ZDFneo : Ungesehen sehenswert

ZDFneo ist der beste Fernsehsender im Land, so gut, dass ihn fast niemand sehen will. Deshalb ging die neue Chefin auf Werbetour.
Reporter Manuel Möglich mit dem ehemaligen Mitglied der Nutella-Bande, Karate Tommy, in der Sendung "Wild Germany" © ZDF / Julius Theis

Dieser Sender ist ein Mysterium. Es fängt schon mit dem Namen an: ZDFneo ? zdf _neo? Oder doch ZDF 2.0? Mit der Zielgruppe geht's weiter: Fernsehverweigerer und digital natives ? Öffentlich-rechtliches Kernpublikum und kommerziell Abtrünnige? Oder doch eine völlig neue Zuschauerschicht? Auch die Inhalte sind fraglich: Factual Entertainment? Experimentelles Entertainment? Oder alles außer Trash und Langeweile? Wer den wichtigsten Digitalkanal des Zweiten abschließend erklären will, kommt rasch in Erklärungsnot.

Zu viele Unbekannte hängen schließlich in der Abspaltung vom Hauptprogramm, um ihr einen festen Platz zuzuweisen im Meer kostenloser Television. Zwischen einigen Dutzend, im Premiumpaket gar 150, mit der entsprechenden Technik locker viermal so vielen Sendern können eifrige Zapper heute wählen. Von ARD bis QVC, von Vollprogramm bis Astrologiespezialist, von gut 100 deutschsprachigen Angeboten bis, sagen wir, 20 estnischen. Da fällt es schwer, Alleinstellungsmerkmale zu kreieren. Simone Emmelius versucht es trotzdem.

ZDFneo, sagt dessen Koordinatorin, sei eine "öffentlich-rechtliche Programmalternative für 25- bis 49-Jährige", die man mit allem "außer Trash und Langeweile unterhalten, verblüffen, informieren" wolle. Und in der Tat: Seit dem Start am 1. November 2009 hat sich ihr Sender mit dieser reduktiven Komplexität zur festen Größe im kultivierten Fernsehen gemausert. ZDFneo ist somit nicht nur das Beste, was unser Leitmedium seit Beginn des dualen Systems hervorgebracht hat, sondern eine Art Quintessenz des Staatsauftrags, der fast acht Milliarden Euro Rundfunkgebühren rechtfertigt: relevant, lehrreich, spannend, ergo: sehenswert.

Simone Emmelius © ZDF/Carmen Sauerbrei

Umso erstaunlicher, dass Simone Emmelius zehn Wochen nach Amtsantritt eigens in die alte Medienstadt Hamburg reist, um dort den Stellenwert ihres Arbeitgebers darzulegen. ZDFneo mag nämlich noch so tolles Fernsehen liefern – sehen will das Verjüngungsprojekt des heillos vergreisenden Mainzer Mutterschiffs kaum jemand. "Es werden mehr", frohlockt zwar die promovierte Literaturwissenschaftlerin mit 36 Jahren TV-Erfahrung. Aber was, fragt sich auch die Volkswirtin in ihr mit Hang zum Goldschmuck, ist schon eine relative Steigerung auf ein halbes Prozent im Gesamtmarkt und 0,9 im digitalen? Praktisch nichts. Und alles.

Denn wie ZDFneo funktioniert, was ZDF_neo repräsentiert, wo ZDF 2.0 hin will – das weiß ja nicht mal Simone Emmelius so genau. Da bedient sie sich eines PR-Tricks, der schon seit den Zeiten von 30, 60 und 95° funktioniert: dem Dreiklang. Ihrer lautet: "Köpfe, Formate und Genres". Also frische Gesichter wie der Sieger des hauseigenen Moderatorencastings Teddy Teclebrhan oder das MTV-Gewächs Palina Rojinksi, aber auch arrivierte wie Sarah Kuttner und Benjamin von Stuckrad-Barre, die sich nach dem Scheitern im Vollprogramm am Rande der Wahrnehmung austoben. Sie bieten Ungewöhnliches wie die Lebenssinnsendung Herr Eppert sucht… oder Manuel Möglichs Reportagereihe Wild Germany . Und zwar in Genres, die es durchaus schon gab, nur eben nicht so.

Womit wir beim Problem wären: Um 30 Millionen Euro Gebührengeld im Jahr zu rechtfertigen, muss ZDFneo Masse sein und Nische, Primetime und Nachtschleife, Chaos und Ordnung, alles in einem und nichts zu sehr. Simone Emmelius bringt es auf den Punkt: Übertriebene Vergleichbarkeit mit dem ZDF "wäre die Pest", übertriebene Abstraktion "Cholera". Um den Zuschauerschnitt also dauerhaft unter die magischen 50 Jahre zu drücken, will man von der Zentrale "eine gewisse Mainstreamigkeit" lernen, ohne mit dem Strom zu fließen.

Dieses Dilemma trägt sogar einen Namen, besser zwei: Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf. Die Schnittstellen zwischen Sneakers und Oberhemd sind neben edlen Serien von Mad Men bis 30 Rock so etwas wie Aushängeschilder. Es sind aber auch gebrannte Kinder der medialen Pole: Im Privatfunk moderieren sie testosteronsatte Rotzlöffelware, im staatstragenden waren sie als Gottschalk-Ersatz im Gespräch.

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Kommentare

33 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

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Leider für mich nicht empfangbar

Da sage noch mal einer, das öffentlich rechtliche Fernsehen sei seine Gebühren nicht wert. Ich höre oft von ZDFneo, kann ihn aber leider nicht empfangen, was wohl an meinem alten Röhrenfernseher liegen mag.

Es läuft leider sehr viel Müll im Fernsehen, aber die öffentlich rechtlichen Sender sind oft besser als ihr Ruf. Leider aber auch oft zu Zeiten, wo der normale Arbeitnehmer im Bett liegt. Ich könnte auch polemisch werden und fragen, warum wird der ganze Schrott zur besten Sendezeit gezeigt, wo die, die so einen Müll sehen, i.d.R. doch ausschlafen können, während die arbeitende Bevölkerung, die Gebühren zahlt, um 22.45 Uhr keine interessante Sendung mehr anfängt. Die öffentlich Rechtlichen sollten sich frei von der Quote machen, schließlich bekommen sie Gebühren, während die Privaten abhängig von der Werbung sind.

Und bevor wieder das Gemähre von der Zwangsabgabe GEZ losgeht, die Privaten kosten auch. Und zwar Werbung, die ich zwangsweise über die Produkte bezahle, obwohl ich kaum Private schaue.

Ich versuch's...

Die Dame von der GfK, die uns als Haushalt angeworben hat, erzählte uns, dass die meisten sich freiwillig melden, was dazu führt, dass es in einigen Wohngegenden sehr viele GfK Haushalte gibt und in anderen wiederum sehr wenige. Hinzu kommt, dass gewisse Bevölkerungsgruppen extrem unterrepräsentiert sind und deren Fernsehverhalten also nicht dargestellt wird.
In unserem Dorf sind die Damen übrigens von Tür zu Tür gegangen. Bei den größeren Häusern und den besseren Familien sind sie überall abgewiesen worden. In den Mietshäusern hatten sie mehr Glück.
Im übrigen darf man zwar nicht direkt bei einem Fernsehsender angestellt sein, wenn man GfK Haushalt wird, aber ich bin nicht die Einzige gewesen, die so ein Gerät hatte, obwohl ich selbstständig fürs Fernsehen arbeite - im übrigen mit Wissen der GfK.
Und zu guter Letzt das Technikproblem, die GfK Geräte, die wir in den zwei Jahren hatten, waren häufiger kaputt als die Energiesparlampe bei uns im Flur und das will was heißen. Zum Schluss duzten wir den Techniker, da er so häufig bei uns war und er sagte, das würde ständig passieren bei diesen Geräten.
Alles in allem keine gute Voraussetzung für eine repräsentative Messung der Einschaltquoten...

re: details

Vielen Dank.
Es klingt wirklich nicht danach dass das Ganze einen besonderen repräsentativen Wert hätte. Dazu würden die rund 1000 Haushalte zwar statistisch reichen soweit ich weiß, aber sie müssen eben völlig zufällig ausgesucht werden.
Die technischen Probleme sind zwar sehr ärgerlich aber sollten das Ergebnis eigentlich nicht so sehr verfälschen. Wenn man davon ausgeht dass zu irgendeinem Zeitpunkt immer ca 5% der Dinger gerade kaputt sind, müsste man also nur entsprechend mehr Haushalte aufnehmen um das auszugleichen.
Aber ich werd die Quote in Zukunft sicher skeptischer betrachten als bisher ;)

Mehr Geld für Sendeleistung

Kommt halt drauf an, was man sehen will. Ich finde eigentlich alle drei ganz gut, genauso wie die Spartensender von ARD (einsextra,einsfestival, etc..).
Aber auch ZDFinfo kann von Zeit zu Zeit sehr langweilig werden, wenn zB abends eine Hitler-Doku nach der anderen läuft "Hitlers helfer, Hitlers Hund, Hitlers Kieferorthopäde, etc...).
Das soll jetzt nicht heißen, dass ZDFinfo schlecht ist, ich gucke auch ab und zu gerne mal eine Doku über Hitler oder anderes.
Was ich viel schlimmer finde ist, dass ich mit DVB-T IMMER guten empfang habe für RTL und RTL2 jedoch bei den Spartensendern von ARD und ZDF entweder auf gutes Wetter hoffen muss oder sie gar nicht empfange. Man sollte mal mehr in Sendeleistung investieren um langsam die Vorherrschaft der Privaten und damit die allgemeine (stetig steigende) Verdummung ganzer Bevölkerungsschichten aufzuhalten oder zumindest zu verlangsamen.
Aber so wars ja schon immer..Man bekommt halt leichter Aids als einen Schokoriegel..