Krimikomödie"Poh Pooh Bee Doo" in der französischen Provinz

Irgendwo im Jura-Gebirge wird ein hübsches Starlett tot aufgefunden. Eine französische Krimikomödie macht daraus ein überraschend unterhaltsames "Twin Peaks"-Remake. von 

50 Jahre ist sie nun tot und man kommt in diesen Augusttagen kaum herum um Bilder von ihr – alte bekannte oder neu aufgelegte, auf alle Fälle sehr blonde und man verspürt wenig Lust auf einen Film mit dem banal heischenden Titel Who killed Marilyn? . Da will sich nur noch einer Aufmerksamkeit erkaufen. Doch die kleine Kriminalkomödie verlegt den großen Star überraschend witzig in die französische Provinz.

Mitten im Winter unter einer dicken Schneedecke wird die Leiche der jungen Candice Lecoeur gefunden. Wie ihr zartes, kaltblau schimmerndes Gesicht da unter den Schneekristallen hervorkommt, erinnert es unmissverständlich noch an eine ganz andere schöne Leiche: an Laura Palmer aus der amerikanischen Fernsehserie Twin Peaks . Der Regisseur und Drehbuchschreiber Gérald Hustache-Mathieu muss ein Fan von ihr sein.

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Mouthe, so heißt das Kaff im französischen Juragebirge nahe der Schweizerischen Grenze, könnte ebenso gut wie Twin Peaks im US-Bundesstaat Washington liegen. Dort gab es einen Ermittler, der zum FBI gehörte, hier nun einen, der gerne zum FBI gehören würde. Es gibt ein merkwürdiges Hotel mit merkwürdigen Figuren darin und noch viel bemerkenswerteren Inneneinrichtungen und etliche Menschen, die die Tote kannten und eine mehr oder weniger klare Beziehung zu ihr hatten – alles so oder sehr ähnlich schon in Twin Peaks großartig gewesen.


Doch wo David Lynch und Mark Frost, die beiden Erfinder von Twin Peaks , mystische Elemente integrierten, um der Serie eine, wenn auch verspielte, Düsternis zu verleihen, dient alles Mystische Hustache-Mathieu nur düsterner Verspieltheit: Ihre Hauptperson glaubt, sie sei die wiedergeborene Marilyn . Wie der echte Leinwandstar entdeckt Candice (Sophie Quinton) ihr Talent für die Kamera über das Modeln. Sie posiert für Kalender, wirbt für einen Käse aus der Region und räkelt sich vor der Wetterkarte eines Lokalsenders. Dabei verdreht sie allen anwesenden Herren den Kopf. Der Film treibt die Parallelen zwischen Candice und Marilyn binnen kürzester Zeit so weit, dass er Gefahr läuft, als Soap-Opera zu scheitern. Doch statt aufzuhören, macht Gérald Hustache-Mathieu mit seiner Idee flott weiter – und hebt glücklich ab. Candice alias Marilyn heiratet ein Sport-As, hat dann eine Affäre mit einem Literaturkritiker und landet schließlich im Hotelbett mit dem Präsidenten. "Poh Pooh Bee Doo" , haucht sie. Ein Glück darf Quinton ein Mädchen spielen, das dem Mythos Marilyn möglichst nahe kommen will und muss nicht wie Michelle Williams versuchen, der Monroe selbst möglichst nahe zu kommen. Alles Abweichen wird hier zur lustvollen Absicht.

Dennoch ist diese Reinkarnationsgeschichte natürlich völliger Humbug, und man kann sich nur auf sie einlassen, weil das einer genauso nüchtern erkennt: Es ist der Pariser Krimiautor Dominique Rousseau (Jean-Paul Rouve), der durch Zufall im Ort ist und den Todesfall als potenziellen Stoff gegen seine akute Schreibblockade nutzen will. Rousseau gibt sich rau und unsentimental. Stets unter einer rostbraunen Daunenjacke verpackt stapft er durch Mouthe und lauscht dank seines merkwürdig überentwickelten Gehörs den Geräuschen, die der Ort macht. Unbeirrt von eindeutigen Angeboten der Hotelangestellten und Einschüchterungsversuchen des Polizei-Kommandanten, verfolgt er seine Ermittlungen und erweist sich natürlich als doch gar nicht so rau und ganz schön empfindsam. Kurz nachdem er die Ähnlichkeiten zwischen Candice und Marilyn erkannt hat, hört er die Stimme der Verstorbenen.

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Zwar erreicht Who killed Marilyn? nicht das innovative Niveau von Twin Peaks , das in den Neunziger Jahren etliche Mystery-Produktionen mit seinem Stil inspirierte. Aber diese französische Hommage kopiert mit ausreichend Selbstironie, und immer wieder gelingen Einstellungen von absurd-komischer Morbidität. Wenn die beiden ermittelnden Männer sich konspirativ in der Sauna treffen – einer auf der unteren Bank, der andere über ihm – und über die Kälte des Mordes sprechen, oder wenn Rousseau ausgerechnet am Tatort dem schönen Knirschen von Schritten im Schnee lauscht.

David Lynch und Mark Frost hatten übrigens zunächst vor, einen rätselhaften Film über den Tod der echten Monroe zu drehen. Das Projekt fand damals keinen Abnehmer, und alles was blieb, waren Sätze, die Lynch und Frost dann in ihre Serie Twin Peaks hineinschrieben , wie die Frage des Ermittlers: "Was geschah wirklich zwischen Marilyn Monroe und den Kennedys?" Who killed Marilyn? könnte man durchaus als filmische Reinkarnation dieses Plans auffassen.

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    • Quelle ZEIT ONLINE
    • Schlagworte Marilyn Monroe | David Lynch | FBI | Inneneinrichtung | Provinz | Washington D.C.
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