Filmfest Locarno: Mit Leoparden gegen goldene Bären
Das 65. Filmfestival von Locarno überzeugte mit einem starken Wettbewerb. Er war sogar so stark, dass dies der Berlinale zu denken geben muss.
Olivier Père, der Dieter Kosslick von Locarno, macht es sich in seinem Büro bequem. Zwar verzichtet der 41-Jährige mit der Hornbrille auch in der Augusthitze nicht auf das weiße Sakko, doch der Direktor wirkt jetzt nicht mehr so unterkühlt wie bei seinen Auftritten. Vor ihm liegt ein zum Fächer gefalteter Festival-Flyer. Père ist, im Gegensatz zu seinem Konkurrenten aus Berlin, keiner, der sich gern reden hört. Aber nun, nach wenigen Minuten schon, streckt er Beine aus und beginnt, eine halbe Stunde lang fröhlich über das Kino zu plaudern.
"Ich liebe einfach das Kino", ist einer dieser Père-Sätze. Strahlend erzählt der Mann, der die Quinzaine in Cannes leitete, ehe er vor drei Jahren nach Locarno kam, von den persönlichen Momenten, die er mit den Großen des Films erleben durfte. Von Alain Delon erzählt er, der dieses Jahr ins Tessin gekommen ist, um einen Ehrenleoparden abzuholen, und er schwärmt von einem früheren Treffen mit Tarantino. Von Leos Carax – ebenfalls ein Festivalgast – schwärmt er sogar alle paar Minuten; er sagt: "Ich liebe Éric Rohmer", und er sagt, "ich liebe Brian De Palma." Er erinnert sich an Excalibur von John Boorman, den er mit zehn Jahren im Kino gesehen hat, und daran, wie er als junger Programmverantwortlicher der Cinémathèque française den spanischen Skandalfilmer Jess Franco um ein Autogramm gebeten hat: "Zugegeben, es war etwas albern, doch ich hatte damals einen fetischistischen Zugang zum Kino, ich war ein Sammler." Es war eine Zeit, in der Père wochenlang fünf Filme pro Tag schaute.
Olivier Père ist eine Enzyklopädie im Leinensakko, ein Quentin Tarantino des Filmwissens, und er ist ebenso so schwer zu bremsen wie dieser. Seine Assistentin steht seit Minuten in der Tür; der Herr Direktor muss zum nächsten Termin. Auf dem Weg nach draußen äußert er sich zur Konkurrenz von Cannes und Berlin, die jüngst enttäuschten, und meint: "Ich hoffe, wir enttäuschen nicht."
Fein erzählte Filme
Und es sieht wirklich so aus, als könnte Père dem traditionsreichen Schweizer Festival zu altem Glanz verhelfen: Der Wettbewerb dieser 65. Ausgabe Locarnos war dem Wettbewerb der 62. Berlinale ebenbürtig. Cesare deve morire, der italienische Beitrag, der den Goldenen Bären gewonnen hat, hätte es in Locarno schwer gehabt. Das diesjährige Konflikte-Kino an der Spree hatte einige sehr starke Momente, doch das Programm am Lago Maggiore zeigte mehr Facetten, es lotete alle Möglichkeiten des Kinos aus.
Es gab ganz fein Erzähltes wie den Glanz des Tages aus Österreich, in dem der Theaterschauspieler Philipp Hochmair den Theaterschauspieler Philipp Hochmair spielt, der sich mit einem früheren Zirkusartisten (Walter Saabel) anfreundet, welcher mit Messern warf und mit Bären rang. Es liegt nicht nur wegen des Wortspiels auf der Hand: In Berlin wäre der Film ein Bärenkandidat gewesen. Dieser Beitrag von Tizza Covi und Rainer Frimmel (La Pivellina) war nicht der einzige, in dem sich Wirklichkeit und Kunst elegant verweben.
Die im Kunsthistorischen Museum in Wien spielenden Museum Hours des Amerikaners Jem Cohen sind eine faszinierende Meditation über die Kunst und ihren Effekt auf das Leben. Die Hauptfigur ist ein Museumswärter, der Brueghel bewundert – und das tut der Regisseur offensichtlich auch: Wie beim Maler der Niederländischen Renaissance ist in diesem von Patti Smith mitproduzierten Film vieles nur Überbau, es erschließt sich einem die Bedeutung des Werks erst durch die Details im Hintergrund.






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