Biennale Venedig: Gott sitzt mit im Kinosaal
Alberto Barbera, der neue Chef der Filmfestspiele in Venedig, demonstriert mediale Askese. Sein Programm ist ein Bekenntnis zum Filmthema Glauben.
© Christine Pettinger/Getty Images

Laetitia Casta bei der Premiere von "The Reluctant Fundamentalist"
Der neue Mann passt zum Italien des Mario Monti: kein Glamour und Glitter wie zu Berlusconi-Zeiten, sondern Klarheit und Wahrheit, auch wenn sie wehtun sollten. Also hat Alberto Barbera, der schon mal, von 1999 bis 2001, Filmfestchef war in Venedig, bevor er von der Berlusconi-Administration gefeuert wurde, das Programm radikal verschlankt und dabei manche italienische Regieprominenz gar nicht erst eingeladen. Und der 69. Mostra eine Eröffnung beschert, wie sie in ihrer Nüchternheit den feierfreudigen Italienern wohl eine Weile schmerzhaft in Erinnerung bleiben wird. In Sachen Bescheidenheit ging Barbera gleich mit strengem Beispiel voran: kein Bussi-Bussi auf dem Roten Teppich, wie man das aus Cannes und Berlin kennt, sondern stattdessen der Glanz der besonderen Art. Jener durch Abwesenheit.
Nun, im Saale nahm Gastgeber Alberto Barbera selbstverständlich Platz, wenn auch ein wenig abseits. Wie tröstlich für die vielen Schaulustigen draußen in der Abendhitze am Lido, dass zu der vom US-Regisseur Michael Mann geleiteten, mit Feuilletonprominenz von Marina Abramovic bis Ari Golman und Matteo Garrone ehrgeizig besetzten Jury auch die schöne Model-Schauspielerin Laetitia Casta gehört: Da hatten die Fotohandys reichlich zu tun. Und die Inderin Mira Nair, die schon 2001 mit ihrem Venedig-Siegerfilm Monsoon Wedding Sinn für leuchtende Bollywood-Oberflächen bewiesen hatte, brachte für The Reluctant Fundamentalist immerhin die betörende Kate Hudson und den hintergründig charmanten Liev Schreiber mit. Die Beiden genossen ihren Auftritt auf der "passerella" ausführlich – noch gerade so in Kurzfilmlänge.
In Mira Nairs Eröffnungsfilm ist allerdings Schluss mit lustig, und das von Anfang an. Im pakistanischen Lahore ist ein US-Professor entführt worden, mit der Tat sollen muslimische Häftlinge freigepresst werden, und die CIA ist erbarmungslos bereit, jedes amerikanische Leben zu retten. Liev Schreiber gibt den Journalisten Bobby: In Verhandlungen mit dem pakistanischen Feuerkopf und Jungprofessor Changez Khan (Riz Ahmed), der offenbar beste Verbindungen zu den Mujaheddin hat, will er das Schlimmste verhindern.
Das Zweigespräch bildet, nach einer autobiografischen Erzählung von Mohsin Hamid, den Rahmen für eine lange – und manchmal langatmige – Rückblende in Changez Khans Leben: Der Princeton-Absolvent steigt im New Yorker Business-Milieu steil auf, bis der Anschlag vom 11. September und die Homeland-Security-Paranoia den Asiaten mit einem Schlag zum Außenseiter machen. Als auch noch seine Beziehung zur Nichte des Firmenchefs zerbricht, schmeißt er den Job und geht zurück nach Lahore. Das fundamental kapitalistische Prinzip des Geldscheffelns ist ihm fortan zuwider, für den islamischen Fundamentalismus allerdings kann sich der intelligente Skeptiker auch nur "reluctantly", widerstrebend, erwärmen. So mündet – mitten in der brodelnden und von Kameramann Declan Quinn suggestiv bebilderten Atmosphäre Pakistans – The Reluctant Fundamentalist in einen zutiefst humanistischen Appell. Christen würden wohl Nächstenliebe dazu sagen.
Fast ist es, als machte sich das Festival mitten in einer Zeit tiefer europäischer und globaler Verunsicherung diese Botschaft selber zu eigen. Glaube ja, Fanatismus nein: Darauf scheinen sich die wesentlichen Filme der ersten Tage mühelos zu einigen – und sie predigen den gemeinsamen Nenner, um es vorsichtig auszudrücken, mit einiger Beharrlichkeit.
Eine Komödie? Eine Tragödie? Eine Farce?
Der Österreicher Ulrich Seidl lässt auf die in Cannes gezeigte afrikanische Prostitutionsstudie Paradies: Liebe mit Paradies: Glaube den zweiten Teil einer Trilogie folgen, wobei Seidls Paradiese grundsätzlich als Hölle zu verstehen sind. Diesmal geht Maria Hofstätter als Krankenschwester Anna in ihren Sommerferien einem selbstverordneten Zweitjob nach: Bepackt mit hölzernen Marienstatuen wandert Anna von Tür zu Tür, um wildfremde Sünder zum Katholizismus zu bekehren. Erschwerend kommt hinzu, dass ihr querschnittsgelähmter Mann, ein Ägypter und überzeugter Muslim, plötzlich wieder bei ihr einzieht. Eine Komödie? Eine Tragödie? Eine Farce? Eine tieftraurige und zugleich – für Seidl-Verhältnisse – hoffnungsfrohe Geschichte darüber, wie der Panzer eines Menschen langsam zerbricht.
Mit Haifaa al-Mansours Debüt Wadjda, dem ersten Film überhaupt, den je eine Frau in Saudi-Arabien gedreht hat, dürfte die große Religionsunterrichtung dieses Festivals weitergehen: Die zehnjährige Wadjda sucht einen Weg, sich gegen die geistig-seelisch-körperliche Totalverschleierung, die ihr als Frau droht, zur Wehr zu setzen. Und mit welchen Lehren wird der heftig erwartete The Master von Paul Thomas Anderson aufwarten, der sich unter anderem die Biografie des Scientology-Gründers Ron Hubbard vorgenommen hat?
Da tut zwischendrin ein Film gut, der so gar nichts mit dem offenkundigen Großthema Glaube in Venedig zu tun hat. Jedenfalls scheinbar. Xavier Giannolis Superstar erzählt von dem Recyclingfabrikarbeiter Martin Kazinski (Kad Merad), der eines Morgens plötzlich berühmt wird. Ein Niemand, den alle kennen, der nun aber erst recht ein Niemand bleiben will. Tatsächlich trägt die eine clevere Idee, angereichert durch eine melancholische Fast-Liebesgeschichte, den ganzen Film. Wobei er, über schlichte Medienkritik hinaus, dann doch selber fundamental – und fundamentalistisch – spüren lässt, wie die Öffentlichkeit ein Individuum fast in den Wahnsinn hetzen kann. Nur ist diese Öffentlichkeit nicht mehr bloß das böse Fernsehen, sondern Fotohandys, Youtube, das Internet – also wir alle, wir User, wir Uploader, wir Mittäter. Und der Glamour? Der klebt dem armen Martin Kazinski wie Kaugummi am Schuh: Schon klar, warum Alberto Barbera auch diesen Film im Wettbewerb haben wollte.








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