesem Zeitpunkt des Films, kurz nach dem Sturm auf die Bastille, verharrt sie in einem Zustand der Sprachlosigkeit und Ungewissheit. Egal wohin sie ginge, es würde sich nichts ändern. Darüber hinaus sind die Wände, die ich zeige, keine schönen, sondern heruntergekommene. Sie bezeugen den desolaten Zustand, in dem sich die Versailler Hofgesellschaft im Juni 1789 befindet.

ZEIT ONLINE: Sie scheinen Ihre Protagonistinnen gerne mit der Kamera zu verfolgen. Warum tun Sie das? Sie wirken wie besessen von ihrer Hauptdarstellerin, in diesem Fall von Léa Seydoux.

Jacquot: Wohl wahr, ich bin besessen von dem, was ich filmen will, also von einem weiblichen Körper. Von dem, was er tut, wie er spricht, wie er sich bewegt, leidet, lacht. In dem Wort "besessen" schwingt jedoch auch die Bedeutung von Missbrauch mit. Dagegen verwahre ich mich.

ZEIT ONLINE:  Sie erinnern dabei auch mehr an einen Wissenschaftler, der von seinem Objekt fasziniert ist. Es hat beinahe etwas Dokumentarisches, wie Sie die Figur begleiten.