Film "The Amazing Spider-Man"Mach's noch einmal, Spinne

Drehen, so lange die Lizenz noch hält: Das frühe "Spider-Man"-Remake aus dem Hause Sony ist angesichts des Zeitdrucks und der geschassten Filmcrew gar nicht so schlecht.

Andrew Garfield ist der neue Vorturner bei Sony.

Andrew Garfield ist der neue Vorturner bei Sony.

Gerade einmal zehn Jahre ist es her, dass Sam Raimi mit Spider-Man einen der populärsten Helden aus dem Marvel-Comic-Universum auf der Leinwand zum Leben erweckt hat.

Zusammen mit zwei weiteren Sequels spülte das Unternehmen weltweit insgesamt fast 2,5 Milliarden Dollar in die Kinokassen. Kurz nach der Jahrtausendwende gehörte Spider-Man zu den wenigen Filmen, die die kreativen Möglichkeiten der digitalen Bildproduktion voll ausschöpften, ohne jedoch Figuren und Story mit dem High-Tech-Muskelspiel die Luft zum Atmen zu nehmen. Künstlerischer Anspruch, cineastische Attraktion und auf den breiten Massengeschmack ausgerichtetes Mainstream-Kino gingen in der Spinnenmann-Trilogie eine ungewöhnlich harmonische Koalition ein.

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Nun konnten die Finanzstrategen im Hause Sony der Versuchung nicht widerstehen, die Gelddruckmaschine noch einmal anzuwerfen. Schließlich sind in harten Zeiten wie diesen sichere Investmentmodelle schwer zu finden und Sony steht unter Druck – die Produktionsfirma muss weitere Spider-Man-Filme drehen, sonst geht die Lizenz zurück an Marvel. Aber manchmal liegt gerade im vermeintlich Sicheren das größere Risiko und das, was man nun mit The Amazing Spider-Man versucht, ist ein durchaus gewagtes Unternehmen.

Statt die Geschichte weiterzuspinnen, spult man sie wieder zurück auf Anfang und erzählt einfach noch einmal neu, wie sich der scheue High-School-Schüler Peter Parker durch einen Spinnenbiss in einen Superhelden verwandelt. Zehn Jahre sind auch in der Ära des Aufmerksamkeitsdefizitsyndroms eine kurze Zeitspanne für ein Remake.

Im Falle von The Amazing Spider-Man lohnt sich jedoch die Neubesichtigung des bekannten Stoffes. Das liegt zum einen an der Regie von Marc Webb, bekannt durch (500) Days of Summer, der die Geschichte des Helden wider Willen in einem sehr viel realistischeren Setting erzählt, die Psychologisierung der Figur vorantreibt und die fast schon melodramatischen Qualitäten der Story deutlich herausarbeitet. Zum anderen setzt die Wahl von Andrew Garfield (Alles was wir geben mussten) als Hauptdarsteller neue, interessante Akzente in der Figur des Spinnenmannes, der hier immer wieder aus der Superheldenecke herausgelockt wird und ein ungewöhnlich hohes Maß an Verletzlichkeit an den Tag legen darf.

Peter Parker ist nicht nur der nette, schüchterne Junge von nebenan, wie ihn Tobey Maguire gespielt hat, sondern eine sichtbar geplagte Seele, die unter dem traumatischen Verlust der Eltern auch als Heranwachsender noch schwer zu leiden hat. Der familiären Hintergrundgeschichte wird in Webbs Variation deutlich mehr Raum gegeben. Sogar der Bösewicht Dr. Curt Conners/Lizard (Rhys Ifans) wird als enger Freund des Vaters mit in die Familienaufstellung einbezogen und ist bis zum biotechnischen Selbstversuch ein Wissenschaftler mit klaren moralischen Prinzipien.

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Das Wechselverhältnis zwischen Macht und Verantwortung wird hier noch klarer konturiert. Die adoleszenten Allmachtsfantasien, die Jugendliche heute vorwiegend an der Spielkonsole ausleben, werden hier mit der Realität in Reibung gebracht und in einen moralischen Reifungsprozess des Helden kanalisiert, der entscheiden muss, wofür und wogegen er seine übernatürlichen Kräfte einsetzt.

Deutlich heruntergekürzt wurden hingegen die romantischen Verwicklungen zwischen dem schüchternen Peter und der smarten Mitschülerin Gwen (Emma Stone). Da hatten Tobey Maguire und Kirsten Dunst deutlich mehr Raum zum Ausglühen. Die visuelle Textur von The Amazing Spider-Man fällt sichtbar düsterer als die farbenprächtigen, surreal anmutenden Bilderwelten Sam Raimis aus.

War der erste Teil der Trilogie noch vor dem 11. September 2001 fertiggestellt worden, trägt die Neuinszenierung deutlich die atmosphärischen Spuren der Post-Nine-Eleven-Ära in sich. Manhattan ist hier nicht bloß eine atemberaubende Kulisse, durch deren Häuserschluchten sich der Spinnenmann schwingen kann, sondern ein verletzlicher urbaner Körper, dessen Herz – der weithin sichtbare gläserne Häuserkoloss der Gen-Tech-Firma "Os-Corp" – im Kampf zwischen Gut und Böse schwer in Mitleidenschaft gezogen wird. 

Insgesamt ist Marc Webb mit The Amazing Spider-Man eine sehr zeitgemäße Version des Comic-Klassikers gelungen, die mit einem stringenten ästhetischen Konzept und in ihrer differenzierten Figurengestaltung selbstbewusst auf eigenen Beinen steht. In den anvisierten Sequels sollten sich die Franchise-Betreiber allerdings für die Weiterführung der Story etwas grundlegend Neues einfallen lassen.

 
Leserkommentare
  1. Wahre Comic Fans stört das nicht das die Geschichte von Anfang springt da auch in den Heften und Büchern neue Autoren und Zeichner "the amazing Spiderman" schon in alle Parallel Universen versetzt haben.

    Die Frage ist nur wie weit steht es um die Fantasie der Allgemeinheit wenn gute Geschichten verändert werden um gute Verkaufszahlen an den Kinokassen zu haben.

    • Soran
    • 26.06.2012 um 13:46 Uhr

    Als ob man mal wirklich das Comic verfilmt hätte, bzw. näher dran ist.

    Schön das Gwen diesmal dabei ist, bin schon gespannt wie sie stirbt ...

    Toby war von anfang an die totale Fehlbesetzung, auch weil er Peter Paker nichtmal ansatzweise ähnlich sieht...

  2. kaum 5 Jahre vergangen, schon wird die Geschichte wieder auf Anfang gestellt und der Hauptdarsteller gewechselt?

    Danke, kein Bedarf.

    3 Leserempfehlungen
    • deDude
    • 26.06.2012 um 15:58 Uhr

    Bald wird Kino wie ein Computerspiel sein. Das Ende und die guten Szenen gibts jeweils im Abstand von ein paar Wochen als "Downloadable Content" nachzukaufen.

    Natürlich nur für "Premium Cineasten"...(für nur 17,50€ im Monat können auch Sie "Premium-Cineast" werden. Wenn Sie noch heute bestellen erhalten Sie kostenfrei das 500. Remake von Godzilla in der Money-Makers-Sonderedition dazu)...

    Ist es denn wirklich nötig heute schon nach 10 Jahren die Remakes aufzufahren?

  3. Raimi's Spider-Man war nicht vor 9/11 fertig - ganz im Gegenteil: 'The owners of the billboards that surround Times Square attempted to sue Sony Pictures Entertainment Inc., Marvel Enterprises, and the other companies involved with the production of Spider-Man for "digitally superimposing advertisements for other companies over their billboard space in the film." The suit was thrown out by a federal judge in New York.' http://www.imdb.com/title...

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    ...der Film war fertig!

    "Filming took place in California and New York City from January to June 2001"

    Quelle
    http://en.wikipedia.org/w...

    ...der Film war fertig!

    "Filming took place in California and New York City from January to June 2001"

    Quelle
    http://en.wikipedia.org/w...

  4. Schlechte Zeiten für das Kino. Nur noch Superhelden auf der Leinwand und alles auf Blockbuster getrimmt.
    Früher gab es nur eine Handvoll Blockbuster pro Jahr - wo man in die Geldkasse griff, um was richtig großes aufzuziehen (vgl. Ben Hur).
    Heute laufen die meisten U.S. Filmprojekte als Blockbuster mit gigantischen Budgets (300 Mio. $ + X), aber irgendwie kommt selten was gutes dabei raus.
    George Clooney hat mal gesagt, es gäbe keine guten Drehbücher mehr, nur noch CGI. Und wer den Trailer gesehen hat, kennt den ganzen Film.

  5. ...der Film war fertig!

    "Filming took place in California and New York City from January to June 2001"

    Quelle
    http://en.wikipedia.org/w...

    Antwort auf "Korrektur"
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    ...und dennoch gibt es Änderungen am ersten Spider-Man Film aufgrund von 9/11: http://en.wikipedia.org/w...

    Erbsenzählerei, ich weiß ;-)

    ...und dennoch gibt es Änderungen am ersten Spider-Man Film aufgrund von 9/11: http://en.wikipedia.org/w...

    Erbsenzählerei, ich weiß ;-)

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