Im jungen Markt für professionelle Webserien hat Yahoo eine alte Fernsehstrategie für sich entdeckt: prominente Mitwirkende. Sie sollen das Format populärer machen und Zuschauer auf Videoseiten locken. Im Juli war dieser Name Tom Hanks , die animierte Serie Electric City des Schauspielers hatte ihre Premiere auf dem Onlineportal. Das neuste Experiment ist Cybergeddon , ein Computerthriller von Anthony E. Zuiker. Der machte sich als Schöpfer der Krimiserie Crime Scene Investigation (CSI) einen Name und betreibt mit BlackBoxTV bereits einen YouTube-Kanal für Horrorfilme. Cybergeddon , das in neun Episoden über drei Tage hinweg erscheint, ist Zuikers bisher größtes Onlineprojekt.

Die kanadische Schauspielerin Missy Peregrym ( Heroes , Rookie Blue ) spielt die FBI-Agentin Chloe Jocelyn. Die aufstrebende Computerexpertin nahm in ihrem größten Coup den Cyberterroristen Gustov Dobreff fest, der drohte, sich an ihr zu rächen. Ein Jahr später alarmiert ein ominöses Computervirus die globalen Finanz- und Energiemärkte. Zur gleichen Zeit wird Jocelyn von ihren FBI-Kollegen festgenommen. Der Vorwurf lautet Cyberkriminalität. Es ist offensichtlich, dass die Agentin das Opfer einer Verschwörung ist, die sie nach ihrer Flucht aus dem Gewahrsam aufdecken muss. Man braucht nicht viel Fantasie um schon nach den ersten Szenen richtig zu tippen, wer dahinter steckt.

Auch sonst fordert Cybergeddon wenig Vorstellungskraft vom Zuschauer. Wie Zuikers CSI bietet Cybergeddon solide Thriller-Hausmannskost: Jede Menge schneller Split-Screen-Szenen, viel Pseudo-Technik in Form von Handys, Quellcodes, Downloadbalken und Eingabemasken und dick aufgetragene Blau- und Grünfilter, die augenscheinlich versuchen, von den zweckoptimierten Dialogen abzulenken. Dazwischen gibt es immer wieder Szenen, die sich an der Grenze zwischen gerade-noch-erträglich und latenter Unglaubwürdigkeit bewegen. Etwa, wenn die Heldin nach einem kurzen Blick auf eine schier unendliche Reihe Binärcode ein Muster erkennt oder bei ihrer Flucht die FBI-Kollegen in Stöckelschuhen überwältigt.

Über mangelnde Plausibilität lässt sich freilich hinwegsehen. Schwieriger wird es bei den Stereotypen, die ähnlich herausragen wie Peregryms Oberweite. In Reihenfolge ihres Auftretens finden sich in Cybergeddon wieder: Die hübsche Heldin, der osteuropäische Bösewicht, der nachtragende Ex-Lover und Kollege, die stutenbissige Vorgesetzte und der ebenso geniale wie durchgeknallte Nerd. Kaum ein Klischee wird ausgelassen, um zu zeigen, dass es sich hier um eine Online-Produktion handelt, die es mit TV-Formaten aufnehmen kann. 

Klassische Mittwochabendunterhaltung

Das kann Cybergeddon gemessen an Umsetzung und Budget allemal. Während Google mit YouTube und seinen Partnerkanälen auf junge Unterhaltung, Lifestyle und Internet-Berühmtheiten setzt, versucht der Konkurrent Yahoo offenbar das traditionelle Fernsehpublikum vor den Rechner zu holen – mit traditionellen Inhalten. Tom Hanks' Electric City war noch der Versuch, eine ambitionierte Animationsserie für Erwachsene zu schaffen. Cybergeddon ist dagegen klassische Mittwochabendunterhaltung, die gar nicht erst versucht, ein neues Format oder neue Erzählstrukturen auszuprobieren.

Dabei wollten die Macher eigentlich gerade das. "Kleinere Bildschirme erfordern eine andere Aufmerksamkeit", sagte Zuiker USA Today. Denn die größte Hürde im Bereich Webvideo liegt darin, die Zuschauer länger als wenige Minuten vor dem Bildschirm zu halten. Deshalb versucht sich Cybergeddon am bekannten Episodenformat: "Die Serie hat alle zehn Minuten einen Anfang, einen Mittelteil und ein Ende. Alles ist sehr schnell, sehr emotional", sagt Zuiker.

Und so hechelt die Protagonistin von einer Szene zur nächsten, was leider weniger packend als rastlos wirkt. Es ist das bekannte Dilemma von Online-Produktionen: Kurze, knackige Episoden sind notwendig, der Erzählbogen soll trotzdem groß gespannt werden. Cybergeddon findet dafür keine Lösung. Wohl aber Gelegenheit, alle zehn Minuten den Vorspann mit den Sponsoren einzublenden, weil es die neun Episoden nur einzeln zu sehen gibt.

Apropos Sponsoren: Bizarr wird Cybergeddon als Symantec, ein realer Hersteller von Anti-Viren-Software und Werbepartner der Serie, die fiktive Bühne betritt und der Angestellte die Heldin mit den Worten empfängt: "Chloe Jocelyn käme nicht zu Symantec, wenn sie nicht die Hilfe von Profis benötigen würde!" Diese Art von Einbindung der Sponsoren kommt in Filmen und TV-Produktionen häufig vor, wird aber selten so plump gehandhabt. Man wartet förmlich darauf, dass an der Stelle ein Fenster zum exklusiven Sondergebot für Yahoo-Nutzer auf dem Schirm aufploppt. Dass der zweite Werbepartner wenig später nur in Form eines Sportwagens ins Spiel gebracht wird ("Oh, der GTR? Ist der schön!"), wirkt dagegen richtig dezent.

Immerhin will Cybergeddon gar nicht erst Interaktivität vortäuschen. Anders als in Electric City gibt es, abgesehen von einer Handy-App und etwas Tratsch rund um die Dreharbeiten, wenig zusätzliches Material, kein Forum oder Feedback-Möglichkeit für Zuschauer jenseits von Facebook und Twitter. Am Ende ist Cybergeddon eben doch nur durchschnittliches Fernsehen. Fernsehen, das zur Abwechslung im Browser läuft.