Als die DDR verkauft wurde, konnte der Thyssen-Konzern alles kriegen, was er haben wollte. Daran erinnert sich Christoph Partsch, zu Beginn der neunziger Jahre Vertragsmanager bei der Treuhandanstalt. Mehr als zweihundert ostdeutsche Betriebe seien in den Besitz der Essener übergegangen. Mindestens ein Kauf endete in einem Riesenskandal. Thyssen soll, als der Konzern gemeinsam mit seinem Vertragspartner Elf Aquitaine die große Raffinerie in Leuna baute, die öffentliche Hand um Hunderte Millionen Mark Subventionen betrogen haben.

Es ist nur ein spektakulärer Fall von vielen, die der Film Goldrausch – Die Geschichte der Treuhand schildert. Immer wieder geht es um Bestechung, Betrug, Bereicherung, die Gier einiger auf die schnell gemachte Million und die tiefe Angst vieler um ihre nackte Existenz. Diese Geschichte hat alles, was ein guter Wirtschaftskrimi braucht. Nur dass sie in der Realität spielte, in der am Ende Tausende Betriebe geschlossen, mehr als zwei Millionen Arbeitsplätze vernichtet und Millionen ihrer Existenz beraubt waren, während die Betrüger teils straffrei ausgingen. Mehr als zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung zeichnet die Dokumentation, deren Regisseur ungenannt bleiben will, nach, wie es dazu kommen konnte.

Wer auch immer gute Verbindungen zu einem Treuhand-Mitarbeiter hatte, berichtet Partsch in dem Film, wurde empfangen "und konnte sich im Prinzip kaufen, was er wollte". Es habe Investoren gegeben, denen er noch nicht einmal einen Gebrauchtwagen verkauft hätte, und die dennoch aufreizend freundlich behandelt worden seien. Die Treuhand-Mitarbeiter aber hantierten unkontrolliert mit Millionenbeträgen. "Niemand hat darauf geachtet, was mit dem Geld passiert", sagt Partsch. Wer wollte, hätte enorme Summen zur Seite schaffen können.

Westdeutschland, ein anderer Planet

Der Film zeigt den Jubel der Ostdeutschen über Wiedervereinigung und Währungsunion und die Hoffnung der Bürgerrechtler, die ursprünglich durch die Treuhandgesellschaft allen DDR-Bürgern Anteile am Staatsvermögen überschreiben wollten, aber mit ihrem Plan scheiterten. Man sieht Politiker, die mit der Privatisierung der Staatsbetriebe ihre eigenen Interessen verfolgten oder von der neuen Marktwirtschaft schlicht überfordert waren; die Ganoven und Glücksritter, die im Osten schnell reich werden wollten; die empörten Arbeitnehmer, die sich von den neuen Chefs betrogen fühlten; und mittendrin die Beamten der Treuhand – manche ambitioniert und mit den besten Absichten, andere Betrüger wie die Investoren, mit denen sie gemeinsame Sache machten.

Getragen wird die Dokumentation von den Erinnerungen der damaligen Protagonisten. Besonders eindrücklich ist die Erzählung von Detlef Scheunert, einem der wenigen Ostdeutschen mit einer Treuhand-Spitzenposition. Anfangs zuversichtlich und voller Ehrgeiz, die Verhältnisse positiv mitgestalten zu können, wurde ihm schnell klar, "was noch passieren wird in diesem Land. Dass es Gewinner und Verlierer geben wird, und man sich entscheiden muss, auf welcher Seite man steht." Anders als seine West-Kollegen kannte Scheunert manche der Betriebe, um die es ging, und ihre Arbeitnehmer persönlich – und litt, wenn er sie abwickeln musste.

Zwischendurch referiert eine Sprecherin aus dem Off die wichtigsten Fakten aus der Geschichte der Treuhand. Ein wenig wirkt das wie im Sozialkundeunterricht, aber das Lehrerhafte ist schnell vergessen, wenn der Film Original-Fernsehaufnahmen aus den neunziger Jahren zeigt. Es sind die stärksten Szenen von Goldrausch . Sie lassen die Umbruchjahre wieder lebendig werden: die anfängliche Euphorie und das Selbstbewusstsein der Ostdeutschen, die gegen das sozialistische Regime aufbegehrt und gesiegt hatten. Die Verzweiflung der Bürgerrechtler, als ihre Pläne sich zerschlugen. Die Zukunftsangst und der Kampf um die eigene Geschichte, die eigene Identität. Der Zorn, von den Invasoren aus dem Westen überrollt und niedergemacht zu werden. Im Osten mag bis heute nichts davon vergessen sein – im Westen aber ist vieles schon verdrängt, obwohl es noch nicht lange her ist.

Anfang 1991 war Ostdeutschland in Aufruhr. Es gab Hungerstreiks und Demonstrationen, die Leute machten die Treuhand für den wirtschaftlichen Zusammenbruch verantwortlich. Scheunert fuhr nach Bonn , um der Regierung die Dramatik der Lage klarzumachen. Doch die Beamten hatten kein Gefühl für die Verhältnisse im Osten: "Ich hab nicht gedacht, dass das das gleiche Land ist. Ich hab gedacht, das ist ein anderer Planet", erinnert sich Scheunert. Selbst nachdem Treuhand-Chef Detlev Karsten Rohwedder durch RAF-Terroristen ermordet worden war, lief die Privatisierungsmaschinerie unvermindert weiter.

Am Ende siegte die Marktwirtschaft. Rund 85 Prozent der überlebenden ehemals volkseigenen Unternehmen sind heute in westdeutscher Hand. Einen "Triumph" nennt es der ehemalige Treuhand-Vorstand Klaus-Peter Wild im Film, und ergänzt: "Ich weiß nicht, ob die Marktwirtschaft das verdient hat."