David LynchTraumfabrik Hirn

Im Kopf, nicht in Hollywood, entstehen die guten Filme. Niemand beweist das besser als David Lynch, der jetzt auf einer Berliner Konferenz gefeiert wurde. von Felix Stephan

David Lynch

David Lynch  |  © Frazer Harrison/Getty Images

Mit den Ideen ist das meist so eine Sache, sie geben sich gern launisch. Sie kommen eher selten und wenn doch, dann überraschen sie einen hinterrücks in den unmöglichsten Momenten, wenn Stift und Notizbuch gerade sonst wo sind. Das geht Künstlern nicht anders als dem gemeinen Facebook-Status-Kreativen. Deshalb sind echte Ideen auch so selten zu beobachten, selbst in ihrem vermeintlich natürlichen Habitat, in Kunst und Kultur.

Das mag auch mit dem inneren Konformitätsdruck zu tun haben, von dem zuletzt so viel die Rede gewesen ist, also dass alle das Gleiche machen, obwohl sie gar nicht müssten. Das zeitgenössische Kino ist vielleicht das beste Beispiel.

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So einförmig und unverhohlen standardisiert wie heute präsentierte sich die Blockbuster-Industrie noch nie in der vergleichsweise kurzen Geschichte des Mediums Film, dabei war es dank digitaler Technik gleichzeitig noch nie so billig wie heute, einfach einen besseren Film zu produzieren. Es macht nur keiner.

Ein Segen also, dass es Filmemacher wie David Lynch gibt, dessen Filme sich stets streng auf ein ideales Publikum hin entworfen haben, das tatsächlich etwas Seltsames sehen wollte. Ganz gleich, welcher Form sich Lynch während seiner langen Karriere zugewandt hat, er hat in jedem Fall die Genreregeln karikiert: Twin Peaks war eine Kriminalserie, Wild at Heart ein romantisches Roadmovie, Blue Velvet ein Vorstadt-Thriller und doch waren sie es gleichzeitig wieder nicht, aber dafür immer und in erster Linie: Lynch.

Nur lange genug angeln

Mit Ideen verhalte es sich so wie mit Fischen beim Angeln, sagte dieser aus dem praktisch menschenleeren US-Bundesstaat Montana stammende David Lynch einmal: Mal käme ewig gar keiner, dann mal ein großer oder ein kleiner und manchmal kämen sie sogar in Gruppen. Und wenn man nur lange genug angele, habe man einen Spielfilm.

Angeln, Montana: Fast scheint es, als hätte David Lynch dann am meisten Spaß, wenn er ganz alleine ist, was sicherlich eine probate Strategie sein kann, mit dem inneren Konformitätsdruck nichts zu tun haben zu müssen. Wahrscheinlich sehen die Filme auch deshalb häufig aus, als würden sie sich im Kopf eines Narkoleptikers abspielen, in dessen Wahrnehmungswelt sich Realität und Traum permanent begegnen. Genrekonventionen, narrative Logik oder einfachste Alltagsgesetze: Keine dieser normativen Regelzumutungen hat den free spirit David Lynch je daran gehindert, ein irrsinniges Meisterwerk nach dem nächsten zu drehen.

Bei der ersten David-Lynch-Konferenz in Deutschland deutete sich in der Berliner Volksbühne nun auch an, woran das liegen mag: Lynchs Filme sind einfach so dermaßen gründlich mit sich selbst beschäftigt, dass sie niemanden unberührt lassen können, der ihnen einmal zu nahe gekommen ist. Sie greifen direkt in die Psyche ein und halten sich mit den einstudierten Regelsystemen unserer künstlich objektivierten Realität gar nicht erst auf. Lynch, so die These des US-amerikanischen Literaturwissenschaftlers Samuel Weber, ist das letzte Bollwerk, der die Abstraktion vor der Eindeutigkeitsbesessenheit des Gegenwartskinos verteidigt.

Leserkommentare
  1. ...dass es noch Autoren gibt, die sich soviel Mühe beim Verfassen eines Artikels geben. Richtig gut geschrieben. Macht einfach Spaß zu lesen. Und Recht hat der gute Mann auch. Lynch ist eine Klasse für sich.

    5 Leserempfehlungen
  2. Für diesen Artikel.

  3. Guten Tag, Herr Stephan

    Sie schreiben:

    "Bei der ersten David-Lynch-Konferenz, die es überhaupt jemals in Europa gegeben hat,..."

    Wenn ich fragen darf: Wo haben Sie das denn her? Wenn die Veranstalter das gesagt haben, so haben sie gelogen. Bereits 2009 fand in der Tate Modern im vor kurzem jedenfalls noch zu Europa zählenden London das Symposium "Mapping the Lost Highway. New Perspectives on David Lynch" statt.

    Der Respekt vor den britischen Veranstaltern gebietet es vielleicht, den Beitrag diesbezüglich zu korrigieren.

    Schöne Grüße
    Hannes Michalon

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    Freier Autor

    Lieber Herr Michalon,

    Sie haben recht: Das Symposium in London müssen die Veranstalter übersehen haben. Wir haben den Fehler korrigiert. Vielen Dank für den Hinweis.

    Viele Grüße,

    Felix Stephan

  4. Ergänzend zu den vorherigen Kommentatoren, denen ich mich vollauf anschließe, noch ein wenig Footage:

    http://www.screenread.de/...
    https://www.youtube.com/w...
    http://vimeo.com/39542570

  5. Berühmte Männer, die der Droge Religion verfallen, gehen heute normalerweise schlauer damit um als David Lynch:
    http://www.zeit.de/2010/1...

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    macht seine Filme ja nicht schlechter.

    • Akanda
    • 02. Juli 2012 9:39 Uhr

    David Lynch hat in seinem Buch mit dem Titel "Catching the BIG Fish" den kreativen Prozess beschrieben, mit dem er Ideen für seine künstlerische Arbeit findet. Ein wichtige Rolle spielt dabei die Transzendentale Meditation.
    Durch diese einfach zu erlernende und noch einfacher zu praktizierende Meditationstechnik erfährt Lynch die Leinwand in ihrer eigentlichen Natur, auf der sich der Film des Lebens projeziert — ein Reservoir der Kreativität und schöpfenden Energie... .

    Unsere Welt, wie sie uns gefaellt

    Die Uhr steht auf halb neun
    und sieschuetteln die Haende
    Die Haescher der Welt
    und ihr Blick spricht Baende
    Sie filmen und skribeln auf allen Vieren
    und erloesen die Menschheit beim Fabulieren
    und sie drehen das Welten-Rad
    so wie’s ihnen gefaellt
    und haufeln und schaufeln
    OBERFLAECHEN
    10 Huren an den Fingern
    dass die Schenkel schlingern
    mit dem Kaviar in den Haaren:
    FIRLEFANZ UND FANFAREN
    und sie drehen ihre Filme und pfeifen Versprechen
    die sie morgens zeichnen
    und abends schon brechen

    So waechst das Land
    im Unsinn heran....
    Bis dann frueher oder spaeter oder irgendwann
    die Soehne oder die Enkel den ganzen Tand
    aus dem schrillen Gewerkel der verlorenen Vaeter
    und dem Unsinn und dem Bluff der Moechtegern-Taeter
    einem Krieg der Welten oder einem Holocaust
    opfern - Marionetten nicht minder
    heute Opfer, und morgen schon Schinder

    So zerfaellt das Land
    im Irrtum wie eh
    WIE GESAET SO GEERNTET
    so wie’s halt steht
    in den Buechern der Weisheit, doch unbekannt
    einer Zeit, die durch Generationen
    ohne Sinn und Verstand, quer durch Aaeonen
    blindwuetig, gewalttaetig sich verfaehrt, sich verstrickt
    damit die Schicksalsuhr froehlich weitertickt
    fuer ein endloses RUNDHERUM
    und die eine Frage ohne Antwort bleibt
    diese ewige Frage: WARUM ?

    Was sie für Religion halten, wird mittlerweile durch das US-amerikanische Verteidigungsministerium umfassend geprüft und für gut befunden, s. http://fakten-transzenden...

    Das nur mal als kl. Anregung zur Objektivierung der "Religion", Sie finden weitere auf der gleichen website.

  6. von Lynch gesehen, in dem die weiblichen Hauptdarsteller NICHT der unerbittlichen Kinoschönheitsnorm entsprachen. Also nur eine halbherzige Abkehr von der "Eindeutigkeitsbesessenheit" und so gesehen: zu wenig Subversion, dem Standard zu sehr angepaßt.

  7. macht seine Filme ja nicht schlechter.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Seit Jahren trommelt Lynch im Dienst seines spirituellen Auftraggebers: Die David Lynch Foundation for Consciousness-Based Education und World Peace hat sich vorgenommen, sieben Milliarden Dollar zu sammeln.

    http://www.zeit.de/2006/0...

    • Akanda
    • 02. Juli 2012 10:11 Uhr

    David Lynch hat 2011 einen Film mit dem Titel "Meditation, Kreativität, Frieden" veröffentlicht, in dem er seine Tour durch 16 Länder dokumentiert, um für die von ihm ins Leben gerufene 'David Lynch Foundation for Consciouness Based Education' ( www.davidlynchfoundation.org ) der Öffentlichkeit vorzustellen.
    Auf dieser Tour wurde er von Shimon Peres, Nicolas Zarkozy und Kanzler Gusenbauer in Österreich empfangen und unterstützt.

  8. Ehrlich gesagt: Ich habe nie verstanden, was an den Lynchfilmen so großartig sein soll. Im Gegenteil: Inland Empire, Mulholland Drive und Eraserhead sind Filme, die über weite Strecken eher langweilen. Die (oftmals allzu prätentiös) verstörenden Ton-, Bild- und Figurenlandschaften kränken die Seele, füttern den Betrachter mit Input, der dort eigentlich nicht hingehört. Das Spiel mit Diastole und Systole, das Zurschaustellen katatonischer Posen und tieffrequenziger Soundkulissen mag ja in besseren Momenten kunstvoll komponiert sein, aber mir ist das alles zu sehr selbstgerechte L`Art pour L´Art. Lynch war da am besten, wo sich Produzenten eingemischt haben: Der Elefantenmensch und Dune. Klingt pedantisch: Blue Velvet war wohl mehr Klein- als Vorstadt, und dass Blockbuster heutzutage per se blöd sind, halte ich auch für ein Gerücht. Ich würde einen durchschnittlichen Pixarfilm dem gesamten Werk von Lynch sofort vorziehen.

    Eine Leserempfehlung
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    wird sich natürlich mit Lynchs Filmen schwertun, da diese eine gewisse Bereitschaft voraussetzen, sich mit der ästhetisch inhaltlichen Widerständig-/sprüchlichkeit, der Nichtauflösbar-/rationalisierbarkeit auseinanderzusetzen. Mit dem Begriff "Traumfabrik Hirn" hat es Felix Stephan schön auf den Punkt gebracht. Der Sog des scheinbar zufälligen Suggestiven, das unentwirrbare Knäuel aus Assoziativ-Verwobenem mit einigen losen Enden bedarf des Weiterspinnens im eigenen Kopf, dem Traum im Traum, wie Poe es einmal nannte. Bei denjenigen, die sich auf dieses Spiel nicht einlassen können oder wollen, bleibt die Scheibe matt und trübe, sodass sie der für ein solches Kopfkino notwendige Projektorstrahl gar nicht durchdringen und sie innerlich illuminieren kann.

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  • Schlagworte David Lynch | Film | Francis Bacon | Franz Kafka | Angeln | Filmgeschichte
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