Schul-DokumentationInklusion – zu nett, um wahr zu sein

Hella Wenders hat vier Schüler in einer inklusiven Grundschule begleitet und anrührende Geschichten gefilmt. Leider wirkt ihre Dokumentation streckenweise unaufrichtig. von 

"Drei, zwei, eins... platsch! … null." David liest seine selbstgeschriebene Geschichte über ein abstürzendes Space Shuttle vor, spannend konstruiert und lustig. Der Viertklässler fragt sich: Wo hört das Weltall auf? Er will Astronom werden, um die großen Fragen, die ihm niemand beantworten kann, selbst zu erforschen. Wer Kinder vor der Kamera zu Wort kommen lässt, hat eigentlich schon gewonnen.

Wie auch die Regisseurin Hella Wenders in ihrem Dokumentarfilm über die Schule Berg Fidel in einem Brennpunktviertel von Münster. Sie porträtiert David, Jakob, Lucas und Anita – vier Kinder mit unterschiedlichen Behinderungen und Lernschwächen. Drei Jahre lang hat sie sie durch die Grundschule begleitet, in der Behinderte und Nicht-Behinderte, Kinder von Ausländern und Deutschen, Unter- und Mittelschichtkinder gemeinsam unterrichtet werden. Respektvolle Bilder und anrührende Geschichten sind ihr gelungen.

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Davids Bruder Jakob beispielsweise hat das Down-Syndrom. Die anderen Kinder erzählen, wie sehr sie an ihm schätzen, dass er sie trösten kann. Sie üben mit ihm Buchstaben schreiben und können seine unartikulierten Laute problemlos den Erwachsenen übersetzen. Für David hingegen ist es ein Gräuel, wenn er zu einfache Aufgaben erledigen muss. Aber er hofft, dass es auf der weiterführenden Schule neben guten Freunden und netten Lehrern einen Teppichboden gibt. Weil David schlecht hört. Teppich schluckt den Lärm ein wenig. Anita wiederum hat ganz andere Probleme, sie stammt aus einer Roma-Familie aus dem Kosovo , die fürchtet abgeschoben zu werden. Sie hütet ihre Geschwister und träumt davon, Topmodel zu werden. Jeder soll an dieser Schule willkommen sein und nach seinem Tempo lernen.


Der Film wirbt für das Prinzip der Inklusion, das längere gemeinsame Lernen, und ganz konkret für die Schule Berg Fidel, die ein Ziel hat: Sie will zur Gemeinschaftsschule werden, an der die Kinder auch nach den vier Grundschuljahren zusammen bleiben.

Das Problem des Films ist allerdings, dass Wenders pädagogische Erklärungen vermeiden und nur die Kinder reden lassen will. Das tut dem Film nicht gut, denn es lässt sich nicht konsequent durchhalten. Immer wieder muss Wenders auf erklärende Zwischentitel zurückgreifen, suggestive Frage stellen oder den Zuschauer nach den Zusammenhängen suchen lassen.

Leserkommentare
  1. Wird eigentlich zwischen Inklusion und Inklusion unterschieden? Ich persönlich sehe es volkommen unproblematisch, wenn körperlich behinderte Kinder in "normale" Schulklassen gehen. Rollstuhl Schieben, Helfen beim Setzen und ähnliche Tätigkeiten fördern das Sozialverhalten... und schränken den möglichen Unterricht kaum ein.
    Kommen jedoch geistige Behinderungen ins Spiel, sehe ich Lehrer, aber auch vor allem andere Schüler schnell überfordert. "Der Unterricht kann nicht normal Verlaufen, weil ein Kind einfach nicht in der Lage ist, ihm zu folgen." Das führt doch nur zu Frust, welcher sich in negativem Sozialverhalten, (noch) langsamerem Unterricht und weniger Bildung führt.
    Alle Menschen sind verschieden und man sollte versuchen auf deren Bedürfnisse einzugehen. Ich glaube nicht, dass auch nur ein Lehrer in Deutschland es schaffen kann, zwei verschiedene, optimale Bildungswege (geistig behindert/nicht geistig behindert) im Selben Raum zu gestalten. Es ist ja schon schwer genug, Unterricht für 25-30 "normal verschiedene" Kinder zu gestalten. Und nicht zu vergessen, auch für die 25-30 Kinder ist dies schwer.

    Muss Inklusion nun sein, weil man als Politiker einfach nicht sagen darf, dass einige Menschen so anders sind, dass sie eine Sonderbehandlung brauchen?

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    Wunderbarer Kommentar!
    Wir müssen einfach einsehen, dass einige Kinder besonderer Zuwendung bedürfen. Das ist gar nicht böse gemeint. Aber in dieser Debatte wird dann schnell von Ausgrenzung gesprochen. Dabei verwehren die Verfechter der Inklusion den behinderten Kindern die Behandlung und Fürsorgen, die sie brauchen und auch verdienen.
    Denn genau an der Überforderung der Lehrer, die für eine solche Aufgabe einfach nicht ausgebildet sind, wird das ganze scheitern und ins negative umschlagen.
    Wird eigentlich noch zwischen verschiedenen Behinderungen unterschieden? Ein Querschnitzgelähmter kann durchaus auch ein Gymnasium besuchen, aber welche Art der Fürsorge ist für einen ab dem Hals abwärts gelähmten notwendig? Wer wird diesem Schüler beim essen helfen? Wer hilft ihm beim Toilettengang?
    Die Lehrer? Die haben längst so viele andere Aufgaben.
    Das Problem ist doch, dass es bereits Schulen für diese Kinder gibt an denen das Programm ganz auf sie zugeschnitten ist. Dort gibt es verschiedenste Fachkräfte, die auf die Herausvorderungen vorbereitet sind.
    All diese Fachkräfte werden jetzt entfernt und sollen sich in den regulären Lehrern vereinen. Vielleicht kommt daher auch die Bezeichnung Inklusion. Der Lehrer soll alle Fähigkeiten der speziell ausgebildeten Fachkräfte in sich vereinen, am besten durch einen 2-tägigen Workshop.

    Auf spezielle Bedürfnisse von Menschen individuell einzugehen ist keine Ausgrenzung. Im Gegenteil, durch Inklusion wird es zu einer Ausgrenzung kommen.

  2. "Behinderte und Nicht-Behinderte, Kinder von Ausländern und Deutschen, Unter- und Mittelschichtkinder"... Früher in der Schule nannte man das Stilmittel Klimax, wenn ich mich recht erinnere. Ist das gewollt, die Paare Ausländer und Deutsche und Unter- und Mittelschicht mit "behindert" und "nicht behindert" auf eine Stufe zu stellen?

    Aber nun zur eigentlichen Kritik:
    Diese Romantisierung von Lernunterschieden ist doch eine moderne Form des postiven Rassismus. Man diskriminiert keine Personen mehr direkt, sondern man spricht ihnen einfach das Recht ab, anders sein zu dürfen. Mit Toleranz und Multi-Kulti hat das erst mal gar nichts zu tun. Es geht dabei einzig und allein um Konformisierung - und das im Gewand des guten Inklusions-Samariters. Das ganze dann noch als pädagogische Glanzleistung zu verkaufen, finde ich äußerst frech. Wir integrieren doch Behinderte nicht aus Selbstlosigkeit in die Gesellschaft. Die können ja auch noch arbeiten! Dann schickt man sie in eine Krankenhausküche oder ähnliches und lässt sie für einen Bruchteil des angemessenen Lohns arbeiten. Das spart Geld und so kann sich jeder nützlich machen - so ists doch! Wenn man jemanden durch eine Art Zwangssozialisierung arbeitsfähig fördern kann, darf man ihn auch wie jeden anderen Bürger ausbeuten, nur das sich die Behinderten dann eben doch nicht so gut wehren können. Oder haben sie schon mal von einer Gewerkschaft der Behinderten Angestellten der Lebenshilfe o. ä. gehört?

  3. Wie soll ich einem Hauptschüler erklären, daß er zu "dumm" fürs Gymnasium ist. Gleichzeitig aber ein Lern- oder Geistigbehinderter, der Dank seiner Einschränkung die Qualifikation zum Besuch des Gymnasiums erhält.

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    • creezy
    • 12. September 2012 9:49 Uhr

    welche Gymnasium Sie denn kennen und benennen könnenauf dem im Rahmen des Inklusionmodells Schüler mit schweren geistigen Behinderungen lernen dürfen? Also real?

    Ich wüsste nicht, warum ein Kind mit Lernproblemen nicht auf ein Gymnasium gehen sollte, wenn es ansonsten intellektuell dem Anspruch gewachsen ist. Dafür gibt es Sozialpädagogen, die hier Hilfestellungen leisten.

    Und bitte nur zur allgemeinen Kenntnisnahme: Menschen mit Behinderungen – übrigens auch Menschen mit geistigen Behinderungen – sind nicht zwangsläufig dumm oder blöd und unfähig das Abitur zu machen.

    • creezy
    • 12. September 2012 9:42 Uhr

    Himmelherrgottsakra. Es heißt Menschen mit Behinderung und Menschen ohne Behinderung. DAS sollte Parvin Sadigh als Journalist eigentlich schon wissen dürfen.

    Meine Empfehlung: http://www.leidmedien.de

    Lernt es endlich!

    • creezy
    • 12. September 2012 9:49 Uhr

    welche Gymnasium Sie denn kennen und benennen könnenauf dem im Rahmen des Inklusionmodells Schüler mit schweren geistigen Behinderungen lernen dürfen? Also real?

    Ich wüsste nicht, warum ein Kind mit Lernproblemen nicht auf ein Gymnasium gehen sollte, wenn es ansonsten intellektuell dem Anspruch gewachsen ist. Dafür gibt es Sozialpädagogen, die hier Hilfestellungen leisten.

    Und bitte nur zur allgemeinen Kenntnisnahme: Menschen mit Behinderungen – übrigens auch Menschen mit geistigen Behinderungen – sind nicht zwangsläufig dumm oder blöd und unfähig das Abitur zu machen.

    Antwort auf "Wie soll ich"
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    Ich könnte Ihnen da ein Gymnasium in NRW nennen (Eine Bekannte ist dort Lehrerin). Werde ich aber aus Datenschutzgründen nicht machen. Ich hoffe sie verstehen das.

    Warum ein Kind mit Lernproblemen nicht auf ein Gymnasium gehen sollte? Weil es dort über kurz oder lang abgehängt wird.
    Und diese Sozialpädagogen von denen sie reden, an welcher Schule soll es die geben?
    Das ist doch genau das Problem, die Kinder mit Behinderung kommen an die Schulen und es wird kein zusätzliches Personal eingestellt.

    Und ob die Kinder zu "blöd" sind oder unfähig das Abitur zu machen, ist nicht der Punkt woran das ganze scheitern wird.

    Stephen Hawkins, einer der brilliantesten Köpfe unserer Erde, kann nicht alleine Nahrung zu sich nehmen, kann nicht alleine auf Toilette gehen oder sich selbst Kleiden. Dennoch ist er um weiten Intelligenter als Sie und ich.
    Es geht nicht um den Intellekt der Kinder sondern um die ganz kleinen Aufgaben. Diese zu übernehmen kann man von Mitschülern nicht verlangen. Und auch die Lehrer haben andere Aufgaben. Vertrauen sie mir.
    Die Lösung wäre das Fachpersonal der ehem. Sonderschulen an die Gymnasien zu bringen. Aber genau das wird nicht gemacht.
    Warum? Kosten mein Guter.
    Warum wird über Inklusion nachgedacht?`Kosten mein Guter. ;)

    Hallo,
    ja kann ich. PÖersönlich bin ich allerdings der Ansicht, dass Inklusion mit einem dreigliedrigen Schulsystem nicht machbar ist. Eben auf Grund des oben benannten Widerspruchs, warum darf ein lernschwaches Kind nicht aufs Gymnasium eines mit Etikett aber schon.
    Dabei sei darauf aufmerksam gemacht, dass sich bei dieser Frage der Unterschied zwischen Integration und Inklusion zeigt. Denn bei dem genannten Beispiel handelt es sich eben um Integration von Kindern mit Behinderungen an einer Schule an der sie nach der Systemlogik des 3gliedrigen Schulsystems nicht sein dürften.

  4. Wunderbarer Kommentar!
    Wir müssen einfach einsehen, dass einige Kinder besonderer Zuwendung bedürfen. Das ist gar nicht böse gemeint. Aber in dieser Debatte wird dann schnell von Ausgrenzung gesprochen. Dabei verwehren die Verfechter der Inklusion den behinderten Kindern die Behandlung und Fürsorgen, die sie brauchen und auch verdienen.
    Denn genau an der Überforderung der Lehrer, die für eine solche Aufgabe einfach nicht ausgebildet sind, wird das ganze scheitern und ins negative umschlagen.
    Wird eigentlich noch zwischen verschiedenen Behinderungen unterschieden? Ein Querschnitzgelähmter kann durchaus auch ein Gymnasium besuchen, aber welche Art der Fürsorge ist für einen ab dem Hals abwärts gelähmten notwendig? Wer wird diesem Schüler beim essen helfen? Wer hilft ihm beim Toilettengang?
    Die Lehrer? Die haben längst so viele andere Aufgaben.
    Das Problem ist doch, dass es bereits Schulen für diese Kinder gibt an denen das Programm ganz auf sie zugeschnitten ist. Dort gibt es verschiedenste Fachkräfte, die auf die Herausvorderungen vorbereitet sind.
    All diese Fachkräfte werden jetzt entfernt und sollen sich in den regulären Lehrern vereinen. Vielleicht kommt daher auch die Bezeichnung Inklusion. Der Lehrer soll alle Fähigkeiten der speziell ausgebildeten Fachkräfte in sich vereinen, am besten durch einen 2-tägigen Workshop.

    Auf spezielle Bedürfnisse von Menschen individuell einzugehen ist keine Ausgrenzung. Im Gegenteil, durch Inklusion wird es zu einer Ausgrenzung kommen.

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    Antwort auf "Behinderte Kinder?"
  5. für weitere Einsparungen im Bildungsbereich? Sonderschulen, sprich Immbolienkosten, ANzahl der Speziallehrerkräfte usw., werden geschlossen und gekürzt und durch ein paar Coaches an den Schulen ersetzt. Das birgt eine Menge Einsparpotential für den Staat auf Kosten der Kinder und Lehrer. Die Probleme die dadurch in den Klassen entstehen sind hahnebüchend. In Hamburg erfolgt Inklusion vor allem an den schlechteren Gesamtschulen, währedn die Gymnasien davon verschont bleiben. Sprich die Masse wird weiter verdummt.....

  6. ...ist wohl ein wenig zu groß Gedacht. Im aktuellen Schulmodell in eine Klasse mit 25 Schülern mit verschiedensten Anforderungen ohne weiteres ein Kind mit Anforderungen an das Lehrpersonal stecken, welche sie auf keinen Fall zusätzlich erfüllen können. Ich bin mir sicher, dass auch geistig behinderte Kinder ein Abitur schaffen können. Jedoch benötigen sie eine andere, intensivere Betreuung als 99% aller anderen Kinder, oder etwa nicht?

    Wenn genügend Zeit zu Hause von den Eltern, in der Schule von Lehrern und Mitschülern und in der Freizeit von weiteren Betreuern investiert wird, schaffen bestimmt noch viel Mehr Kinder ein Abitur. Leider fallen einige durchs Raster aus mehr Gründen als diese Nachricht Zeichen haben darf. "Erziehungskompetenz und Zeit der Eltern oder Kinderbetreuern" "Pädagogisches Talent der Lehrer" "Klassengröße" "INDIVIDUELLE BEDÜRFNESSE aufgrund der INDIVIDUELLEN PERSÖNLICHKEIT, die nicht erkannt wurden" Sorry fürs groß schreiben, aber das passt perfekt zum Problem. Alle in einen Topf, nur weil Gymnasium drauf steht? Nein, so nicht.

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