Thores Absichten und Veranlagungen werden rasch klar: Er ist ein Schüler mit lyrischer Begabung, aber ohne passendes Umfeld. Dabei ist der Junge beileibe kein belesenes Sensibelchen. Er ist ungebildet, hart und – wenn seine feixenden Kumpels um ihn herumstehen – manchmal auch verletzend.

Was Tania in den Norden getrieben hat, bleibt länger unklar. Sie enthüllt es erst nach und nach. Irgendwann stellt sie fest, dass sie etwas für den Jungen tun will und noch viel später, dass sie dafür auch etwas für sich tun muss: ihre Gefühle äußern. Nichts kann dieser verschlossenen Frau schwerer fallen.

Was den Film so wunderbar macht, ist die große Selbstverständlichkeit, mit der Birge Schade ihre Figur spielt. Sie hört, schweigend und kettenrauchend, den Traumaufzeichnungen Thores zu, kauft im örtlichen Supermarkt Brot ein, beschwert sich über die schlechte Qualität, lässt sich Industriegummi liefern, trinkt ein Bier in der Kneipe, erträgt die Männer darin. Sie ist kein Fernsehfilm-Klischee einer midlife-crisis-geschüttelten Künstlerin. Sie ist eine kluge, selbstbewusste Frau, die etwas in ihrem Leben ändern will. Wie, das muss sie wie der Zuschauer erst selbst noch begreifen.

Nur das Warum ist klar. Es gibt eine Szene zwischen Thore und Tania, in der die beiden schon ein gewisses Maß an Nähe aufgebaut haben, Tania aber plötzlich grob und verletzend wird. Mit Worten erniedrigt sie den Jungen so präzise, dass es einem ins Herz schneidet. Und doch ist es das, was Zuneigung und Nähe auch ausmacht: die Macht, den anderen verletzen zu können. Sie habe nie gelernt, gut zu jemandem zu sein, sagt Tania danach. Genau das aber wolle sie nun. Dazu braucht sie Thore. Sie will ihm die Chance bieten, die er in seinem Dorf nicht bekäme: Geld für Bildung und Kontakte zu Menschen, die sein Talent fördern können. So funktioniert das bei Busch: Es ist der schiere Wille zur Veränderung, der die Dinge dann tatsächlich langsam verändert.

"Die Räuberin" ist ein sehr ruhiger Film, in dem es wenig Dialoge gibt, das wenige, was gesprochen wird, aber umso mehr Gewicht erhält. Busch erzählt seine Geschichte ganz aus der Perspektive Tanias und bleibt auch in den Bildern meist bei ihr. Er lässt sie von einer kleinen Kamera filmen, die ihr sehr nahe kommt und die auf einen ganz schmalen Schärfenbereich geregelt ist, sodass manchmal Gesichter ins Unscharfe rutschen. Aber es entsteht ein Eindruck großer Intimität. Und wer sich auf diese etwas ungewöhnliche Geschichte einlässt, wird dafür mit einem Gefühl leise glimmender Hoffnung belohnt, dass nicht alles Bemühen, nicht etwa den anderen, sondern sich selbst zu ändern, vergeblich ist.