Vor Beginn der Olympischen Spiele hatte ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz angedeutet, die TV-Berichterstattung könne zumindest in einer Hinsicht ungewöhnlich werden – aufgrund der aktuellen Formschwäche diverser deutscher Ballsport-Teams, die sich nicht einmal hatten qualifizieren können. "Für andere Sportarten" bestünde deshalb die "Chance", mehr "Live-Fläche" zu bekommen, sagte er.

Kühne Optimisten hofften bereits auf ein Umdenken. Wenn schon Medaillenkandidaten wie die Fußballerinnen, das Handballteam der Männer und Aufmerksamkeitserreger wie die Basketballer um Dirk Nowitzki gar nicht erst dabei sind: Könnte das nicht ein Antrieb sein für eine generell weniger auf Stars und Medaillengewinnstreben fixierte Berichterstattung?

Die Hoffnung zerschlug sich früh: Am ersten Wochenende, während der Berichterstattung vom Schwimmen , hatte man sogar den Eindruck, ARD und ZDF hätten sich auf deutsche Erfolge noch stärker eingegroovt als sonst. Nachdem vermeintliche Hoffnungsträger im Vorlauf gescheitert waren, suhlten sie sich vor allem im ZDF geradezu in einem nationalen Minderwertigkeitsgefühl. Als abends im Studio Michael Steinbrecher den Leistungssportdirektor des Deutschen Schwimmverbandes befragte, hatte man den Eindruck, es gehe nicht um das Ausscheiden deutscher Sportler in einem olympischen Vorlauf, sondern um einen Todesfall von nationaler Tragweite.

Wir für Deutschland: Das Maß geht verloren

Als symptomatisch für die Haltung der Sportjournalisten vom Fernsehen kann gelten, dass die Redaktion der Sportschau der ARD Meldungen auf ihrem Twitter-Account mit demselben Hashtag versieht wie der Deutsche Olympische Sportbund: #WirfuerD – Wir für Deutschland. Da verwundert es kaum jemanden, dass an Tagen, an denen für D alles prima läuft, jedes Maß verloren geht. An jenem Abend etwa, als sich der Diskuswerfer Robert Harting anschickte, die erste Goldmedaille für Deutschland in der olympischen Leichtathletik seit zwölf Jahren zu holen. Da gab es für das ZDF in der Primetime nichts anderes als Diskuswerfen: Nicht nur Harting war ständig im Bild, auch fast jeder Wurf der Konkurrenten.

Dabei ist es wenig telegen, wenn ein paar massige Wesen ihrem herausgeschleuderten Wurfgerät archaisch hinterherbrüllen. Vergleichsweise sexy wirkte da der Hochsprung der Männer, der parallel stattfand. Diesen jedoch frühstückte das ZDF nach Hartings Sieg in einer holprigen Aufzeichnung ab. Man möge es dem Sender "nachsehen", sagte Reporter Peter Leissl, es sei ja kein deutscher Hochspringer dabei gewesen.

Grüße an die Bundespolizei

Ein weiteres skurriles Beispiel dafür, wie die Sender das deutsche Element überbetonten, war an jenem Abend auch um kurz nach halb zehn zu beobachten, als am unteren Bildschirmrand ein Lauftext auftauchte. Den blenden TV-Sender in der Regel dann ein, wenn es Breaking News zu vermelden gilt. Viele Sportfans dürften sich in diesem Fall aber veräppelt gefühlt haben: Der Lauftext informierte über deutsche Turnmedaillen vom Nachmittag.

Zur patriotischen Gefühligkeit tragen teilweise auch die Athleten bei. Der Diskuswerfer Martin Wierig und die Hindernisläuferin Antje Möldner-Schmitt etwa, indem sie den Interviewer bitten, noch kurz Grüße ausrichten zu dürfen – wie Teenager, die zum ersten Mal ein Mikro vor der Nase haben. Ihre Grüße gehen dann unter anderem an "die Bundespolizei".

Es gibt in den Übertragungen auch Passagen, in denen sich gelassener Realismus und Irrationalität paaren. Als Gesa Felicitas Krause zu Beginn dieser Woche über 3.000 Meter Hindernis Achte wird, loben sie die Leichtathletik-Fachmänner von der ARD. Zu Recht, denn die Achtbeste der Welt zu sein – das ist ja was. Dann heißt es aber plötzlich, Krause sei "erst" 20 Jahre alt, in Zukunft könne da ja noch mehr kommen. Im Spitzensport, auch in der Leichtathletik, ist es aber nun mal nicht ungewöhnlich, dass derart junge Menschen mehr erreichen als achte Plätze. Einer der großen Leichtathletikstars der Spiele ist bisher Kirani James aus Grenada , der über 400 Meter die Konkurrenz deklassierte. Er ist 19 Jahre alt.

Livestreams im Netz können sehr erholsam sein

Zwei Tage später widerfährt Corinna Harrer, die im Halbfinale des 1.500-Meter-Laufs ausscheidet, Ähnliches wie Krause. "21 ist sie ja erst" sagt Reporter Claus Lufen beim Interview mit der noch nach Luft japsenden Harrer. Und: "Vielleicht wird sie in vier Jahren eine Medaille gewinnen." Als ob der Zuschauer das noch nicht treppchenreife Abschneiden einer deutschen Läuferin nur dann ertragen könnte, wenn man ihm ein Heilsversprechen für die Zukunft mitliefert.

Die ARD hat den Vorteil, dass auch dann, wenn ein paar vermeintliche Versager in kurzen Hosen dafür gesorgt haben, dass die Stimmung gesunken ist, die permanente Fröhlichkeit des ländlich-knabenhaften Nachrichtenpräsentators Alexander Bommes ausgleichend wirkt. Falls sich mal wieder eine Katastrophe ereignet, weiß die ARD in Zukunft, was sie tun muss: einfach Bommes auf den Bildschirm holen und alles wird gut.

Schweigen des Moderators, Erholung des Zuschauers

Vielseitig ist der Mann ja eh: Er moderiert etwa die Quizshow Gefragt – Gejagt , die auch während der Olympischen Spiele zu sehen war – als Aufzeichnung natürlich, sogar Bommes, der Superman der ewig guten Laune, kann nicht an zwei Orten gleichzeitig sein.

Immerhin gab es auch Beispiele dafür, wie sich die öffentlich-rechtlichen Reporter in nationalen Fragen zurückhielten, etwa beim Degenfechten während eines Protests der südkoreanischen Mannschaft gegen einen Treffer der deutschen Kämpferin Britta Heidemann . Fast eine Stunde dauerte das Warten auf eine Entscheidung, online konnte man im Livestream die ganze Zeit dabei sein – und eine Zeitlang sogar am TV-Bildschirm, obwohl ja streng genommen nichts passierte. Der ZDF-Mann Norbert König äußerte sich in dieser Situation relativ ausgewogen. Die Livestreams im Netz können sehr erholsam sein – vor allem, wenn sie nicht kommentiert werden. Da kann man all die nationalistische Fixiertheit vergessen – und eine gewisse meditative Qualität genießen.

Gut haben es in diesen Tagen die Zuschauer in Österreich : Dass "noch keine Österreicherin, kein Österreicher es zu einer Medaille schaffte", sei "aus Mitgefühl für die Athleten zu bedauern", schrieb die Tageszeitung Der Standard an diesem Donnerstag. "Der ORF-Übertragung tut die Abwesenheit von heimischem Heldengetöse aber gar nicht schlecht, öffnet sich doch der Horizont auf den internationalen Charakter der Spiele."

Die hiesigen Sender haben relativ schnell die Chance, zu zeigen, dass sie es besser können als bisher gezeigt, denn wie immer gilt: Nach den Spielen ist vor den Spielen. Am 29. August beginnen in London die Paralympics. ARD und ZDF berichten 70 Stunden live.