Mancher wird jetzt sagen: Das ist doch gar kein richtiger Haneke. Gar kein Rätselstück wie seine böse deutsche Kindergeschichte Das weiße Band (Goldene Palme 2009), wo man so eifrig kriminalistisch auf Tätersuche gehen konnte. Auch kein Suspense wie in dem Paris-Thriller Caché (2005), wo bereits titelgemäß vieles lange im Verborgenen blieb. Und da wir schon bei Titeln sind: Code: unbekannt (2001) – das sollte eigentlich über allen Michael-Haneke-Filmen stehen. Aber hier, in Amour ? Liegt alles so offen da.

Zumindest in gewisser Weise. Sogar ein Code wird ausdrücklich bekannt gegeben, in einer Geschichte, die Georges (Jean-Louis Trintignant) seiner Frau Anne (Emmanuelle Riva) am Krankenbett erzählt. Als er etwa zehn war, schickten die Eltern ihn ins Sommerferienlager. Mit seiner Mutter hatte er einen Geheimcode ausgemacht. Wenn er lauter Blumen auf die Postkarten nach Hause malte, sollte das bedeuten: Alles toll. Sterne dagegen sollten vom Gegenteil künden. Er malte lauter Sterne.

Die Geschichte geht noch ein bisschen weiter, aber schon hier hat sie ihren ersten dramaturgischen Zweck erfüllt. Macht auch nichts, denn Anne ist mit einem Lächeln eingeschlafen. Anne, die er zu Hause pflegt, weil sie Georges das Versprechen abverlangt hat, sie nicht noch einmal ins Krankenhaus zu bringen – wie zuletzt nach der Operation wegen des eher kleinen Schlaganfalls. Und der ging so: Georges und Anne sitzen am Frühstückstisch, und plötzlich schaut Anne ins Leere, gefühlte Minuten lang. Dann ist der Augenblick vorbei und Anne wohlauf, als sei nichts geschehen. Nur dass sie sich an ihre Absence absolut nicht erinnern kann.

Ein – wie man so schön seltsam sagt – rüstiges Musiklehrer-Ehepaar sind sie am Anfang, liebevoll miteinander mit niemals nachlassender Aufmerksamkeit, und sie kehren zurück vom Schubert-Klavierabend eines ihrer längst berühmten Schüler. Selber waren sie früher vielleicht auch mal ordentlich bekannt, aber nun sind sie alt, sehr alt geworden. Wie ihre Wohnung mit den vergilbenden Tapeten, dem stumpfen Parkett, den in so vielen Regalen schief stehenden Langspielplatten und Kunstbänden – und am Fenster zur Stadt da draußen, ziemlich fern, steht der Flügel.

Mit atemberaubender Genauigkeit

Auch die Liebe zu ihrer längst erwachsenen Tochter Eva ( Isabelle Huppert ), die tapfer unglücklich verheiratet in London lebt und selber viel auf Konzertreisen geht, ist ein bisschen gealtert mit den Jahren – oder sollte es umgekehrt sein? Eva jedenfalls kann nicht verstehen, warum Georges Anne nicht in eine Klinik gibt, und ihr Mann Geoff ( William Shimell ) macht dann schon mal der Ordnung halber ein besorgtes Gesicht. Nein, für diese Liebe zwischen ihren Eltern hat Eva sogar noch weniger Verständnis als das Concierge-Ehepaar, das für Georges die Einkäufe erledigt. "Wie soll das weitergehen?", fragt Eva ihren Vater ungeduldig. "Es geht so weiter wie bisher", antwortet Georges in aller Ruhe, "bis es irgendwann zu Ende ist."

So geht dieser Film mit dem so schlichten wie selbsterklärenden Titel Amour, so leise, so ökonomisch, so präzise, so großartig inszeniert, bis er irgendwann zu Ende ist. Er erzählt von jenem Lebensabschnitt namens Alter, in dem die Realität des Sterbenmüssens unausweichlich wird. Von einer Fürsorge auch, die dem verbrauchten Begriff entschieden ins Transzendente entwächst. Vom Entschluss, füreinander da zu sein bis zum Ende – warum auch nicht, wenn man schließlich schon vorher füreinander da war? Der 81-jährige Trintignant und die 85-jährige Riva, deren Karrierehöhepunkte aus einer Zeit stammen, als Wohnungseinrichtungen wie die von Georges und Anne noch üblich waren, spielen ihre todesnahen Rollen mit – wenn man das so sagen darf – atemberaubender Genauigkeit. Und geführt von einem Regisseur, dessen Werk sich von Film zu Film in immer gelassenere Höhen schraubt.

Wird jemand Michael Haneke die zweite Goldene Palme nehmen können? Die Frage ist im Augenblick, wo dieser Film unerbittlich sanft in den Herzen und Köpfen der Zuschauer implodiert, nicht so wichtig. Und was passiert eigentlich ganz am Anfang, noch bevor die beiden vom Konzert kommen und der Film diese Wohnung nie wieder verlässt? Schon wichtiger. So wichtig wie die vorletzte Szene und die letzte, die eher ein Bild ist, das in der Geschichte des Kinos so wenig altern wird wie die Bilder, die in Georges und Annes Wohnung hängen. Aber das alles sollte jeder eines Tages mit eigenen Augen sehen.