Ein Modell der für den Film "Goldfinger" golden angemalten Schauspielerin Shirley Eaton ist in der Ausstellung "Designing 007 - Fifty Years of Bond Style" im Londoner Barbican Museum zu sehen. © CARL COURT/AFP/GettyImages

Wir leben in postheroischen Zeiten. Nach dem Zweiten Weltkrieg ist das Konzept des Helden in die Krise geraten. Militärischer Ruhm gilt in modernen Zivilgesellschaften als anrüchig, Fliegerasse und Frontkämpfer haben als Identifikationsfiguren ausgedient. Doch einen Held hat die westliche Welt immer noch: James Bond. Seit fünfzig Jahren rettet der Geheimagent im Auftrag ihrer Majestät immer wieder die Welt vor dem Untergang. Er jagte Dr. No, Goldfinger und Octopussy, kämpfte gegen Kommunisten, Waffenhändler, Diktatoren oder die "G.O.F.T.E.R" (Geheimorganisation für Terrorismus, Erpressung und Rache). Der 23. Bond-Film Skyfall , der unter anderem in Südafrika , Indien , China und der Türkei gedreht wurde, kommt am 1. November in die deutschen Kinos.

James Bond sei "nicht einfach nur ein populärer Held, sondern ein Held im emphatischeren Sinne des Wortes – wie Siegfried oder Achilles es einst waren", konstatiert Werner Greve in seinem Buch über den Agenten des Zeitgeistes , das pünktlich zu dessen 50-jährigen Leinwandjubiläum erscheint. Zu dieser archaischen Form des Heldentums gehört, dass Bond im Dienst höherer Ideale agiert, sich dabei auf seine eigene Willenskraft verlässt und keine Skrupel kennt. Als er in GoldenEye (1995) gefragt wird: "Können alle Martinis die Schreie der Getöteten übertönen?", zuckt er nur mit den Achseln. Bond ist kein Grübler, das unterscheidet ihn von den gebrochenen Helden aus Filmen wie der Bourne - oder der Stirb langsam -Serie.

Greve, der an der Universität Hildesheim Psychologie lehrt, ist bekennender Bond-Fan und versucht trotzdem, das Phänomen mit wissenschaftlicher Distanz zu betrachten. Seine Begeisterung für das Thema entstand, als er Ende der siebziger Jahre in einem Kino am Berliner Kurfürstendamm alle bis dahin entstandenen Bond-Filme in chronologischer Reihenfolge sah. Überraschenderweise habe sich damals bei ihm "keine Langeweile, nicht einmal Ermüdung" eingestellt. Von Bond, davon ist er überzeugt, lässt sich etwas lernen. Die Filme seien "nicht nur in den offensichtlichen (Mode, Technik, Politik), sondern auch in den weniger offensichtlichen Punkten sozialen Miteinanders höchstsensible Messinstrumente des Zeitgeistes".

James Bond ist ein Kind des Kalten Krieges . Erfunden wurde er von dem britischen Schriftsteller Ian Fleming , der im Zweiten Weltkrieg für den Geheimdienst gearbeitet hatte und von 1953 bis zu einem Tod 1964 zwölf Bond-Romane schrieb. Dabei legte er großen Wert auf die möglichst präzise Beschreibung der Dinge, die den Geheimagenten umgeben, seine Getränke, Zigaretten, Kleidungsstücke, Autos und Waffen. Dieser Oberflächenrealismus gilt als "Fleming-Effekt" und bildete die Grundlage für das Product Placement der Filme. Schon bald nachdem der Produzent Albert R. Broccoli im Herbst 1962 James Bond jagt Dr. No ins Kino gebracht hatte, begann eine "Bondomanie". 1965 lag unter neun von zehn amerikanischen Weihnachtsbäumen mindestens ein Bond-Accessoire. Bond gehört zu den stärksten Marken des 20. und 21. Jahrhunderts. Broccoli schätzte, dass weltweit jeder zweite Mensch wenigstens einen Bond-Film gesehen habe. Bis heute sollen die Filme mehr als vier Milliarden Dollar eingespielt haben.

Bond ist ein Hedonist, der Luxus sein Lebenselixier. Das Product Placement wurde oft kritisiert ( "Buy another day" ), doch für Greve gehört es zur Identität der Filme: "Es macht Bond glaubhaft, realistisch, gegenwärtig." Denn wenn es all das, was der Agent trägt und trinkt, womit er fährt und feuert, tatsächlich gibt, dann muss es ihn selber wohl auch geben. Für Greve ist Bond ein Meister des "successful aging", des erfolgreichen Alterns. Seine Anpassungsfähigkeit zeigt sich am Wandel der Gegner, gegen die er anzutreten hat. Anfangs entspricht das Gut/Böse-Schema noch den Fronten des Kalten Kriegs. Dr. No ist ein Halbchinese, die Drahtzieher in Liebesgrüße aus Moskau haben KGB-Kontakte, Goldfinger kollaboriert mit fernöstlichen Kommunisten, um die Atombombe zu bekommen.