FernsehshowsSpiel mit dem retroanfälligen Publikum

"Dalli Dalli", "Die Pyramide", demnächst "Der große Preis" – die großen Showklassiker des Fernsehens kehren zurück. Fällt den Formatentwicklern nichts mehr ein? von Markus Ehrenberg

Eine der erfolgreichsten Spielshows des ZDF kehrt nach 18 Jahren auf den Bildschirm zurück: "Die Pyramide" wird von Micky Beisenherz moderiert.

Eine der erfolgreichsten Spielshows des ZDF kehrt nach 18 Jahren auf den Bildschirm zurück: "Die Pyramide" wird von Micky Beisenherz moderiert.  |  © ZDF/Max Kohr

Ansteigende Fanfaren, ähnlich schwungvolle Melodie wie bei Wetten, dass..? , hätten Sie’s gewusst: Das ist die Titelmusik der alten ZDF-Show Die Pyramide , geschrieben von Gershon Kingsley. Auf Youtube finden sich erstaunlich viele Sendungen und Kommentare zu diesem Klassiker der Fernsehunterhaltung. Darunter eine Ausgabe vom 8. September 1991 . Dieter Thomas Heck lädt eine Zuschauerin zusammen mit dem jungen Heiner Lauterbach auf die Bühne, wo Begriffe gestisch oder mit Umschreibungen darzustellen und vom Gegenüber zu erraten sind. Ja, es stimmt schon, Fernsehen ist manchmal gar kein Gegenteil von Langeweile mehr, sondern Langeweile an sich. Aber selten ist diese Langeweile so harmlos-elegant, quasi mit menschlicher Wärme dahergekommen wie beim Begrifferaten mit Heck. Dem Mann ist oft Unrecht angetan worden.

Ab Montag wird Die Pyramide neu aufgelegt. Nicht mit Dieter Thomas Heck, sondern dem Moderator Micky Beisenherz, auf ZDFneo . Der 35-Jährige hat sich durch seine bisherigen Jobs nicht unbedingt für die Nachfolge von Dieter Thomas Heck empfohlen. Beisenherz ist bekannt für recht deftige Zoten, schreibt Dirk Bach und Sonja Zietlow die fiesen Kommentare im Dschungelcamp . Vergleichbar seien diese beiden Formate nicht, sagt Beisenherz, "aber ich möchte, dass alle Spaß haben und sich bei mir wohlfühlen. Und wenn sie das tun, dann können sie die eine oder andere Spitze sicher gut vertragen."

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Es wird also ungemütlicher werden für die Gäste in der neuen Pyramide . Unter anderem haben sich Oliver Pocher und Christine Neubauer zum Begrifferaten angesagt. Wer halt alles als Promi so kommt, in eines der zahllosen Quiz-Show-Formate von ARD über ZDF  bis Sat1.

Mit Beisenherz hat das ZDF die Generation Internet im Blick, ohne die alten Zuschauer zu vergraulen. Denen beim Fernsehen fällt ja nichts mehr ein, werden Kritiker sagen. Andreas Gerling, ZDF-Leiter Quiz, entgegnet, ein Klassiker der deutschen Fernsehunterhaltung kehre zurück. Zwischen 1979 und 1994 war Die Pyramide mit 155 Ausgaben eine der beliebtesten ZDF-Shows. Bis heute gehöre sie zu den drei langlebigsten und erfolgreichsten Gameshows weltweit, war auf allen Kontinenten populär.

Die Wiederbelebung traditionsreicher Spielshows aus den 1970er und 1980er Jahren hat im Fernsehen Konjunktur. Allem Neuen zum Trotz – es gibt offenbar ein retroanfälliges Publikum in Deutschland, das sich nach der guten alten Fernsehzeit ohne Castingkram, Bloßstellungen oder Scripted Reality sehnt, abzulesen auch an zahllosen Seiten im Internet. Wie zum Beispiel retro-tv.de, ein Online-Portal, das sich mit alten Shows, Filmen und Serien befasst.

Ute Biernat, Geschäftsführerin der Produktionsfirma Grundy Light Entertainment, hofft seit Jahren auf eine Rückkehr dieser Formate und wird nicht müde, das zu betonen. "Ich glaube fest an die Renaissance der täglichen Gameshow", sagte sie bereits vor einigen Jahren. Später wiederholte sie im DWDL.de-Interview: "Die meisten haben Angst, dass es altes Fernsehen ist. Ich kann Bedenkenträger verstehen: Die Sendungen von damals würden genau so eins zu eins heute nicht mehr funktionieren." Die Ideen dahinter seien aber stark.

Das sieht auch der NDR so. Die Wiederbelebung des ZDF-Formats "Dalli Dalli" im NDR war ungewöhnlich genug, auch wenn dessen Moderator Kai Pflaume nicht in die zotige Jung-Moderatoren-Kategorie à al Micky Beisenherz gehört. " Dalli Dalli wurde vom Publikum hervorragend angenommen", sagt eine NDR-Sprecherin. Die erste Staffel 2011 erreichte in Norddeutschland im Schnitt 9,5 Prozent Marktanteil. Am 20. Juli starteten sechs neue Folgen, mit über zehn Prozent Marktanteil im Norden. "Ein großer Grund dafür ist, dass wir uns sehr nah an dem, was sich Hans Rosenthal mal ausgedacht hat, bewegen", sagt Pflaume. Man habe ein Gefühl zurückgebracht: schönes Fernsehen, Spiel, Spaß, Spitze.

Dahinter steht wohl ein Sehnen der Zuschauer nach der guten alten Zeit, ohne Euro-Krise und dergleichen. Er wisse nicht, ob Die Pyramide zur Euro-Rettung beiträgt, sagt Beisenherz. "In der Tat ist eine gewisse Grundübersichtlichkeit manchmal vielleicht ganz schön." Das ZDF glaubt daran. Nach dem Warmlaufen beim Experimentiersender ZDFneo rückt die Pyramide ab 27. August nachmittags ins Hauptprogramm. Das Studio sowie der Ablauf der Show sollen sich mit frischem Retrostil am Charme des Originals orientieren. Selbst die berühmte Titelmusik von Gershon Kingsley wird beibehalten. Der neue Moderator wollte das so.

Was kommt noch – Am laufenden Band ? Die Formatentwickler bei den Fernsehsendern haben derzeit einen leichten Job. Eine ABM-Maßnahme darf da nicht fehlen. Zu Weihnachten will ZDF-Show-Allzweckwaffe Jörg Pilawa auf den Retrotrend aufsteigen. Der große Preis kehrt zurück.

Erschienen im Tagesspiegel

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Leserkommentare
  1. Wenn schon olle Kammellen, dann aber auch richtig:
    Ich wünsch mir dann mal die Neuauflage von "Zwei aus einer Klasse".

    Oder doch besser die alten Sendungen als Wiederholung? ;-)

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Es ist eher die Angst der Produzenten und Programmdirektoren, die zum Griff in die Mottenkiste führen. Es ist die panische Angst vor der Blamage, vor dem Rauswurf wegen zu geringer Quoten im Bereich der "werberelevanten Zielgruppen". Und so greift man dann in seiner Not zum Althergebrachten - denn das verspricht geringes betriebswirtschaftliches Risiko.

    Die Moderatoren und Darsteller werden dagegen gnadenlos verheizt - man achtet daruf, dass es "vergleichbare" Persönlichkeiten im Sinne der betriebswirtschaftlichen Standardisierung sind. Persönlichkeiten ohne jegliche Eigenschaften, ohne Charisma - einfach und leicht auszutauschen.

    Übrigens: der Fernseh- und Kulturbetrieb hat gerade wieder einmal ein neues Opfer gefunden - der ehemalige Kinderstar Silvia Seidel hat sich vor ein paar Tagen das Leben genommen. Verheizt und nach Verbrauch nach Hartz IV abgeschoben.

  2. Wir haben uns als Familie bereits vor fünf Jahren vom Fernsehen verabschiedet.
    Und wenn ich heute solche Artikel lese, weiss ich auch
    gleich wieder warum.
    Empörend, dass ich so etwas an 2013 zwangsweise mitfinanzieren muss.

    Wie war noch das Zitat von Max Liebermann?

    Gruß
    S_R

    • Ron777
    • 06. August 2012 17:02 Uhr

    Diese alten Fernsehsendungen und Spiele haben für die Bürger heute den überragenden Reiz, aus einer Zeit zu kommen, in der noch alles klar, eindeutig zu sein schien. Das Eurodesaster, die ElendsUnion, das Versagen deutscher Politik und die Wirren der Finanzkrise lassen die Deutschen zurückblicken in eine Zeit der großen Quizzmaster, der DM, der Spießigkeit. Wem ist das zu verdenken...

  3. nicht auf altbewährtes zurückgreifen? Montagsmaler und Co. waren doch unterhaltsam.

    • Gerry10
    • 06. August 2012 17:10 Uhr

    ...dahinter. Ich wage mal die Prognose das der Durchschnittszuschauer +35 Jahre ist.
    Ich glaube mich daran zu erinnern, dass "Das Sandmänchen-Lied" am häufigsten von der gleichen demographischen Gruppe auf Youtube abgerufen wird :-)
    Wohl auch ein Zeichen der aufspreizenden Alterspyramide.
    Man sollte auch den "Unschuldswert" dieser Retroshows nicht unterschätzen. Big Brother, Dschungelcamp, Deuschland sucht... etc. sind entweder vollkommen niveaulos oder/und für ein wesentlich jüngeres Publikum gemacht.
    Ich gestehe gern das mich bei der Erinnerung an Dalli Dalli auch schon mal ein Lächeln über die Lippen streicht.
    Es wird aber viel zu oft ausgeblendet das die "Gute Alte Zeit" nicht so gut war wie wir sie in Erinnerung haben.
    Ein 3.Weltkrieg ja ein Atomkrieg war eine Wahrscheinlichkeit. Terror gabs damals mehr und wesentlich näher zu Hause. Arbeitslosigkeit war in den Achzigern ein gewaltiges Problem.
    Aber das haben wir ja hinter uns bzw. die Befürchtungen haben sich teilweise als Falsch erwiesen, wir können es mit ruhigen Gewisssen ausblenden damit es das Bild der heilen Welt nicht verwischt.
    Aber das ist ja das schöne an Nostalgie - es auch mal dort glänzen zu lassen wo kein Gold ist.

  4. Es ist eher die Angst der Produzenten und Programmdirektoren, die zum Griff in die Mottenkiste führen. Es ist die panische Angst vor der Blamage, vor dem Rauswurf wegen zu geringer Quoten im Bereich der "werberelevanten Zielgruppen". Und so greift man dann in seiner Not zum Althergebrachten - denn das verspricht geringes betriebswirtschaftliches Risiko.

    Die Moderatoren und Darsteller werden dagegen gnadenlos verheizt - man achtet daruf, dass es "vergleichbare" Persönlichkeiten im Sinne der betriebswirtschaftlichen Standardisierung sind. Persönlichkeiten ohne jegliche Eigenschaften, ohne Charisma - einfach und leicht auszutauschen.

    Übrigens: der Fernseh- und Kulturbetrieb hat gerade wieder einmal ein neues Opfer gefunden - der ehemalige Kinderstar Silvia Seidel hat sich vor ein paar Tagen das Leben genommen. Verheizt und nach Verbrauch nach Hartz IV abgeschoben.

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  • Schlagworte Dieter Thomas Heck | Publikum | NDR | ZDF | Christine Neubauer | Dieter Thomas
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