Sie waren viele, doch sie waren nicht stark genug. 100.000 Menschen protestierten am 28. Februar 1981 an der Unterelbe gegen den Bau des Atomkraftwerks Brokdorf . Es war die bis dahin größte Demonstration gegen die Atomindustrie in der Bundesrepublik, der vorläufige Höhepunkt einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung, die das Land noch 30 weitere Jahre in Atem halten sollte.

Vermummte Demonstranten versuchten damals, gewaltsam das Baugelände zu besetzen. Die Polizei schlug mit Wasserwerfern, Knüppeln, Tränengas und chemischen Keulen zurück. Es kam zu heftigen Auseinandersetzungen und etlichen Verwundeten und Festnahmen. Doch es half alles nichts: Der Reaktor, Symbol des Widerstands der Anti-AKW-Bewegung, ging fünf Jahre später im Herbst 1986 in Betrieb. Trotz weiterer Großdemonstrationen und trotz des Reaktorunglücks in Tschernobyl ein halbes Jahr davor.

Doch nicht von den Großschlachten um Brokdorf, sondern vom jahrzehntelangen Kampf der Anwohner gegen das "Ding am Deich" handelt die gleichnamige Dokumentation der Filmemacherin Antje Hubert. Er erzählt in ruhigen Bildern und langen Gesprächssequenzen, wie sich das erste ungläubige Erschrecken der Milchbauern und anderen Dorfbewohner des kleinen, abgelegenen Ortes nördlich von Hamburg über die geplante Atomanlage vor ihrer Haustür allmählich in Protest und Widerstand wandelte. Wie sie sich über die von der Landesregierung und den Stromkonzernen verschwiegenen Gefahren informierten, wie sie sich dadurch politisierten und bunte, vielfältige Protestformen ersannen. Und wie der jahrzehntelange, vergebliche Widerstand immer stärker ihren Alltag und das Dorfleben beherrschte.


Der Film beginnt mit nahezu in schwarz-weiß gehaltenen Bildern aus dem Herbst 1976: Einige Dutzend Menschen demonstrieren in gelben Öljacken auf dem Deich gegen die kurz zuvor bekannt gewordenen Pläne, in der idyllischen Marschlandschaft im Einzugsgebiet von Hamburg einen weiteren Reaktor zu bauen, unweit der Atommeiler von Krümel und Brunsbüttel . Im Hintergrund ziehen Ozeanriesen vorbei.

Fast 35 Jahre später, noch vor Fukushima , erzählen die inzwischen ergrauten Milchbauern, Schiffsbauer und Anführer des örtlichen Protestes in ihren Wohnzimmern, mit Blümchentassen in der Hand, was sie damals dachten, als sie zum ersten Mal von dem Atomkraftwerk hörten, das neben ihren Höfen, Kuhställen und Einfamilienhäusern errichtet werden sollte. Wie sie sich von der Politik immer stärker verraten und verkauft fühlten, je länger die Auseinandersetzung dauerte und je heftiger sie wurde. Und wie der Kampf gegen das "Ding", wie sie es selber immer wieder ohnmächtig nennen, mit Transparenten an ihren Höfen, der Atomkraft-Nein-Danke-Flagge mit der lachenden Sonne, mit Mahnwachen und ersten Bauplatzbesetzungen ihr Dorf spaltete in Befürworter und Gegner.

"Wir waren ganz konservative Bürger", erzählt eine Milchbäuerin in dem Film, und ihr Mann nickt ernst dazu. "Unser Alltag verlief bis dahin ohne Aufregung." Dann kamen die Baumaschinen, und mit ihnen Zehntausende AKW-Gegner, berittene Polizisten und die Wasserwerfer. So kam die große Politik in ihr kleines Dorf.

Es sind solche langen Einstellungen und der nachdenkliche Erzählton, die den Dokumentarfilm von Antje Hubert eindrücklich machen. Die Betroffenen dürfen in Ruhe erzählen, die Kamera schaut ihnen bei der Erinnerungsarbeit zu, und man sieht ihnen die Betroffenheit an, wenn sie – manchmal stockend und mit Tränen in den Augen – berichten, wie der Widerstand gegen den Reaktor ihre eigenen Einstellungen verändert hat. Und wie nicht wenige über die Jahre resignierten, weil das "Ding" irgendwann dann doch stand und ans Netz ging.