Film "Wagner & Me" : Himmelhochjauchzend auf dem Grünen Hügel

Darf man, wenn die eigene Familie im Holocaust ermordet wurde, die gleiche Musik lieben, die Hitler verehrte? Stephen Fry stellt sich dieser Frage in "Wagner & Me".
Stephen Fry auf Schloss Neuschwanstein © Film Kino Text

Erst kürzlich wollte ein israelisches Orchester in Tel Aviv ein Wagner-Konzert geben, erstmals in der Geschichte des jüdischen Staats. Die Musiker scheiterten an Protesten im Land . Der jüdische Dirigent Daniel Barenboim kritisiert den Boykott schon länger; im Interview hat er nun erneut mit klugen Worten erklärt, warum man die Musik des Antisemiten Wagner spielen könne. Da kommt Stephen Fry gerade recht: Der britische Komiker ist Jude und leidenschaftlicher Wagner-Fan und hat einen Gewissenskonflikt: Darf ich als einer, dessen Familie im Holocaust ermordet wurde, die gleiche Musik lieben, die Hitler verehrte?

In Wagner & Me unternimmt Fry eine Recherchereise in eigener Sache. Erste Station der BBC-Dokumentation von Patrick McGrady: die Wagner-Stadt Bayreuth . Dies sei das Allerheiligste, sagt Fry auf dem Grünen Hügel und erschauert vor Ehrfurcht. Er fühle sich wie ein Kind im Süßwarenladen. In der Tat wachsen ihm in Wagners Festspielhaus Privilegien zu, die bislang kaum jemand hatte. Er darf hinter die Kulissen sehen, scherzt mit den Walküren, stöbert im Fundus, besucht die Schneiderei und die Opernchorprobe, sitzt staunend im Orchestergraben, während Christian Thielemann den Ring probiert (stellt Thielemann aber nicht eine einzige Frage).

Mit seinen bunten Jacketts und Polo-Shirts gibt Fry den Opernclown, den naseweisen Tor. Etwa, wenn ihm in der Villa Wahnfried an Wagners Flügel der Tristan-Akkord erklärt wird und er bei der bloßen Berührung der Tasten ganz aus dem Häuschen gerät. Oder, wenn er der Hügelchefin Eva Wagner-Pasquier die Hand schüttelt, nur um verzückt zu raunen, er habe gerade eine echte Wagner berührt.

So schwärmt er, schreckt zurück vor Wagners antisemitischem Pamphlet Das Judentum in der Musik – und schwärmt weiter. Es sind diese koketten Clownerien, gepaart mit der Anbetung von Wagners Werk und denen, die es aufführen, die Frys Recherche ins Leere laufen lassen. Zwar reist er auch zu Wagners Refugium in die Schweiz, zu den Wagnerianern im St. Petersburger Marinsky-Theater und zum Reichsparteitagsgelände nach Nürnberg, wo Fry von heftigen Skrupeln heimgesucht wird. Zwar spricht er über Wagners Eifersucht auf die jüdischen Komponisten Mendelssohn und Meyerbeer, lässt recht beliebig Experten zu Wort kommen und erhofft sich am Ende von einer Cellistin Absolution, die musizierend Auschwitz überlebte. Aber zum Kern des Problems gelangt er nicht – trotz aller biografischen Dringlichkeit.

Der vertrackte Zusammenhang zwischen Wagners Gesinnung und seiner rauschhaften, manipulativen Musik, über den schon viel gesagt und geschrieben wurde, ist ihm keine nähere Betrachtung wert. Warum fragt er nicht bei Barenboim nach, der ja in Bayreuth dirigiert und auch mit dem jüdisch-palästinensischen West-Eastern Divan Orchestra Wagner gespielt hat?

Fry macht es sich zu einfach, wenn er den Ideologen vom Künstler Wagner trennt. Sein Fazit: Wagner ist größer als Hitler, er lässt sich von Hitler nicht auch noch Wagners geliebte Musik zerstören. Das zeugt vor allem von der Naivität eines mit seiner Fragestellung überforderten Schauspielers. Und hinterlässt den unangenehmen Gedanken, dass Bayreuth sich über einen derart hagiografisch "kritischen" Film nur freuen kann. Auf dem Hügel fängt man ja allmählich an, sich offiziell mit der Verstrickung der Festspiele und des Wagner-Clans in den Nationalsozialismus zu befassen.

Erschienen im Tagesspiegel

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Kommentare

19 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

@ 1...

wagner gehört zu den wegbereitern dessen, was Sie verallgemeinernd "politik des 20.jahrhunderts" nennen. sein denken enthielt bereits all jene ideen, die später dem ns-terror zugrundelagen - vom völkischen rassismus bis zur totalitären logik des vernichtungsantisemitismus. "der wagnersche antisemitismus versammelt alle ingredienzien des späteren in sich" (adorno).
die einzige fähigkeit, die es zur heraustrennung des musikalischen ausdrucks aus diesem denken braucht, ist die zur verdrängung.

Oder vielleicht...

"....ist die zur Verdrängung"
Oder vielleicht einfach die Fähigkeit zur Differenzierung, die rechten wie linken Ideologen oft abgeht. Die Fähigkeit, Menschen mit ihren Schattenseiten dennoch ganzheitlich mit ihren Stärken sehen.

Diese Idee, dass man selber ja schon vor dem Faschismus Antifaschist gewesen wäre und die Zukunft vorhersehen hätte können und alle pauschal zu verdammen seien, die das nicht gewusst hätten, ja sie sogar zu Mittätern zu machen, scheint mir nicht sonderlich klug.

Kunst und Politik

Dass Wagner einen entscheidenden Einfluss auf die Politik des 20. Jahrhunderts gehabt habe ... wie soll man das Verstehen ? Sind Wagners Kinder und Enkel Generäle, Politiker, Staatsanwälte, Professoren geworden ? Wo lässt sich eine Spur von Wagner in die Politik des 20. Jahrhunderts wirklich belegen ? Wäre Hitler ohne Wagner in seiner Wiener Zeit KEIN Antisemit geworden ?

Antisemitische Ideen gab es im 19. Jahrhundert überall, nicht zuletzt unter den konvertierten oder auch nur liberalen Juden.

Es ist doch eher so, dass der Künstler Wagner die Strömungen seiner Zeit aufgesogen und literarisch dümmlich, musikalisch grossartig artikuliert hat, eben auch den Antisemitismus, den er nicht erfunden hat - Politik aber spielt auf einer anderen Bühne. Die einzige reale politische Einflussname, die der Rassist Wagner je versucht hat (in München auf Ludwig II.) ist von diesem kühl und bestimmt abgewiesen worden (trotz aller Verliebtheit), ein Reifezeugnis der bayrischen Monarchie und der Alten Eliten.
Dass die Politik später auf einen toten Mann zurückgreift kann man ablehnen, mit Wagner hat das nichts mehr zu tun. Nicht umsonst waren die grossen antisemitischen Wagnerianer darwinistische Engländer, wie Chamberlain und die dumme Winifred, während eine der Wagnerenkelinnen sogar 1938 nach USA ausgewandert ist (und später zurückgekehrt ...)

Wagner taugt nicht zum Sündenbock, den wir endlich in die Wüste schicken könnten - das hat Fry sehr gut vermieden !

Dokumentation richtig verstanden?

Mit Verlaub, aber ich denke der Sinn dieser Wagnerdokumentation ist in diesem Artikel vollkommen missverstanden worden. Es handelt sich um eine Dokumentation mit einem anderen Schema, als wir es in Deutschland gewohnt sind, was ich gerade bei diesem heiklen Thema für einen hervorragenden Ansatz halte.

Sie wurde nicht von irgendeinem "überfordertem Schauspieler" gedreht, sondern von einem britischen Allrounder, der zu Hause als "Nationalschatz" verehrt wird. Er würde sich aus Bescheidenheit niemals anmaßen dieses Thema wie ein Historiker oder als Musikexperte wie Barenboim anzugehen.
In all seinen Dokumentationen geht es immer hauptsächlich um sein persönliches Interesse als Privatperson und er lässt das Publikum eigentlich "nur" an seinem eigenen Wissensdurst teilhaben. Das trifft auch für "Last Chance to See", "The Secret Life of a Manic Depressive" und "Planet Word" zu.

Ich nehme an, dass es ihm auch in dieser Dokumentation nicht darum geht die allgemeine Frage zu beantworten, ob man als Jude Wagners Musik lieben darf. Vielmehr geht es ihm darum sich mit dieser Frage persönlich auseinanderzusetzen - und da darf man zuschauen.

Gerade diese Herangehensweise spricht von einer Bescheidenheit, die wohl zu den Gründen zählt, warum die Briten Stephen Fry so lieben.

Stephen Fry ist vieles, aber eins ist er ganz bestimmt nicht: naiv!

Und daher wird ihm dieser Artikel absolut nicht gerecht.

Einheit von Künstler und Werk?

Wir haben uns spätestens seit den Popkünstlern der 60er Jahre daran gewöhnt, eine absolute Einheit von Künstler und Werk zu erwarten. Daher wird derzeit jedes Werk von der Biographie des Künstlers ausgehend interpretiert. Daher kommt auch der Massentrend zur weltweiten Verbreitung jeder Lebensäußerung via Facebook etc. in der Hoffnung, man möge, wenn es schon kein echtes Werke gebe, doch wenigstens für die pure Existenz seine 25 Minuten Ruhm erlangen.
Ich denke jedoch, es ist falsch! Für das Hören der Musik ist die Biografie Richard Wagners, ja auch sein hingerotztes, antisemithisches Pamphlet, letztlich irrelevant und die Rezeptionsgeschichte im Dritten Reich schon gleich gar.
Was wäre, wenn wir Nichts über seine Person wüssten? Werden die Werke Homers oder Shakespeares unverständlicher, weil wir die Autoren nicht genau kennen?
Ich denke, es gibt eine Unmittelbarkeit der Wirkung von Kunst, die sich sogar dem Künstler selbst entzieht. Genau dies ist wohl Stephen Fry passiert, als er das erste Mal Tannhäuser gehört hat. Solche Momente sind kostbar, und ich wünsche sie uns allen!!!

allmählich

http://www.omm.de/feuille...

seit 1998 beschäftigt sich bayreuth mit wagners antisemetismus ausführlicher. wieviel zeit das jetzt relativ ist muß jeder für sich selbst entscheiden.

und was die angebliche naivität frys an geht: schauen sie mal auf die protestanten und ihren wesentlich ausgeprägteren antisemiten martin luther. haben die sich luther von hitler kaputtmachen lassen?
http://hpd.de/node/12164
und bei luther wäre es nun wirklich angebracht sich die frage zu stellen ob man ihn in diesem ausmaß feieren darf/sollte...

und aus künstlerischer sicht: ist es nicht eher weise das künstlerische werk (welches bei wagner antisemtismusfrei ist) eines menschen von seinen persönlichen ansichten zu trennen? schauen sie z.b. filme mit tom cruise (scientology), genießen sie bach als nicht-christ?