Tom (Martin Sheen) versucht auf dem Jakobsweg den Tod seines Sohnes zu verarbeiten © Koch Media Filmverleih

Nicht erst seit Hape Kerkelings Bestseller Ich bin dann mal weg erfreut sich der Jakobsweg , der sternförmig aus ganz Europa zur Grabstätte des Apostels Jakobus im spanischen Santiago de Compostela führt, moderner Beliebtheit. Neben Hunderttausenden von Pilgern entdecken auch Filmemacher die Wanderung über den Wallfahrtsweg als Mittel zur entschleunigten Selbstbesinnung. In St.Jacques schickte die französische Regisseurin Colin Serraults eine gut durchmischte Gruppe Großstädter auf Pilgerreise, und nun kundschaftet der amerikanische Filmemacher Emilio Estevez den Jakobsweg als Selbsterfahrungsraum aus.

Der verwitwete Augenarzt Tom Avery (Martin Sheen) führt in Kalifornien zwischen Praxis und Golfclub ein klar abgezirkeltes Leben. Dass sein Sohn Daniel (Emilio Estevez) die Doktorarbeit geschmissen hat, um kreuz und quer durch die Welt zu reisen, kann der alte Herr nicht verstehen. Dann bekommt der Vater einen Anruf, der ihn aus der Lebensroutine reißt: Sein Sohn ist bei der Wanderung über den Jakobsweg tödlich verunglückt. Tom reist nach Frankreich , um die Leiche zu identifizieren und nach der Feuerbestattung die sterblichen Überresten mit nach Hause zu nehmen. Aber dann schnallt er sich spontan Daniels Rucksack um, packt die Urne ein und macht sich auf den Weg, den sein Sohn nicht zu Ende gehen konnte. Mit verbissener Wut wandert er los, um die Trauer zu kanalisieren und um das, was dem verstorbenen Sohn am Herzen lag, besser zu verstehen.

Natürlich trifft Tom auch andere Pilger. Etwa den gutmütigen Jost aus Amsterdam (Yorick van Wageningen), der den Jakobsweg nur geht, um ein paar Pfunde zu verlieren. Vergeblich versucht Tom den geschwätzigen Holländer abzuschütteln und freundet sich widerstrebend mit ihm an, ohne jedoch seine eigene Geschichte preis zu geben. Dem Duo schließt sich die Kanadierin Sarah (Deborah Kara Unger) an, die sich hinter ihrem Zynismus versteckt und am Ende des Weges mit dem Rauchen aufhören will. Schließlich treffen die Wanderer auch noch auf den irischen Reisebuchautoren Jack (James Nesbitt), der seine Schreibblockade auf dem Jakobsweg zu bekämpfen sucht und für die kulturhistorische Kommentierung des Unternehmens zuständig ist.


Obwohl Tom mit seiner Trauer eigentlich allein sein will, löst sich gerade durch das keineswegs konfliktfreie Zusammensein mit den Zufallsbekannten allmählich seine emotionale Erstarrung. Man merkt deutlich, dass Regisseur und Drehbuchautor Emilio Estevez die Rolle des verbissen Trauernden seinem Vater Martin Sheen auf den Leib geschrieben hat. Der amerikanische Schauspielveteran überzeugt hier vor allem in den ruhigen, dialoglosen Sequenzen, in denen Verbitterung, Trauer und Verzweiflung in seinem Gesicht um die Vorherrschaft kämpfen.

Estevez ist bemüht, die tragische Vater-Sohn-Geschichte nicht mit sentimentalen Stereotypen zu erzählen, und landet dadurch oftmals in einer etwas irritierenden Distanziertheit gegenüber den Figuren. Gerade die Mitreisenden scheinen in ihrer dramaturgischen Funktionalität gefangen und entwickeln nur punktuell ein Eigenleben, das über die zugewiesene, grobe Charakterisierung hinausginge. Aber es ist Estevez wirklich hoch anzurechnen, dass er während der Pilgerreise die Widersprüche seiner Figuren nicht restlos wegharmonisiert. Die festgefahrenen Strukturen kommen auf der Wanderung in Bewegung, aber eine aufdringliche Katharsis bleibt den Figuren und dem Publikum glücklicherweise erspart.