Film "360"Was Männer zu Frauen zieht und umgekehrt

In dem Episodenfilm "360" schickt der brasilianische Regisseur Fernando Meirelles seine Figuren auf Weltreise. Sie müssen die Liebe in Zeiten der Globalisierung erkunden. von Jan Schulz-Ojala

So modern das alles. Die Flugzeuge, die sogar durch Traumbilder schweben, die Airport- und Business-Hotels, die Luxuslimousinen, in denen Schusswaffen und Geldkoffer durchs grenzenlose Europa reisen, oder das Denver von heute, das geradewegs an der Donau liegen könnte oder am Don. So modern vernetzt auch die Leute: Früher hat man per Brief Schluss gemacht, heute klicken Verlassene auf Start und gucken das Goodbye-Video auf ihrem Flatscreen. Und erst die interkontinentalen Zusammenhänge! Wenn in China ein Sack Reis umfällt, gehen auf Feuerland die Kurse in den Keller. So hieß das doch, oder so ähnlich.

Fernando Meirelles360 , sein vierter Film nach dem furiosen City of God (2002), bietet sich eifrig als Beitrag zu solchem Globalisierungsgroove an. In schickem visuellem Gewand, dramaturgisch der Kreisstruktur von Arthur Schnitzlers Reigen verpflichtet, erzählt er dann aber doch lieber Geschichten von Liebe, Ehe, Treue – mit ganz, ganz viel Moral. So modern das alles? Oder so konservativ? Ist unser bereits in die Jahre kommendes 21. Jahrhundert derart retro, dass es sogar jenes ferne Fin de Siècle, in dem Schnitzler seinen Bühnenschocker schrieb, grausen würde?

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Mit neun verschiedentlich vernetzten Personen, fünf Satellitenfiguren nicht hinzugezählt, reist "360" von Bratislava nach Wien , London, Denver, Phoenix und über Paris zurück nach Wien. Da gibt es fragile Ehepaare (eines gespielt von Jude Law und Rachel Weisz, das andere von Dinara Drukarova und Vladimir Vdovichenkov), ein dem Untergang geweihtes Beziehungsgefüge (Juliano Cazarré und Maria Flor) und slowakische Schwestern (Lucia Siposová und Gabriela Marcinkova), die ihr Glück recht robust im nahen Österreich suchen. Und einen älteren Herrn ( Anthony Hopkins ), der in der Economy Class nicht ungern mit jungen Sitznachbarinnen ins Gespräch kommt. Fast alle haben sich in irgendwie zerquälten, von Selbstvorwürfen geprägten Verhältnissen festgezappelt.


Keine Frage, die Freiheit ist anderswo – und der Film wird, mit wachsend schamloser Ausdrücklichkeit, nicht müde, die Freiheit zu preisen. Gemeint ist dabei allerdings, wie die parallel zum lockeren Geschehen immer fester geschnürte Beweisführung verrät, nahezu ausschließlich die Freiheit zum Ehebekenntnis. Außereheliche Anziehung, gar Sexualität ohne Bindungsversprechen, führt schnurstracks zum Übel. Wenn sich ein – nicht ganz lebensfremdes – Annäherungsbedürfnis zwischen Unbekannten nicht vermeiden lässt, dann bitte in aller Unschuld, spätere Hochzeit nicht ausgeschlossen. Zweimal ist hierfür verblüffend viel weibliche Zutraulichkeit vonnöten. Eine sehr hübsche, wenngleich frisch betrogene junge Frau schmeißt sich dem nächstbesten pickeligen Sextäter an den Hals, und einmal genügt ein Männerpfiff wie auf der Baustelle, um ein nie ohne ein gutes Buch anzutreffendes Mädchen ins Auto eines wildfremden Bodyguards zu locken. Na, wenn der aber seine Dostojewski-Gesamtausgabe auf dem Rücksitz hat ...

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Ist also alles hanebüchen, was Meirelles da nach einem Drehbuch von Peter Morgan ( Die Queen ) ein bisschen zugespitzt hat? Ja und nein. Denn es gibt, etwa in einem Monolog von Anthony Hopkins, in der Verlorenheit des von Jude Law verkörperten Geschäftsmanns oder auch in feinen Charakterskizzen von Nebenfiguren (Ben Foster, Jamel Debbouze) immer wieder schöne Solitär-Momente, die in den Restfilm hinüberflirren. Zu schweigen von der eleganten Verknüpfung der Episoden und der von Adriano Goldman geführten Kamera, die Gesichter so suggestiv feiert wie die urban verspiegelten Landschaften, in denen sie nur mehr wie Schemen zu siedeln scheinen.

Es gibt allerlei gute Gründe, diesem Film richtig böse zu sein – nicht zuletzt wegen des massiven Bezugs zu Schnitzler, der dramaturgisch so viel ökonomischer und vor allem imponierend wahrheitssüchtig von dem erzählt, was Männer zu Frauen zieht und umgekehrt. Großzügigeren Naturen sei einstweilen jene Strategie empfohlen, die sich auch bei der Besichtigung gewisser Blockbuster bewährt. Man setzt sich einfach rein ins Karussell und genießt den Schwindel.

Erschienen im Tagesspiegel

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    • Schlagworte Film | Anthony Hopkins | Jude Law | Blockbuster | China | Bratislava
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