Norddeutschland, irgendwo kurz vorm Deich. Es ist Spätherbst, Nebel wabert oder es stürmt. Regentropfen rinnen an den einfach verglasten Scheiben herab. Eine Frau starrt durch das Fenster in die Ferne. Ihr Gesicht wirkt ein wenig verlebt. Ab und zu bricht die Sonne durch die Wolken. Fast spektakulär sieht das aus – sonst gibt es in dem Film von Markus Busch kaum Farben. Alles ist verwaschen braungrau in dieser deutschen Produktion, die vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen mitfinanziert wurde.

Wer hat Lust auf so einen Film? Doch Die Räuberin ist eine wunderbare Überraschung.

Er ist das Regiedebüt des 1965 geborenen Markus Busch. Davor schrieb er 15 Jahre lang Drehbücher, für den Tatort und für Dominik Graf – Filme, die später oft ausgezeichnet wurden. Nun hat er selbst bestimmt, wie sein Buch umgesetzt werden soll, und es ist ihm geglückt.


Er habe sich ganz von seinen zwei Hauptfiguren leiten lassen, sagt er. Das sind eine Mittvierzigerin, Tania (Birge Schade), und ein junger Jugendlicher, Thore (Daniel Michel). Sie ist eine Künstlerin, die aus München in ein zeitlos ödes Kaff an der Nordsee gezogen ist und dort zeichnet und Plastiken aus Industriegummi formt. Er ist ein Junge mit viel Fantasie und wenig Aussicht, daraus etwas machen zu können. Dort, wo er lebt, gilt er den Menschen als Spinner, "damit sie nicht merken, dass sie selbst bekloppt sind", wie er sagt. Beide sind Außenseiter.

Busch lässt sie gleich in einer der ersten Szenen einander begegnen. Sie steht am Strand und lässt sich vom Wind die Tränen aus den Augen treiben, er kommt aus dem milchigen Nichts auf sie zu, sagt Sätze wie "Die Leute hocken hinter den Fenstern mit einem Sack über dem Kopf" und "Die vergasen im Schuppen die Möwen, bis sie Junge kriegen" und greift ihr an die Brust. Es ist eine völlig unrealistische Szene, aber es stellt sich sofort ein sehr realistisches Gefühl von Seelenverwandtschaft zwischen diesen beiden Menschen ein.

Busch gelingt es, von dieser Begegnung aus einfach weiterzumachen und seine Figuren aufeinander zu zu bewegen, ohne sich eines dramaturgischen Kniffs zu bedienen. Es kommt kein Schicksalsschlag. Der ganz große Skandal, den die Beziehung zwischen einem so jungen Mann und einer viel älteren Frau auslösen könnte, bleibt aus. Es gibt nicht mal irgendein kleines Ereignis, das die Dinge ins Rollen brächte, wie sonst so häufig laut Drehbuch. Busch lässt einfach zwei Menschen aufeinander los.