Film "Knistern der Zeit"Schlingensiefs Flamme knistert weiter

In Afrika wollte Christoph Schlingensief den Tod abhängen. Sibylle Dahrendorf begleitete den Regisseur für ihren Film "Knistern der Zeit" in sein afrikanisches Operndorf. von Rüdiger Schaper

Christoph Schlingensief́ und Diébédo Francis Kéré, fotografiert von Schlingensiefs Frau Aino Laberenz

Christoph Schlingensief́ und Diébédo Francis Kéré in Burkina Faso, fotografiert von Schlingensiefs Frau Aino Laberenz  |  © Filmgalerie 451

Den Tod kann man nicht besiegen. Aber was sonst hat Christoph Schlingensief getan? Er schrieb, er inszenierte, er machte Pläne, er unternahm nach seiner Krebsoperation Reisen, die selbst einen kerngesunden Menschen auf eine harte Probe gestellt hätten. Schlingensief hat dem Tod nichts geschenkt, denn er ließ nicht zu, dass der Tod ihm noch vor der viel zu kurz bemessenen Zeit das Leben nahm. Dass der Tod sich allzu viel herausnahm, als er noch lebte und kämpfte.

Im Februar 2010 legt er in Burkina Faso den Grundstein für sein größtes, sein letztes Projekt . Das Gelände liegt 30 Kilometer östlich von Ouagadougou, der Hauptstadt des westafrikanischen Staats. Sibylle Dahrendorf ist dabei. Die Filmemacherin begleitet Schlingensief seit vielen Jahren, sie hat den Künstler fürs Fernsehen porträtiert. Aber das hier ist etwas anderes, eine Elegie, wenn auch nicht allzu getragen; es wäre auch nicht in seinem Sinne gewesen.

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Dahrendorfs Kinofilm Knistern der Zeit – Christoph Schlingensief und sein Operndorf in Burkina Faso unternimmt den Versuch, die Aufbruchsstimmung einzufangen, die Euphorie und auch die Skepsis, die Schlingensief mit der Operndorf-Idee auslöste. Es ist also erst einmal ein Film über eine Idee, etwas, das nur in einem Kopf existiert, der andere Köpfe damit infiziert; etwas, das man nicht sehen kann, dafür aber umso kräftiger imaginiert. Oder infrage stellt. Aber das spielt keine Rolle. Jede Debatte befeuert. Das Operndorf hatte von Anfang an einen starken Wachstumsdrang in sich, wie ein soziales Netzwerk, eine "soziale Plastik" im Beuys’schen Sinn. Es wächst, während sein Erfinder dem Tod ins Auge sieht.

Die Zeit muss also zurückgedreht werden. Zurück in die Wochen, Monate, Jahre, als Schlingensief in Afrika nach einem Bauplatz suchte . Als Hoffnung bestand, dass er die Krankheit vielleicht doch besiegen oder weiter zurückdrängen könnte. Man erlebt hier ausschließlich Christoph, den Afrikaner; nichts von seinen früheren Arbeiten, nichts von Bayreuth . Knistern der Zeit will keine Filmbiografie sein. Wer diesen Film sieht, ohne Schlingensiefs Regiearbeiten zu kennen, dem geht es ähnlich wie den Afrikanern, denen er hier mit diesem Irrsinnsding eines Operndorfs, einer Siedlung mit Schule, Krankenstation, Gästehäusern und Festspielhaus entgegentritt wie ein flammender Ritter. Die Zeit springt zurück in die Phase, da noch kein Stein vermauert, kein Euro eingesammelt war.

Und das ist, wenn auch nicht über die gesamten 106 Minuten, fein eingefangen. Wie Christoph Schlingensief seine Ideen versprüht, Menschen begeistert, unbeirrt und unaufhaltsam vorprescht. Seine unbedarfte Art, mit afrikanischen Politikern zu sprechen. Sein geistiges Zupacken, seine Zuversicht, die man mit Naivität oder, was die Krankheit angeht, mit Verdrängung verwechseln könnte.

In der flirrenden Hitze von Burkina Faso läuft man einem fiebrigen Animateur hinterher. Kaum dass Kamera und Mikrofon seine Gedankensprünge nachzuvollziehen in der Lage sind. Francis Kéré , der Architekt aus Burkina Faso, Schlingensiefs wichtigster Partner, sagt einmal, in einem schwachen Moment, sinngemäß: Da haben wir den Salat. Jetzt müssen wir’s bauen.Und dann sein herrliches, optimistisches Lachen. Dahrendorf besucht den alten Kéré, einen Häuptling, in einem anderen Teil des Landes. Papa Kéré hat Tränen in den Augen, denn er vermisst Christoph. Da spürt man: Schlingensief ist in Afrika angekommen, auch über seinen Tod hinaus. Und plötzlich stehen da Häuser, das Dorf nimmt Gestalt an. Christoph Schlingensief stirbt, 49-jährig, im August 2010. Vierzehn Monate später, im Oktober 2011, eröffnet an dem Ort, der nichts als eine Fata Morgana, ein Hirngespinst gewesen war, die Schule. Die Kinder kommen aus der Umgebung, versammeln sich in der elegant-einfachen Architektur, die Kéré entworfen hat. Es passt.

Leserkommentare
  1. Zeitdokument dieser Film - irgendwie erinnert mich die ganze Aktion seitens der eingesetzten Kraft von Schlingensief an einen fiktiven alten Film von Herzog mit Kinski beim Opernhausbau.

  2. sowohl Person als auch das Werk "Schlingensief" völlig, möglicherweise verstehe ich ihn auch einfach nicht.

    • essilu
    • 10. Juni 2012 0:42 Uhr

    ...die Weiterentwicklung des Projektes. In Burkina Faso spitzt sich augenblicklich eine politisch sehr schwierige Situation zu.
    Allen Beteiligten wünsche ich Kraft, Mut und jene echte Leidenschaft, wie sie Schlingensief besaß.

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